Volkswagen: VW mit Gewinnschub – doch wurde Absatzprognose gesenkt
Volkswagen-Produktion im Stammwerk Wolfsburg: Die aktuellen Quartalszahlen sind noch sehr ordentlich ausgefallen. Doch schon 2023 könnte alles ganz anders aussehen.
Foto: ReutersDüsseldorf. Die weltweiten Geschäfte von Volkswagen haben sich in den vergangenen drei Monaten weiter stabilisiert. Deshalb liegt der Wolfsburger Autohersteller nach den ersten drei Quartalen von 2022 bei Umsatz und Ertrag wieder deutlich über dem Vorjahresergebnis.
In der Produktion konnte der Konzern die Verluste aus dem ersten Halbjahr zum Teil wieder aufholen. Das gilt besonders für das wichtige Chinageschäft. Auch die Versorgungslage bei Halbleitern verbesserte sich wieder etwas. Volkswagen bestätigte weitestgehend die bisherige Jahresprognose für 2022, machte aber zunächst keine Angaben zum nächsten Jahr. Die Absatzentwicklung verlief hingegen schlechter als erwartet.
Der Konzernumsatz ist nach den ersten neun Monaten von 2022 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 8,8 Prozent auf rund 203 Milliarden Euro angestiegen, wie Volkswagen am Freitagmorgen mitteilte. Im selben Zeitraum ist der Nachsteuergewinn um gut zwölf Prozent auf knapp 13 Milliarden Euro angewachsen. Beim operativen Ergebnis schlagen zusätzliche Abschreibungen auf das Russlandgeschäft und Kosten im Zusammenhang mit dem Porsche-Börsengang in Höhe von zusammen 1,6 Milliarden Euro zu Buche.
Abwicklung von Argo AI kostet Volkswagen Milliarden
Der operative Gewinn liegt nach drei Quartalen bei rund 17 Milliarden Euro, ein Plus von 22,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit kommt der Konzern auf eine operative Rendite von 8,4 Prozent (Vorjahr: 7,6). Im Finanzergebnis muss der Konzern 1,9 Milliarden Euro für den am Mittwoch verkündeten Rückzug beim Softwareunternehmen Argo AI abschreiben, mit dem Volkswagen eigentlich autonome Systeme für Robotaxis entwickeln wollte.
Abstriche macht der Konzern hingegen beim Jahresziel der Kundenauslieferungen, weil Volkswagen die Einbrüche aus dem ersten Halbjahr bis Ende Dezember nicht mehr vollständig aufholen kann. Volkswagen rechnet jetzt damit, dass im gesamten Jahr rund 8,9 Millionen Fahrzeuge verkauft werden können, was dem Ergebnis von 2021 entspricht. Bislang hatten die Wolfsburger von einer Absatzsteigerung zwischen fünf und zehn Prozent gesprochen. Am Donnerstag hatte auch der VW-Dauerrivale Toyota seine Verkaufsziele für dieses Jahr zurückgenommen.
Weil die Autos in den meisten Regionen der Welt zu höheren Preisen verkauft werden können und Volkswagen in der Regel auch besser ausgestattete Fahrzeuge verkauft, kann der Konzern Umsatz und Erträge trotz stagnierender Verkaufszahlen deutlich steigern. Deshalb hält der VW-Konzern auch an seinem Jahresausblick für 2022 fest.
Volkswagen erwartet, dass die Umsatzerlöse für 2022 zwischen acht und 13 Prozent über dem Vorjahreswert liegen werden. Im operativen Geschäft rechnet der Konzern mit einer Umsatzrendite zwischen sieben und 8,5 Prozent. Dabei will der Autohersteller das obere Ende der beiden Intervalle für Umsatz und Rendite erreichen.
Höhere Preise gleichen Absatzrückgang aus
„Dieses Quartal hat einmal mehr die finanzielle Widerstandskraft von Volkswagen in einem herausfordernden Umfeld unter Beweis gestellt“, kommentierte VW-Finanzvorstand Arno Antlitz am Freitag die jüngste Drei-Monats-Bilanz. Der neue Vorstandschef Oliver Blume sprach davon, dass der Wolfsburger Konzern „auf dem Weg zu einer stärkeren nachhaltigen Wertschöpfung ein gutes Stück vorangekommen ist“.
