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Autonomes FahrenVW und Ford verlieren durch Argo-Ausstieg viel Geld – Robotaxi-Branche stehen schwere Zeiten bevor

Der Abschied der beiden Autobauer aus Argo AI könnte ein Vorbote für eine schwächere Robotaxi-Entwicklung sein. Start-ups wie Aurora, Cruise und Mobileye verlieren an Wert.Felix Holtermann, Stefan Menzel, Roman Tyborski 27.10.2022 - 15:30 Uhr Artikel anhören

Erst vor zwei Jahren hatte Volkswagen 2,6 Milliarden Euro in das US-Start-up investiert. Jetzt steht Argo AI vor dem Aus.

Foto: Volkswagen AG

Berlin, Albuquerque, Düsseldorf. Am Mittwochabend wurde das Aus von Argo AI besiegelt. Volkswagen und Ford haben verkündet, ihr gemeinsames Engagement in das Robotaxi-Start-up aufzugeben. Ein mit Milliarden bewertetes Unternehmen löst sich damit über Nacht in Luft auf.

Der US-Autobauer hat den Ausstieg zur Vorlage der Quartalszahlen am Mittwoch bekannt gegeben. Ford-Chef Jim Farley begründet die Entscheidung mit der langen Entwicklung des autonomen Fahrens ohne Aussicht auf Gewinne, mit denen Ausgaben finanziert werden könnten. „Es wären noch mehrere Milliarden an Investitionen nötig gewesen“, sagte Farley zur Vorlage der Ford-Zahlen.

Laut Finanzchef John Lawler hätte Ford noch mindestens fünf Jahre investieren müssen, bevor erste Einnahmen realistisch geworden wären. Technikchef Doug Field zufolge sei die Entwicklung eines Robotaxis, das vollkommen selbstständig durch den Stadtverkehr fahren kann, schwieriger, als einen Menschen auf den Mond zu bringen.

VW-Chef Oliver Blume sagte am Mittwochabend zum Rückzug bei Argo: „Gerade bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien zählen Fokus und Geschwindigkeit. Unser Ziel ist es, unseren Kundinnen und Kunden die leistungsfähigsten Funktionen zum frühestmöglichen Zeitpunkt anzubieten und unsere Entwicklung möglichst kosteneffizient aufzustellen.“

Der US-Autobauer muss sein Investment in Argo AI abschreiben und setzt 2,7 Milliarden Dollar in den Sand. Das brockt Ford einen Quartalsverlust von über 800 Millionen Euro ein. Volkswagen zieht sich nach nur zwei Jahren aus dem Start-up zurück. 2020 hatte VW rund 2,6 Milliarden Dollar in Argo AI investiert. Wie viel sich von dieser Summe auflöst, ist unklar. Am Freitag wird VW seine Quartalszahlen vorlegen.

Während das Aus von Argo AI für Volkswagen und Ford einen bilanziellen Verlust bedeutet, könnte es für die Robotaxi-Branche noch schwerwiegendere Konsequenzen haben. „Aus unserer Sicht zeigt das, wie schwer die Entwicklung des echten autonomen Fahrens ist“, schreibt Bernstein-Analyst Daniel Röska. Gegenüber Reuters sagte Investor Evangelios Simoudis mit Blick auf Argo AI, dass er mit weiteren Entscheidungen dieser Art in der Robotaxi-Branche rechnet.

Bis vor Kurzem rissen sich Unternehmen und Investoren um Start-ups wie Cruise, Aurora, Mobileye, Zoox oder Waymo. Doch wegen weltweit steigender Zinsen und schwächerer Wirtschaftsprognosen gepaart mit der Erkenntnis, dass die Technologie vermutlich noch ein Jahrzehnt von der Serienreife entfernt ist, scheint der Tech-Optimismus an der Realität zu zerbrechen. Die milliardenschweren Start-ups verlieren an Wert. In der Szene des automatisierten Fahrens werden solche Entwicklungsphasen als „Winter“ bezeichnet.

US-Start-up Aurora steht zum Verkauf

Die Intel-Tochter Mobileye, die am Mittwoch ihr Börsendebüt gefeiert hat, konnte zwar am ersten Handelstag mehr als 36 Prozent zulegen. Der Börsenwert von 23 Milliarden Dollar liegt aber um mehr als die Hälfte unter den anfangs angepeilten 50 Milliarden Dollar.

