Chemieindustrie: Jedes vierte Chemieunternehmen macht Verlust – VCI warnt vor dramatischer Entwicklung
Die hohen Energiepreise machen der Branche zu schaffen.
Foto: dpaFrankfurt. Die Perspektiven der Chemieindustrie in Deutschland haben sich in den vergangenen Monaten nach Einschätzung des Branchenverbandes VCI weiter verschlechtert. Verbandspräsident Markus Steilemann zeichnete auf der Jahrespresskonferenz ein entsprechend düsteres Bild: „Die Lage ist dramatisch. Die enormen Energiepreise, aber auch die Preissteigerungen von Rohstoffen und Vorprodukten machen der industriellen Basis unseres Landes schwer zu schaffen“, sagte Steilemann.
Von der geplanten Strom- und Gaspreisbremse würden die Unternehmen der Branche voraussichtlich kaum oder gar nicht entlastet werden, warnte der VCI-Präsident. Die Regelungen würden zu stark von den ursprünglichen Vorschlägen der Gaskommission abweichen. „Vor allem unsere Mittelständler kämpfen um ihre Zukunft“, so Steilemann, der im Hauptberuf Chef des Leverkusener Kunststoffkonzerns Covestro ist.
Das schlägt sich deutlich in der Ertragsentwicklung nieder. Etwa 80 Prozent der Mitgliedsunternehmen des VCI melden inzwischen rückläufige Erträge, ein Viertel der Chemieunternehmen arbeiteten bereits mit Verlust.
Überproportional stark betroffen davon sind die mittelständischen Firmen in der Branche. Denn während die stark globalisierten Großkonzerne wie BASF oder Covestro einen Teil der Probleme durch ihre starke Präsenz in Nordamerika und Asien abfedern können, sind die Mittelständler viel stärker auf ihre deutschen Produktionsstandorte angewiesen.
Letztlich stehe die Zukunft der Chemie als drittgrößte deutsche Industriebranche auf dem Spiel. „Sie kann auf Dauer nur überleben, wenn sie über genügend Gas als Rohstoff für die Herstellung ihrer Produkte und über genügend günstigen Strom zum Betreiben ihrer Anlagen verfügt.“
Industrienachfrage schwächt sich ab
Die schwierige Situation für die Branche ergibt sich zum einen aus dem drastischen Anstieg der Energiekosten. Die hohen Preise zwingen etliche Firmen dazu, besonders energieintensive Produktionsanlagen wie etwa die Ammoniakherstellung stark herunterzufahren. Bei einzelnen Grundstoffen gibt es laut VCI daher bereits Versorgungsengpässe.
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Zum anderen geht mittlerweile aber auch die Nachfrage zurück, wichtige Abnehmerbranchen bauen lieber ihre Lagerbestände ab. Weite Teile der Wirtschaft stecken nach Einschätzung des VCI bereits in einer Rezession. Zwei Drittel der Chemieunternehmen klagen über einen Auftragsmangel. Und die Nachfrage aus der Industrie werde wohl weiter sinken.
Seine Prognose für die Entwicklung der Branche im Gesamtjahr hat der VCI daher weiter reduziert. Der Umsatz der Branche dürfte zwar preisbedingt um 17,5 Prozent auf 266 Milliarden Euro wachsen. Gleichzeitig wird die Produktion in der chemisch-pharmazeutischen Industrie nach neuester Schätzung im Gesamtjahr aber um sechs Prozent schrumpfen. Bisher war man noch von einem Rückgang von 5,5 Prozent ausgegangen.
Klammert man die nach wie vor wachsende Pharmaindustrie aus, dürfte die reine Chemieproduktion um zehn Prozent zurückgehen (gegenüber einem bisher erwarteten Minus von 8,5 Prozent). Starke Produktionseinbußen von 15 Prozent verzeichnet die Branche dabei vor allem bei energieintensiven Petrochemikalien. Die Produktion von anorganischen Grundstoffen und Kunststoffen dürfte laut VCI bereits um jeweils neun Prozent geschrumpft sein. Die Kapazitätsauslastung bewegt sich nach Schätzung des Verbandes inzwischen bei nur noch knapp unter 80 Prozent.
Produktion wird 2023 weiter sinken
Für 2023 erwarten die Chemieunternehmen einen weiteren kräftigen Rückgang der Produktion, so Steilemann. Auch der Umsatz werde voraussichtlich sinken. „Wir glauben daher nicht an ein frohes neues Jahr. Die Ausgangslage ist denkbar ungünstig. Zusammengefasst ergibt sich ein düsteres Bild. Die Produktion ist stark gedrosselt, die Kapazitäten sind nicht ausgelastet.“
Steilemann übte vor diesem Hintergrund heftige Kritik an der Politik. Die Unterstützungsmaßnahmen der Regierung kämen bei vielen Unternehmen der Branche nicht an. Die Vorschläge der Gaskommission, den Unternehmen 70 Prozent ihres Gasverbrauchs zu sieben Cent je Kilowattstunde zur Verfügung zu stellen, seien zwar vielversprechend gewesen. Die Regierung habe ihre Zusagen jedoch nicht eingehalten und stattdessen mit Blick auf Brüssel den beihilferechtlichen Rahmen umgesetzt, und im parlamentarischen Verfahren wurde für weitere Verschärfungen gesorgt.
Konkret kritisiert der VCI-Präsident unter anderem, dass die festgelegten Förderobergrenzen für Großverbraucher viel zu niedrig seien und dass alle Unternehmen gezwungen seien, Rücklagen zu bilden, falls ihr Betriebsergebnis nicht um mindestens 40 Prozent sinkt.
Damit seien so große Unsicherheiten verbunden, dass die Unternehmen zögerten, Förderung in Anspruch zu nehmen. Das wiederum werde mit dazu beitragen, dass die Firmen ihre Investitionen im kommenden Jahr wohl deutlich reduzierten.
Ebenfalls heftige Kritik übt der Branchenverband an neuen geplanten Regulierungen der EU im Chemiebereich. Steilemann verweist dabei auf weitere 51 neue Gesetzesvorhaben der EU-Kommission, während 116 Vorschläge aus den Vorjahren noch anhängig seien. „Die ohnehin schon angeschlagenen Unternehmen erwartet damit ein regelrechter Regulierungs- und Bürokratietornado.“
Anstatt Anreize für Innovation und Investition zu setzen, schnelle Planungs- und Genehmigungsverfahren auf den Weg zu bringen und den massiven Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben, werde gesetzgeberisches Mikromanagement betrieben.
Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Anteil der Chemieunternehmen, die Verluste machen, mit 40 Prozent angegeben. Laut VCI sind es jedoch etwa ein Viertel.