Der gesamte Konzern hat in den ersten drei Quartalen wieder besonders stark von der guten Entwicklung bei seinen Luxus- und Premiummarken profitiert. So kommt Porsche nach neun Monaten auf einen operativen Gewinn von rund 4,7 Milliarden Euro. In der Vorjahresperiode waren es noch 3,3 Milliarden Euro. Die operative Rendite liegt bei 19,4 Prozent. Porsche erreicht damit einen Spitzenwert für die gesamte Automobilbranche.
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Auch bei der Premiumtochter Audi entwickeln sich die Geschäfte unverändert positiv. Nach neun Monaten liegt der operative Gewinn bei 6,3 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es 4,2 Milliarden. Die Ingolstädter Premiumtochter kommt damit auf eine operative Rendite von 14,1 Prozent. Audi-Konkurrent Mercedes hatte am Donnerstag eine Umsatzrendite von 14,5 Prozent gemeldet.
Der Volkswagen-Konzern kann inzwischen auch nicht mehr auf die guten Ergebnisse der Finanz- und Leasingsparte VW Financial Services (VWFS) verzichten. Nach neun Monaten steuert die Braunschweiger Konzerntochter ein operatives Ergebnis von 4,4 Milliarden Euro bei. In der Vorjahresperiode waren es noch 3,7 Milliarden Euro.
Das nächste Jahr wird deutlich schwieriger
Wegen der zusätzlichen Abschreibungen für das Russlandgeschäft und der Kosten im Zusammenhang mit dem Porsche-Börsengang hat der Konzern im dritten Quartal nicht ganz die Erwartungen der meisten Investoren und Analysten erfüllt. Jefferies-Autoexperte Philippe Houchois sprach trotzdem von „soliden Zahlen“. Das Ergebnis von Porsche falle dabei besonders positiv auf – gerade vor dem Hintergrund, dass die Verkaufszahlen in der ganzen Autobranche in einem dritten Quartal traditionell immer etwas schlechter ausfielen.
Trotzdem gehörte die VW-Vorzugsaktie am Freitag im Frankfurter Börsenindex Dax in einem insgesamt schwächeren Markt zu den klaren Verlierern. Das VW-Papier büßte bis zum Mittag rund drei Prozent seines Kurswertes ein.
In diesem Jahr profitiert der VW-Konzern wie die gesamte Autobranche noch von einer unverändert guten Auftragslage. Vor allem wegen fehlender Halbleiter konnten die Kundenbestellungen nicht mehr zügig abgearbeitet werden. Längere Lieferzeiten waren die Folge. Bei den stark nachgefragten Elektroautos müssen Kunden teilweise bis zu zwölf Monate auf einen Neuwagen warten.
Wegen der anhaltenden Energiekrise und der rezessiven konjunkturellen Tendenzen dürfte sich die positive Ertragslage bei Volkswagen und den anderen Autoherstellern im nächsten Jahr nicht fortsetzen. Auch der VW-Konzern spürt inzwischen einen Rückgang bei den Auftragseingängen. Die ersten Analysten haben die Ertragsziele für das kommende Jahr bei großen Autokonzernen wie Volkswagen deshalb bereits zurückgenommen.
Spätere Investitionsplanung
„Es ist sehr schwer, die weitere Entwicklung vorherzusagen“, sagte VW-Finanzvorstand Arno Antlitz am Vormittag in einer Analystenkonferenz. Gleichwohl sei der Konzern bei der Entwicklung der Auftragseingänge bislang nicht beunruhigt. Einen Ausblick für 2023 werde Volkswagen tatsächlich erst im nächsten Jahr geben.
Der VW-Konzern verschiebt zudem seine üblicherweise für November angesetzte „Planungsrunde“, in der über die wichtigsten Investitionen der nächsten fünf Jahre entschieden wird. Wegen der starken makroökonomischen Veränderungen seit Ausbruch des Ukrainekrieges brauche Volkswagen jetzt mehr Zeit für seinen Investmentplan, ergänzte Finanzchef Antlitz.
Die genauen Pläne sollen nun im nächsten Frühjahr vorgestellt werden. Vor einem Jahr hatte der Konzern bis 2025 fast 160 Milliarden Euro für Investitionen eingeplant.