1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Banken + Versicherungen
  4. Versicherer
  5. Versicherer sind im aktuellen Umfeld stabil aufgestellt

KapitalanforderungenZinsanstieg stärkt die Lebensversicherer – aber an anderer Stelle droht ein Problem

Die deutschen Versicherer sind stabil aufgestellt, urteilt der Branchenverband. Parallel dazu machen höhere Zinsen aber auch andere Anlagen attraktiver.Susanne Schier 29.03.2023 - 11:17 Uhr Artikel anhören

Durch das höhere Zinsniveau fällt es den Versicherern deutlich leichter als in den Jahren zuvor, die Solvenzquote zu erfüllen, weil sie ihr Geld gewinnbringender am Kapitalmarkt anlegen können. Das berichtet der Branchenverband GDV.

Foto: dapd

Frankfurt. Mit dem Zinsanstieg ist es für die Versicherer einfacher geworden, ihre Kapitalanforderungen zu erfüllen. Dank ausreichender Eigenmittel sieht sich die Versicherungswirtschaft gut aufgestellt, um die aktuellen Finanzmarktschwankungen und die hohe Inflation abzufedern. Die deutschen Versicherer seien stabil, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands GDV.

Die steigenden Zinsen sind aber längst nicht nur positiv für die Unternehmen. Experten mahnen, dass insbesondere die Lebensversicherer das Stornoverhalten ihrer Kundinnen und Kunden genauer beobachten müssten.

Laut GDV-Berechnungen stiegen die Solvenzquoten im Jahr 2022 branchenweit an. Diese Kennzahl gibt das Verhältnis von vorhandenen Eigenmitteln zu den Solvenzkapitalanforderungen an. Bei einer Solvenzquote von mindestens 100 Prozent könnten Versicherer auch in einem extremen Krisenszenario, das statistisch gesehen nur alle 200 Jahre eintritt, alle Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden erfüllen.

Durch das höhere Zinsniveau fällt es den Versicherern nun deutlich leichter als in den Jahren zuvor, die Quote zu erfüllen, weil sie ihr Geld gewinnbringender am Kapitalmarkt anlegen können. Insbesondere in der Lebensversicherung fallen die erforderlichen Rückstellungen für Zahlungen in der Zukunft daher geringer aus.

Deshalb stiegen die Solvenzquoten der Lebensversicherer Ende des vergangenen Jahres auf durchschnittlich 510 bis 530 Prozent, wie der GDV am Mittwoch bekannt gab. Zum Vorjahresstichtag hatten die Quoten bei rund 450 Prozent gelegen.

Erst nach 2032 müssen Versicherer EU-Anforderungen ohne Hilfe erreichen

Ohne Berücksichtigung von Übergangsmaßnahmen lagen die durchschnittlichen Solvenzquoten laut Verbandsschätzung mit 270 bis 290 Prozent ebenfalls über dem Vorjahreswert von 262 Prozent.

Die Übergangsmaßnahmen wurden bei der Einführung des europäischen Regulierungsrahmens Solvency II beschlossen, um Versicherern nicht sofort hohe Kapitalanforderungen aufzubürden, sondern ihnen eine schrittweise Umsetzung der neuen Regeln zu ermöglichen. Sie laufen spätestens 2032 aus. Dann müssen die Versicherer die 100 Prozent also auch ohne diese Hilfen schaffen.

In der lang anhaltenden Niedrigzinsphase schien es so, dass dieses Ziel für manche Anbieter unerreichbar bleibt. Doch seit Mitte 2022 sei erstmals kein deutscher Lebensversicherer mehr auf Solvency-II-Übergangsmaßnahmen angewiesen, heißt es bei der Finanzaufsicht Bafin.

Asmussen zufolge könnten sich die Kunden deshalb darauf verlassen, dass „Versicherer auch unter widrigen Bedingungen ihre Verpflichtungen erfüllen können“. Das Vertrauen der Versicherten spiegele sich zugleich in den anhaltend niedrigen Stornoquoten wider.

