Start-up: Reiseerlebnis-Portal Getyourguide sichert sich fast 200 Millionen Dollar für Wachstum
Berlin. r
Das Reiseerlebnisportal Getyourguide kann nach der pandemiebedingten Flaute nun mit frischem Kapital von Investoren und Banken durchstarten. Insgesamt erhält das Berliner Start-up 194 Millionen Dollar für das weitere Wachstum, wie das Handelsblatt vorab erfuhr. Die Runde setzt sich aus Eigen- wie auch Fremdkapital zusammen.
Getyourguide gelang dabei Unternehmenskreisen zufolge etwas, das im aktuell schwierigen Finanzierungsumfeld nur wenige Start-ups schaffen: Die Firma wird nun mit zwei Milliarden Dollar bewertet und damit deutlich höher als 2019, als 1,4 Milliarden Dollar erzielt wurden. Damals kamen die internationalen Wagniskapitalgeber Softbank aus Japan und Temasek aus Singapur an Bord und machten Getyourguide zum Einhorn.
Zugleich ist es dem Berliner Unternehmen demnach gelungen, die Runde ohne weitere Zugeständnisse – also Sonderrechte für Investoren – zu stemmen.
„Aus der Pandemie sind wir als deutlich größeres und besseres Unternehmen zurückgekommen“, sagte Firmenchef und Mitgründer Johannes Reck dem Handelsblatt. Dies begründete er mit den Einschnitten in der Coronakrise: „Wir haben schon damals eine Rosskur durchlaufen.“
Während der Pandemie erzielte das Berliner Start-up fast keine Einnahmen, weil niemand reiste. Getyourguide musste die Ausgaben drastisch senken. Es kam zu Massenentlassungen, die Belegschaft schrumpfte um rund 300 auf nur noch 500 Mitarbeitende.
Getyourguide hat Effizienz gesteigert
Inzwischen sind es wieder 800 Angestellte. Viele neue kamen in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Datenanalyse hinzu. Reck erklärt, Getyourguide sei in der Zeit effizienter geworden: „Da sind wir weiter als andere Unternehmen, die jetzt in der Krise sind.“ Vor allem die Start-ups, die während der Pandemie mit Kapital überhäuft wurden, haben jetzt große Probleme, überhaupt an frische Finanzierungsgelder zu kommen.
Weltweit bietet Getyourguide inzwischen über 75.000 Aktivitäten von mehr als 16.000 Anbietern an, darunter Führungen durch das Kolosseum in Rom, Bootsfahrten auf der Seine und Harry-Potter-Rundgänge durch London. Seit der Ausgründung von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) 2008 haben nach Firmenangaben Reisende aus mehr als 150 Ländern über 80 Millionen Buchungen vorgenommen.
Allerdings wird die Konkurrenz größer. So kann man etwa beim Urlaubsriesen Tui längst auch Reiseaktivitäten buchen.
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Der frühere Chef der Tui-Tochter Musement, David Schelp, schätzt den im Geschäft mit Touren und Aktivitäten erzielten Umsatz vor der Krise auf 170 Milliarden Euro. Das sei der drittgrößte Markt im weltweiten Tourismus, hinter Flugreisen und Hotels. Die Wachstumsraten sollen bis zur Coronakrise bei sieben bis acht Prozent pro Jahr gelegen haben. Diese dürften Schelp zufolge dieses Jahr wieder erzielt werden. Reck setzt nun vor allem auf den nordamerikanischen Markt, wo Getyourguide stark wachsen soll.
Unternehmen soll 2023 profitabel werden
Seit der Gründung war das Unternehmen nie profitabel. Das soll sich jetzt ändern. „Wir werden in diesem Jahr als Gesamtfirma die Profitabilität erreichen“, kündigt Reck an. Allein im ersten Quartal habe sich der Umsatz im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 vervierfacht. Konkrete Zahlen will der Gründer, der Biochemie mit dem Schwerpunkt Hirnforschung studiert hat, allerdings nicht nennen.
Der Reiseerlebnis-Anbieter hat frisches Geld von Investoren eingesammelt.
Foto: GetYourGuideSollte Getyourguide in diesem Jahr die Gewinnschwelle knacken, wäre das Start-up auf einen Schlag unabhängig von Investoren. Die Finanzierungsrunde sei eigentlich gar nicht nötig gewesen, sagt Reck. Das war sicherlich ein wichtiger Grund dafür, dass das Unternehmen überhaupt Geld von Investoren und Banken erhielt.
Blue Capital kommt an Bord
Vor der jüngsten Finanzspritze hat Getyourguide dem Datenanbieter Crunchbase zufolge bereits knapp 890 Millionen Dollar eingenommen. Zu den Investoren gehörten Spark Capital und Heartcore Capital, aber auch Lakestar und Atlantic Labs unterstützen das Start-up.
Die aktuelle Eigenkapitalrunde im Umfang von 85 Millionen Dollar führte Blue Pool Capital mit Beteiligung von KKR und Temasek an. Getyourguide habe das Potenzial, in der Kategorie Reiseerlebnisse Weltmarktführer zu werden, sagte Blue-Pool-Chef Oliver Weisberg. Softbank soll Unternehmenskreisen zufolge nicht dabei gewesen sein.
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Unicredit wiederum stellte den revolvierenden Kredit in Höhe von 109 Millionen Dollar zur Verfügung, an dem auch BNP Paribas, Citibank und KfW teilhatten. „Ich bin stolz darauf, dass wir in der Lage waren, einen so hohen Kredit aufzunehmen“, sagt Reck. „Die Banken haben ein gestiegenes Interesse an Getyourguide und vertrauen unserem Geschäftsmodell.“
Letztlich soll sich das Vertrauen für die Investoren auszahlen. Das wäre vor allem bei einem Börsengang der Fall. „Wir können Übernahmen verfolgen oder auch einen Börsengang, wenn die Märkte dafür offen sind“, erklärt Reck. Einen Zeitpunkt für Letzteres will er nicht nennen.