Carlsquare: Deutsche Investmentbank kauft Fusionsberatung im Silicon Valley
Start-ups im Silicon Valley wachsen durch Fusionen und Übernahmen.
Foto: ReutersFrankfurt. Die Hamburger Investmentbank Carlsquare wagt trotz der Turbulenzen im Bankensektor einen Zukauf in den USA. Sie übernimmt die auf den Technologiesektor spezialisierte M&A-Beratung Capital Clarity mit Sitz in San Francisco.
Michael Moritz, Gründer und CEO bei Carlsquare, sagt gegenüber dem Handelsblatt: „Die Verunsicherung nach dem Kollaps der Silicon Valley Bank ist groß. Deshalb nutzen wir jetzt die Chancen, die das M&A-Geschäft unter Beteiligung von US-Tech-Firmen bietet.“ Selbst habe man keine Geschäftsbeziehungen zur SVB gehabt, sagt Moritz. Das gelte auch für das Übernahmeziel.
Capital Clarity existiert erst seit drei Jahren. „Als inhabergeführte Bank passt sie gut zu unserer Philosophie, denn wir machen 80 Prozent unseres Geschäfts mit Unternehmern und Unternehmerinnen“, sagt Moritz. „Der Rest entfällt auf Verkaufsprozesse mit Finanzinvestoren.“
Capital Clarity hat nach eigenen Angaben bereits Transaktionen über mehr als 100 Milliarden Dollar für technologieorientierte Unternehmen in den USA und im Ausland betreut. Managerin und Gründerin Susan Blanco und Mitgründer John A. Cooper werden Partner beim deutschen Unternehmen und beteiligen sich als Gesellschafter am gemeinsamen Unternehmen.
Zuletzt hatte die M&A-Boutique Carlsquare beispielsweise die Gesellschafter von The Quality Group (Nahrungsergänzungsmittel) beim Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an CVC Capital Partners beraten. Ferner unterstützte das Team Avrios (Software für Fahrzeugflotten), ein Portfoliounternehmen von Lakestar und Notion Capital, beim Verkauf an Battery Ventures. Carlsquare wurde im Jahr 2000 von Moritz und Mark Miller in Hamburg gegründet und wird derzeit von 18 internationalen Partnern geführt.
Mehr Fusionen mangels Börsengängen erwartet
Investmentbanker und Berater erwarten in den kommenden 18 Monaten mehr Fusionen und Übernahmen im Tech-Sektor, weil der Exit-Kanal Börsengang angesichts der Kursschwankungen an den Märkten vorerst nicht zur Verfügung steht. Damit rücken Firmenkäufe in den Vordergrund.
„Die Finanzierungen von Start-ups oder Wachstumsfirmen mit Venture-Capital haben einen Dämpfer erhalten, die Bewertungen fallen niedriger aus“, sagt Moritz. „Wenn man sich auf neue Preise einigt, kann dies zu mehr M&A-Transaktionen führen.“ Die wichtigsten Branchen seien Software inklusive Künstlicher Intelligenz, E-Commerce sowie Medizintechnik und Industrietechnologie.
Die Stimmung im Gesamtmarkt ist laut Moritz verhalten, das gesamte Transaktionsvolumen im Technologiebereich werde 2023 auf dem Niveau des Vorjahrs bleiben. Vor allem die Kreditfinanzierung für Mega-Deals ist ins Stocken geraten. „Akquisitionsfinanzierungen, die über 500 Millionen Euro hinausgehen, gibt es derzeit kaum. Wir bewegen uns üblicherweise im Bereich zwischen 70 und 130 Millionen Euro“, so Moritz.
Während die großen Transaktionen derzeit nur schwer finanzierbar sind, stieg die Zahl der Deals unter Beteiligung heimischer Start-ups zuletzt deutlich an. Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) wurden im vergangenen Jahr insgesamt 203 Start-ups übernommen nach 171 Zukäufen im Jahr zuvor – ein Höchststand.