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Ukraine-KriegDeutsche Industrie bietet mehr als 100 Kampfpanzer für Ukraine an

Verbündete Staaten und die Industrie erhöhen den Druck auf Berlin. Neben Leopard 1 und 2 steht wohl auch das britische Modell Challenger 1 zur Debatte. Jetzt ist der Kanzler am Zug.Annett Meiritz, Martin Murphy, Frank Specht und Gregor Waschinski 20.01.2023 - 12:40 Uhr Artikel anhören

Die Bundeswehr müsste diesen Überlegungen zufolge keine Einheiten abgeben, was deren Abwehrkraft erhalten würde.

Foto: AFP/Getty Images

Berlin, Paris, Washington. Der neue Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) war noch keine zwei Stunden im Amt, als er am Donnerstag mit seinem US-Amtskollegen Lloyd Austin vor die Presse trat. Es gebe wichtige Dinge zu besprechen – „zuallererst natürlich die Frage der andauernden Unterstützung der Ukraine“. Dabei stünden die Bundesrepublik und die USA „Schulter an Schulter“, wie die Lieferung von Schützenpanzern, Patriot-Flugabwehr oder Raketenwerfern zeige, sagte Pistorius.

Austin betonte, dass Deutschland einer der wichtigsten Verbündeten der USA bleibe. Am Freitag werde man gemeinsam mit anderen Ländern in Ramstein über weitere Unterstützungsleistungen für die Ukraine beraten.

Die Namen Leopard oder Abrams nahmen weder Pistorius noch Austin in den Mund. Dabei wären das die Kampfpanzer aus deutscher und amerikanischer Produktion, die aus Sicht von Militärexperten im Ukrainekrieg eine entscheidende Wende bringen könnten. Doch in dieser Frage stehen Deutschland und die USA offenbar noch nicht Schulter an Schulter.

Austin war am Mittwochabend gerade in Berlin gelandet, da machten Medienberichte über ein Angebot von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Runde. Deutschland sei bereit, der Ukraine Leopard-Panzer zu überlassen, wenn die USA ihrerseits Abrams liefern.

Doch aus Washington kam umgehend Widerspruch. Der M1 Abrams sei ein „sehr kompliziertes“ Gerät, etwa weil er keinen Dieselmotor, sondern einen Turbinenantrieb hat, sagte US-Verteidigungsstaatssekretär Colin Kahl. Auch die Wartung sei nicht einfach. Es gehe nicht darum, „symbolisch wertvolle“ Waffen zu liefern, sondern Material, „das der Ukraine auf dem Schlachtfeld wirklich hilft“.

Panzerlieferung an Ukraine: Ball liegt wieder bei Olaf Scholz

Damit liegt der Ball wieder im Feld von Scholz. Der Leopard wäre im Betrieb und logistisch für die Ukrainer einfacher zu handhaben. Und es gibt zahlreiche Länder, die ihn liefern wollen. Polen gehört dazu, Finnland, auch Spanien hat Bereitschaft signalisiert. Allerdings müsste die Bundesregierung zustimmen, da die Panzer aus deutscher Produktion stammen.

Doch Scholz beharrt darauf, nur im Gleichschritt mit den Verbündeten handeln zu wollen, allen voran den USA. Das hatte der Kanzler am Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum in Davos bekräftigt. Dabei will er sich auch von Ländern wie Großbritannien nicht treiben lassen, das seinerseits bereits angekündigt hat, 14 Kampfpanzer des Typs Challenger zu liefern.

Zur Frage der Lieferung von Kampfpanzern äußerten sich beide nicht öffentlich.

Foto: IMAGO/Christian Spicker

Pistorius hatte am Donnerstag schon vor seinem Treffen mit Austin mit seinem französischen Amtskollegen Sébastien Lecornu telefoniert. Wie auch andere Länder würde Paris die Lieferung von Leopard-Panzern an die Ukraine begrüßen.

Präsident Emmanuel Macron hatte die Bundesregierung überrumpelt, als er Anfang Januar den ukrainischen Streitkräften Spähpanzer vom Typ AMX-10 RC zusagte. Berlin geriet dadurch unter Zugzwang und erklärte sich zur Lieferung von Schützenpanzern an Kiew bereit, wie auch die USA.

In der Frage von eigenen Kampfpanzerlieferungen ist die französische Regierung allerdings zurückhaltend. Die Ukraine hatte um Leclerc-Kampfpanzer gebeten, das französische Pendant zum Leopard 2. Verteidigungsminister Sébastien Lecornu sagte am Mittwoch in einer Parlamentsanhörung, die Anfrage werde momentan geprüft. In Paris ist man aber skeptisch, was die Abgabe des Leclerc an die Ukraine angeht.