Zinsanstieg: Verbraucher wählen alternative Anlagen

Die Stornoquoten gerieten zuletzt stärker in den Fokus. Laut dem Analysehaus Assekurata betrugen sie bei den Lebensversicherern in den vergangenen Jahren im Schnitt konstant knapp über vier Prozent.

Assekurata-Analyst David Dyschelmann stellte jedoch in einem Blogbeitrag die Frage, ob bei weiter steigenden Zinsen ein gewisser Kipppunkt bestehe, ab dem die Kunden nicht mehr an den Lebensversicherungsverträgen festhalten, sondern ihr Geld lieber in anderen Anlagen – etwa bei Banken – anlegen werden.

Dieser Zinswert sei momentan noch nicht erreicht, meinte Dyschelmann. Dennoch seien die Lebensversicherer gefordert, die eigene Stornoentwicklung und den nötigen Liquiditätsbedarf engmaschig im Auge zu behalten.

Das Problem dabei: Die meisten Lebensversicherer haben immer noch viele lang laufende Anleihen aus der Niedrigzinsphase im Bestand, die im Zinsanstieg massiv an Wert verloren haben. Sofern die aktuellen Marktwerte unter die Buchwerte rutschten, führte das zu stillen Lasten in der Bilanz.

Mit dem Zinsanstieg werden auch andere Anlageformen wie Bankeinlagen wieder attraktiver.

Foto: dpa

Solange die Versicherer die Anleihen bis zur Endfälligkeit halten, müssen sie zwar keine Abschreibungen vornehmen. Erhöhte Stornoquoten könnten aber dazu führen, dass sie die stillen Lasten realisieren und sich die Verluste zu Buche schreiben müssen.

Bafin-Versicherungsaufseher Frank Grund mahnte daher bereits letzten Herbst zu besserem Liquiditäts- und Risikomanagement. Die Unternehmen sollten sich auf vermehrte Storni, rückläufiges Neugeschäft beziehungsweise erhöhte Beitragsfreistellungen und einen kurzfristig steigenden Liquiditätsbedarf vorbereiten.

Risikobewertung des eigenen Geschäfts: Diskussion über Auswirkungen des Klimawandels

In der Schaden- und Unfallversicherung blieben die Solvenzquoten unterdessen trotz hoher Inflation stabil. Mit einem durchschnittlichen Wert von 270 bis 280 Prozent zum Jahresende 2022 entsprachen sie laut GDV in etwa dem Vorjahreswert von 277 Prozent.

Zwar wirkten sich die höheren Preise negativ auf die Quoten aus. Die gestiegenen Zinsen hatten aber einen entlastenden Effekt auf die Rückstellungen der Versicherer.

Mit Spannung beobachtet die Branche derzeit die Überprüfung des Solvency-II-Regelwerks auf europäischer Ebene. Insbesondere die Gespräche im Europaparlament dauern an.

Diskutiert wird unter anderem die Frage, wie Nachhaltigkeitsrisiken künftig in den Regulierungsrahmen integriert werden könnten. Die Idee, Eigenkapitalentlastungen für grüne Investments einzuführen, wird aber vielfach kritisch gesehen – auch von den Versicherern.

Verwandte Themen
Lebensversicherungen
Deutschland
BaFin

Dem GDV zufolge untersuchen die Anbieter die Auswirkungen des Klimawandels auf ihr eigenes Geschäft bereits verstärkt im Rahmen der eigenen Risiko- und Solvenzbeurteilung (ORSA). Das fordere auch die Finanzaufsicht Bafin.

ORSA ist ein Kernelement von Solvency II. Die Versicherer müssen dabei regelmäßig ihre kurz- und langfristigen Risiken identifizieren, bewerten und kontrollieren. Die Ergebnisse in Bezug auf den Klimawandel flössen ins Risikomanagement ein, so der Branchenverband. Vielfach bleibe aber die Verfügbarkeit von Daten eine Herausforderung.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt