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WindkraftWie die Nordsee das „größte Kraftwerk der Welt“ werden soll

Die Anrainerstaaten der Nordsee wollen eng kooperieren, um Europa mit Windkraft zu versorgen. Das soll auch als Ersatz für russisches Gas dienen. Das Vorhaben ist gewaltig.Christoph Herwartz, Moritz Koch, Klaus Stratmann und Kathrin Witsch 26.04.2023 - 07:42 Uhr Artikel anhören

Die EU-Kommissionspräsidentin sowie die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Belgien, Deutschland, den Niederlanden und Dänemark ging es um den Ausbau von Windparks in der Nordsee.

Foto: dpa

Ostende, Brüssel, Berlin, Düsseldorf. Das Schiff, auf dem Kanzler Olaf Scholz (SPD) und seine Kollegen herumklettern, ist eine gewaltige Baumaschine. Zwei starke Kräne sind Teil der „Connector“, der größere kann 400 Tonnen heben. Die „Connector“ operiert bis in Meerestiefen von 3000 Metern.

Wenn es nicht als Kulisse für ein Gipfeltreffen dient, werden mit diesem Schiff die Kabel verlegt, mit denen Offshore-Windparks ans Land angeschlossen werden. Solche Kabel sollen in Zukunft kreuz und quer durch die Nordsee verlaufen, um ein Netz europäischer Windparks zu schaffen, die zusammen 300 Millionen Haushalte mit Strom versorgen können.

Das Meer als Großlieferant für Ökostrom – um nichts weniger geht es beim Nordseegipfel im belgischen Ostende. Selbst der oft schmallippige Bundeskanzler wählte am Montag große Worte: „Die Nordsee kann das größte Kraftwerk der Welt werden“, sagte Scholz. „Wir brauchen schneller mehr Windenergie, um unsere Klimaziele zu erreichen – und von russischem Gas unabhängig zu werden.“ Man habe das Energie-Powerhouse direkt vor der Haustür.

Offshore-Windpark in der Nordsee: Windräder sollen so viel leisten wie 300 Atomkraftwerke

Gemeinsam mit Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich, Irland, Dänemark, Norwegen und Großbritannien will die Bundesregierung sicherstellen, dass bis 2030 Windräder mit einer Leistung von 120 Gigawatt in der Nordsee installiert werden, bis 2050 sollen Offshore-Parks sogar „mindestens 300 Gigawatt“ liefern. Das würde einer Leistung von 300 Atomkraftwerken entsprechen, wobei Windräder nicht rund um die Uhr laufen.

„Das klare Bekenntnis der Nordseeanrainer für eine enge Kooperation beim Offshore-Ausbau ist ein starkes Zeichen an Europa und den Klimaschutz“, lobte Tim Meyerjürgens, Chief Operating Officer des niederländischen Stromübertragungsnetzbetreibers Tennet. „Das wird das Vertrauen des Marktes in die politischen Vorgaben weiter stärken.“

Deutschland, das nach dem gerade vollzogenen Atomausstieg nun den Kohleausstieg vorbereitet, will bei den Erneuerbaren eine Führungsrolle übernehmen und bis 2030 allein 30 Gigawatt an Offshore-Windkraft liefern. Zwar beziehen sich diese Zahlen auch auf die Ostsee; der Schwerpunkt des Ausbaus wird aber in der Nordsee liegen. Das dortige flache Wasser, die günstigen Windverhältnisse und viele industrielle Zentren an den Küsten schaffen dort gute Bedingungen.

„In der Nordsee ist die Offshore-Windkraft in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der wettbewerbsfähigsten Energiequellen herangewachsen“, sagte Jochen Eickholt, Chef des Turbinenherstellers Siemens Gamesa Renewable Energy, dem Handelsblatt. Doch zuletzt ging der Ausbau nur schleppend voran. Seit der Inbetriebnahme des ersten deutschen Offshore-Windparks im Jahr 2010 sind hierzulande gerade einmal acht Gigawatt Offshore-Windkraftkapazität ans Netz gegangen.

Das Ziel von 30 Gigawatt bis 2030 ist also ambitioniert. In der Branche der Windparkbetreiber heißt es, die Kapazitäten der Zulieferer seien nicht beliebig skalierbar. Außerdem seien die logistischen Herausforderungen immens.

Die Nordsee soll eine der entscheidenden Regionen werden, um Europa mit Ökostrom und grünem Wasserstoff zu versorgen. Sieben EU-Staaten sowie Norwegen und Großbritannien haben am Montag vereinbart, dass sie gemeinsam Offshore-Wind produzieren wollen.

Windkraft: Was einem schnellen Ausbau der Offshore-Windparks entgegensteht

„Der Ausbau ist alles andere als ein Selbstläufer“, mahnte RWE-Offshore-Chef Sven Utermöhlen. Der Essener Energiekonzern plant in der Nordsee Windparks in Gigawattgröße. Ein Problem, das sich derzeit stellt: Mit den gestiegenen Zinsen seien die Finanzierungsbedingungen schwieriger geworden, deswegen brauche es Auktionskonzepte, „die der Inflationsentwicklung Rechnung tragen, um die Investitionssicherheit für Hersteller und Entwickler zu erhöhen und damit die niedrigsten Finanzierungskosten zu ermöglichen“, fordert Utermöhlen.

Nicht nur der Aufbau der Windräder ist anspruchsvoll. Sie müssen mit erheblichem Aufwand an das Stromnetz an Land angebunden werden. Hier sind die Netzbetreiber und die Regulierungsbehörden in den EU-Anrainerstaaten gefragt. Die Offshore-Windparks in der Nordsee sollen künftig miteinander verbunden werden, der produzierte Strom länderübergreifend verteilt werden können. Zwischen Dänemark und Deutschland sind entsprechende Projekte schon weit gediehen. 

Die Vernetzung soll große Vorteile bringen: Wenn an windigen Tagen ein Land den Strom nicht mehr sinnvoll nutzen kann, dürfte sich anderswo in Nordwest-Europa ein Abnehmer finden lassen. Insgesamt kann so die Liquidität der Strommärkte steigen, das Strompreisniveau sinken. 

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Doch ehe aus den kühnen Plänen das „Nordsee-Kraftwerk“ entstanden ist, sind massive Investitionen in die Windparks und in die Netzanbindung erforderlich. Um welche Dimensionen es dabei geht, wurde vergangene Woche deutlich: Tennet schloss die Auftragsvergabe für 14 Umspannplattformen in der Nordsee ab, Investitionsvolumen: 30 Milliarden Euro. Die Plattformen sollen 2031 fertiggestellt sein.

Erstpublikation: 24.04.2023, 18:59 Uhr.

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