Als ein Grund wird angeführt, dass die Instandhaltung beim moderneren Leclerc aufwendiger sei, was die ukrainischen Streitkräfte vor Probleme stellen könnte. Ersatzteile seien nur begrenzt verfügbar, außerdem gebe es in Europa insgesamt deutlich mehr Leopard- als Leclerc-Panzer in den Beständen.

Deutsche Industrie bietet bis zu 100 Kampfpanzer für die Ukraine an

Das gilt vor allem, wenn man ausgemustertes Gerät mit einbezieht, das bei der Industrie auf Halde steht. Wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr, könnten neben dem modernen Leopard 2 auch Leopard 1 und das britische Modell Challenger 1 aufgearbeitet und an Kiew übergeben werden. Dies hätte den Vorteil, dass die Bundeswehr keine Panzer aus dem eigenen knappen Bestand abgeben müsste.

Die betagten Kampfpanzer müssten vor einer Lieferung in die Ukraine instand gesetzt werden.

Foto: Rainer Lippert/CC/Wikipedia

Mit dem Challenger 1 hatten viele Beobachter nicht gerechnet. Ins Spiel bringt ihn der Rheinmetall-Konzern, der den Kreisen zufolge eine hohe zweistellige Anzahl des britischen Panzers von Oman kaufen und aufrüsten würde. Die Fahrzeuge könnten noch in diesem Jahr an die Ukraine übergeben werden, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Die Panzer sind zwar älter als das Nachfolgemodell Challenger 2, das die Briten der Ukraine überlassen wollen. Allerdings hätten beide Modelle die gleiche Hauptwaffe, was die Versorgung mit Munition und die Logistik erleichtern würde.

Neben dem Challenger bietet Rheinmetall die Lieferung von Leopard 1 und Leopard 2 an, der Standardwaffe der Bundeswehr. Vom älteren Modell Leopard 1 könnten in diesem Jahr 20 Kampfpanzer und innerhalb von 20 Monaten weitere 80 neu ausgerüstet und abgegeben werden.

Auch die Flensburger Rüstungsfirma FFG hat Leopard 1 im Bestand und könnte diese für die Ukraine nachrüsten. Offen ist, inwiefern sich Krauss-Maffei Wegmann (KMW) – der Haupthersteller des Leopard 2 – an einer möglichen Lieferung beteiligen könnte. Das Unternehmen schweigt sich dazu bisher aus.

Mit dem Leopard 1 und dem Challenger würde die Kampfkraft der Ukraine erheblich gesteigert, da diese den russischen Kampfpanzern überlegen seien. Zudem könnten noch einmal 100 Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 hinzukommen, sollte die Bundesregierung ihre Zustimmung geben. Dazu wollen mehrere Länder, darunter Finnland, Spanien und Polen, Kampfpanzer aus eigenen Beständen an die Ukraine abgeben.

Leopard 2: Möglichkeiten zur Abgabe von Panzern begrenzt

Die Möglichkeiten der Bundeswehr, Leopard 2 abzugeben, sind begrenzt, wenn nicht die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung aufs Spiel gesetzt werden soll. Sie verfügt aktuell noch über gut 300 Exemplare. Allerdings hatte Deutschland Tschechien und der Slowakei Leopard-Panzer im Rahmen eines sogenannten Ringtauschs angeboten.

Medienberichten zufolge soll sich der Bundeskanzler dazu bereit erklärt haben, deutsche Leopard-Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern. Scholz knüpfe die Zusage jedoch daran, dass die USA ebenso Kampfpanzer vom Typ Abrams abgeben.

Beide Länder geben noch aus Sowjetproduktion stammende Panzer an die Ukraine ab und erhalten dafür Leoparden. Die Bundesregierung könnte nun versuchen, die Regierungen in Prag und Bratislava zu überzeugen, dass die eigentlich für sie bestimmten Panzer an die Ukraine gehen und sie dann später beliefert werden. Deutschland könnte der Ukraine dann relativ zeitnah 14 Leopard 2 zur Verfügung stellen.

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Schon bei den zugesagten Marder-Schützenpanzern ist die Bundesregierung mit Griechenland ähnlich verfahren. Athen wartet länger auf die im Rahmen eines Ringtauschs versprochenen Panzer, damit Deutschland seine Lieferzusage, bis Ende März bis zu 40 Marder in die Ukraine zu liefern, einhalten kann.

Erstpublikation: 19.01.2023, 14:26 Uhr (zuletzt aktualisiert: 19.01.2023, 16:28 Uhr).

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