Morning Briefing Plus – Die Woche: Besinnliche Weihnacht jenseits von rührseligen Werbespots – Der Wochenrückblick aus der Chefredaktion
Düsseldorf. Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Sie diesen Wochenrückblick erhalten, erreicht die Weihnachtszeit ihren Höhepunkt – und auch dieses Jahr ist wieder alles anders. Haben wir uns 2020 und 2021 vor allem darum gesorgt, dass sich unsere Liebsten mit dem Coronavirus infizieren könnten, gibt es seit dem 24. Februar 2022 einen Krieg in Europa. Mehr als eine Million aus der Ukraine geflüchtete Menschen wurden seitdem in Deutschland registriert. Wer im Land geblieben ist, erlebt einen eiskalten Winter in ständiger Angst vor russischen Angriffen.
Tania Chontoroh, die für uns seit Kriegsbeginn Tagebuch schreibt, berichtete diese Woche aus der Ukraine: „Nur vereinzelnd sieht man in Kiew Menschen, die wohl Geschenke kaufen. So viel Lebenskraft? Ich bewundere das. Alle, die ich kenne, planen keine Feier. Wir haben keinen Grund zur Freude.“
Der in der Weihnachtszeit gern verwendete Begriff der „Besinnlichkeit“ ist für mich in den vergangenen Jahren ehrlicherweise eher zum Buzzword geworden. Ein Begriff für Supermarkt-Weihnachtswerbespots, in denen Menschen mit einer geteilten Bockwurst den Weltfrieden wieder herstellen. Doch dieses Jahr wurde der Begriff für mich mit einem neuen Ernst gefüllt: Auch wenn wir in Deutschland unter der hohen Inflationsrate ächzen und viele mit Sorge auf die wirtschaftliche Entwicklung des kommenden Jahres schauen – Angst um unser Leben haben wir meistens nicht. Das ist ein Grund zur Freude, darauf sollten wir uns besinnen.
Besonders gefreut hat mich dementsprechend auch unser positiver Freitagstitel. Wie jedes Jahr haben wir an dieser Stelle wieder die „Menschen des Jahres“ gekürt. Entstanden ist eine großartige Ausgabe, in der unter anderem Douglas-Aufsichtsrätin Tina Müller über den neuen Adidas-Chef Björn Gulden schreibt oder Multiaufsichtsrat Joe Kaeser über Robert Habeck als „Politiker des Jahres“.
In meiner – wie Sie ja vermutlich bereits bemerkt haben doch sehr besinnlichen Weihnachtsstimmung – hat mich aber besonders der Kommentar meiner Chefredaktions-Kollegin Kirsten Ludowig gefreut. „Wir sind alle Menschen des Jahres“ schreibt sie.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Es war ein Auftritt für die Geschichtsbücher: Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski ist diese Woche das erste Mal seit Kriegsbeginn offiziell ins Ausland gereist. Ziel war allerdings nicht Brüssel, sondern Washington, wo ihn Präsident Joe Biden empfing. Vor dem Besuch hatte Biden bestätigt, dass die US-Regierung der Ukraine das Patriot-Flugabwehrsystem liefern wird – und das Land mit weiteren 1,8 Milliarden US-Dollar unterstützen wird. Unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz schreibt über die Begegnung: „Selenski wollte die Menschen aufrütteln.“ Was er sich für die amerikanische Bevölkerung wünsche? „Dass Sie Ihre Kinder lebend sehen. Dass Sie sie nicht sterben sehen müssen, wie so viele der Eltern in der Ukraine. Und dass wir diesen Krieg gemeinsam gewinnen.“
2. Über diese exklusive Handelsblatt-Geschichte wurde diese Woche in Deutschland diskutiert – auch in der Handelsblatt-Redaktion. Der Lufthansa-Vorstand um Carsten Spohr soll für 2021 und 2022 Bonuszahlungen bekommen – trotz mehr als neun Milliarden Euro Staatshilfe während der Corona-Pandemie. Diese wurde mittlerweile zwar zurückgezahlt und der Bonus soll auch erst ab 2025 ausgezahlt werden, als Langfristbonus. Glücklich sind mit der Regelung trotzdem nicht alle – war die Frage nach Boni doch einer der Hauptdiskussionspunkte bei der Coronahilfe.