GM-Tochter Cruise, die derzeit Robotaxis in San Francisco anbietet, einst mit rund 30 Milliarden Dollar bewertet, kommt nur noch auf 19 Milliarden. Zuletzt hat der japanische Technologiefonds Softbank auch seine Anteile für 2,1 Milliarden Dollar wieder an GM verkauft. GM macht jedes Jahr rund zwei Milliarden Dollar Verlust mit der Robotaxi-Tochter.

Das US-Unternehmen Aurora wiederum ist nur noch 2,5 Milliarden Dollar wert. Zu besten Zeiten waren es einmal mehr als 20 Milliarden Dollar. Die Not bei Aurora ist groß. Chef Chris Urmson hat die Belegschaft bereits auf Kosteneinsparungen eingestellt, und sogar ein Verkauf steht im Raum. Apple und Microsoft kämen infrage. Keines der beiden Unternehmen hat aber bislang zugegriffen.

Für eine Marktabkühlung spricht auch, dass Argo offenbar zuletzt nicht mehr in der Lage war, weitere Investoren neben Ford und Volkswagen zu gewinnen. Auch das soll für Ford ein Grund gewesen sein auszusteigen, heißt es aus Branchenkreisen.

Viele Argo-Beschäftige in den USA und Deutschland reagierten am Mittwoch erstaunt bis entsetzt auf die Nachricht. „Es gab Einsparungen in den vergangenen Monaten. Aber wir haben noch letzte Woche neue Kollegen eingestellt. Niemand hier hat mit einem Aus gerechnet“, sagte ein Insider dem Handelsblatt.

Den über 280 Mitarbeitern der deutschen Tochter, der Argo GmbH, hat VW bereits ein Übernahmeangebot gemacht. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihr Beschäftigungsverhältnis nicht unterbrochen wird“, heißt es in einem internen Memo, das dem Handelsblatt vorliegt. Auch der 2022er-Bonus werde voll ausgezahlt. „Volkswagen plant, die Argo AI GmbH zu übernehmen.“ Volkswagen wird daher vermutlich nicht die komplette Investitionssumme von 2,6 Milliarden Euro abschreiben müssen.

Mobileye dürfte neuer VW-Partner werden

Am Donnerstag um zehn Uhr sollen die Argo-Mitarbeiter im Rahmen einer virtuellen Konferenz weitere Details erhalten. Dennoch ist die Stimmung schlecht. Zwar könnten deutsche Argo-Mitarbeiter unter anderem beim Hamburger Robotaxi-Projekt eingesetzt werden oder zu Cariad wechseln.

Doch die Volkswagen-Softwaretochter gilt im Münchener Argo-Team, in dem viele gut ausgebildete IT-Experten arbeiten, als zweitklassig. „Wir haben alle gehofft, unabhängig zu bleiben. Viele gute Leute werden das Unternehmen verlassen“, so eine Stimme.

Für VW ändert sich nach dem Argo-Aus nicht viel. Automatisierte Fahrfunktionen, also beispielsweise Autobahnassistenten, entwickelt ohnehin Cariad in Zusammenarbeit mit Bosch. Für seine bisher mit Argo geplanten Robotaxis, die nach wie vor über die Mobilitätstochter Moia in Hamburg 2025 an den Start gehen sollen, will VW in Kürze einen neuen Partner präsentieren.

Den Namen des künftigen Partners nennt das Unternehmen derzeit noch nicht. In Konzernkreisen wird die Intel-Tochter Mobileye als Favorit gehandelt. VW-Vorstandschef Oliver Blume hatte Anfang Oktober in einem Handelsblatt-Gespräch gesagt, dass „wir aktuell in guten Gesprächen mit einem der weltweit renommiertesten Anbieter sind.“ Mobileye gehört zu den führenden Unternehmen bei der Entwicklung autonomer Fahrsysteme.

Ford vollzieht im Gegensatz zu Volkswagen eine strategische Wende. Der US-Autobauer konzentriert sich künftig auf automatisierte Fahrfunktionen, beispielsweise einen Autobahnassistenten. Hier gäbe es laut Ford-Chef Farley auch kurzfristig potenzielle Einnahmequellen.

Bernstein-Analyst Röska geht davon aus, dass dieses Modell bei den Autobauern Schule machen könnte. „Am Ende könnte es für Autohersteller die bessere Option sein, individuelle Kundenfunktionen wie einen Autobahnassistenten selbstständig zu entwickeln oder solche Systeme von Zulieferern zu kaufen, statt immer weiter Geld in ein schwarzes Loch zu schütten“, schreibt Röska.

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