Preisentwicklung: Inflation im Euro-Raum sinkt stärker als erwartet auf 9,2 Prozent
Die Inflation in der Euro-Zone liegt deutlich über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent.
Foto: BloombergFrankfurt. Die Inflation im Euro-Raum hat sich im Dezember weiter abgeschwächt. Die Verbraucherpreise stiegen um 9,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Das teilte das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag auf Basis einer ersten Schätzung mit. Im November hatte die Teuerungsrate noch bei 10,1 Prozent gelegen. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten hatten für Dezember einen Wert von 9,7 Prozent prognostiziert.
Für die Europäische Zentralbank (EZB) ist der deutliche Rückgang vor ihrer Ratssitzung am Donnerstag eine gute Nachricht. Allerdings warnen Ökonomen davor, das Inflationsproblem zu unterschätzen. Als Warnsignal gilt die Kerninflation, also die um Energie, Nahrung und Tabak bereinigte Preissteigerung. Sie verharrte damit auf dem Rekordwert von 5,2 Prozent – wie schon im Dezember. Notenbankern achten stark auf die Kerninflation, weil sie als gutes Signal für den mittelfristigen Preistrend gilt.
Die Chefvolkswirtin der KfW, Fritzi Köhler-Geib, plädiert trotz des Rückgangs für eine weitere Straffung der Geldpolitik. „Auch wenn das Tempo des Verbraucherpreisanstiegs in den nächsten Monaten aufgrund sinkender Beiträge der Energiepreisinflation deutlich nachlässt, sind weitere Zinsschritte der EZB wegen der beharrlich hohen Kerninflation unerlässlich.“
Ähnlich sieht das auch Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. Er geht davon aus, dass die Inflation im Euro-Raum den Hochpunkt überschritten hat. Doch dies sei „kein Grund zur Entwarnung.“ Weil geht davon aus, dass die Teuerung ohne die staatlichen Maßnahmen zur Abfederung der höheren Energiepreise deutlich höher ausgefallen wäre.
Die Kerninflation sei nur wegen statistischer Anpassungen zu Jahresbeginn nicht gestiegen. So sei der übliche Rückgang der Preise für Pauschalreisen zu Jahresbeginn mit einem etwa doppelt so hohen Gewicht in die Berechnungen eingegangen als im Januar vergangenen Jahres.
Experten mahnen bei der Interpretation der Zahlen außerdem zur Vorsicht. Für Deutschland haben die europäischen Statistiker wegen eines Software-Problems keine aktuellen Daten. Daher mussten sie auf ökonometrische Schätzungen zurückgreifen. Diese gelten jedoch gerade im aktuellen Umfeld, wo stärkere Abweichungen von früheren Trends gab, als weniger zuverlässig.
Tomasz Wieladek, Europa-Volkswirt bei der US-Fondsgesellschaft T. Rowe Price, rechnet angesichts des hohen Niveaus der Kerninflation damit, dass die EZB in den nächsten Monaten bei ihrer restriktiven Geldpolitik bleiben wird. Sie signalisiert, dass die Preise im Euro-Raum inzwischen auf breiter Basis anziehen. War der rapide Anstieg der Inflation bis zum Sommer des vergangenen Jahres noch im Wesentlichen durch Energie getrieben, so steigt das Preisniveau gegenwärtig in nahezu allen Güterkategorien.
Dies ist auf sogenannte Zweitrundeneffekte zurückzuführen, also Preiserhöhungen in Reaktion auf gestiegene Kosten. Zum Beispiel treiben höhere Kerosinkosten auch die Preise für Flugreisen oder höhere Heizkosten die Preise in der Gastronomie.
Die Weitergabe geschieht in der Regel zeitverzögert. Es sei also nicht ungewöhnlich, dass die Kerninflation nach einem starken Energiepreisschock auf einem hohen Niveau verharre, erläutert Experte Wieladek.
Zweitrundeneffekte gibt es auch bei der Lohnentwicklung. Verstärkt fordern Gewerkschaften mit Verweis auf die höheren Lebenshaltungskosten auch höhere Löhne. Dies übersetzt sich immer mehr ins Preisniveau. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane schrieb Ende vergangenen Jahres in einem Blogbeitrag, dass die Löhne „in den nächsten Jahren der primäre Treiber der Inflation“ würden.
Im Vergleich zu den USA war die Inflation in Europa bisher zu einem wesentlich größeren Teil auf höhere Energie und Nahrungsmittelpreise zurückzuführen. Im Dezember machte Energie im Euro-Raum 30 Prozent der Gesamtinflation aus, in den USA hingegen nur 8 Prozent. Der Anteil höherer Nahrungsmittelpreise lag im Euro-Raum bei 31 Prozent und in den USA bei 21 Prozent.
Absehbar ist, dass sich die Anteile im Euro-Raum nun deutlich verschieben und andere Güter stärker zur Inflation beitragen. Noch liegen die Januar-Preisdaten aus den USA nicht vor, doch es könnte sein, dass die Kerninflation im Euro-Raum sogar höher liegt. Dieser Fall würde erst zum dritten Mal in der Euro-Geschichte eintreten.
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