3. Auch für Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht und die Rüstungskonzerne Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann waren die vergangenen Wochen berichterstattungstechnisch nicht gerade bequem. Lambrecht wurde schon länger vorgeworfen, ihr Haus nicht im Griff zu haben, wie der Kollege Frank Specht diese Woche schrieb. Die Meldung, dass 18 vermeintlich gefechtstaugliche Panzer des Typs Puma nach einer Schießübung ausgefallen sind, half da nicht gerade weiter. Nun spielte Lambrecht den Ball zurück an die Hersteller – diese sollen die Panzer bis Jahresende wieder einsatzfähig machen.
4. Der Unternehmer Reinhold Würth wurde 1935 geboren – kann also über Krisen einiges berichten. Umso ernüchternder seine Antwort auf die Bitte von Kirsten Ludowig und Martin Buchenau bei uns im Interview, uns ein wenig Mut zu machen: „Ehrlich gesagt, so arg viel Grund gibt es nicht, Mut zu machen. Ich bin 87 Jahre alt, und eine solche Häufung von Negativismen habe ich noch nie zuvor als Unternehmer erlebt.” Einen Grund zum Feiern hat er dann allerdings doch noch im Verlauf des Gesprächs gefunden.
5. Der Staat muss immer mehr Ausgaben stemmen und spart sich dabei selbst kaputt? Meine Kollegen Jan Hildebrand und Martin Greive haben diese Aussage einmal genauer untersucht. Ihre Bilanz: Der Mythos vom kaputtgesparten Staat ist nicht haltbar – das heißt aber nicht, dass er an manchen Stellen nicht sehr wohl zu schwach aufgestellt ist. Für die übersichtliche Analyse wurde das Thema von uns auch in sieben Grafiken aufbereitet – besonders beschäftigt hat mich davon diese hier:
6. Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage haben viele nach dem spektakulären Hackerangriff beim Autozulieferer Continental im Sommer gestellt. 40 Terabyte Daten wurden dabei entwendet – und die Kollegen Michael Verfürden und Roman Tyborski haben diese Woche eine Antwort auf die Frage gefunden. Wie so oft bei Hackerangriffen war es offenbar die Fehlhandlung eines Einzelnen, die die Tür zum Datenklau geöffnet hat.
7. Vor einem Jahr ging der italienische Modekonzern Zegna an die Börse. Unser Italien-Korrespondent Christian Wermke konnte dessen CEO Ermenegildo Zegna und Chefdesigner Alessandro Sartori treffen. In diesem sehr lesenswerten Longread zeigt er auf, wie beide den Wandel vom Familienbetrieb zum Luxuskonzern geschafft haben.
8. Teilzeit arbeiten für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das klingt erst einmal schlüssig. In der Realität häufen sich allerdings insbesondere bei hochqualifizierten Teilzeitkräften die Überstunden nur so an – und das bei einem schlechteren Gehalt. Der Text „Darum ist Teilzeit für Hochqualifizierte oft Selbstbetrug“ der Kollegin Franziska Telser hat diese Woche besonders viele Leserinnen und Leser bei uns interessiert.
9. Was für ein Jahr liegt vor uns? Dieser Frage hat sich unser Chefredakteur Sebastian Matthes gewidmet – in 16 persönlichen Thesen. Anders als Reinhold Würth (s. Punkt 4) findet er dort auch Gründe für Optimismus. Insbesondere seine 16. These, den Drang der Menschen nach Freiheit, finde ich beachtenswert– und sie macht auch mir Hoffnung.
Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage,
Herzliche Grüße
Ihre
Charlotte Haunhorst