Schweizer Großbank: UBS schließt Credit-Suisse-Übernahme ab – doch die Sanierung fängt jetzt erst an
Der Startschuss für die vollständige Integration der Credit Suisse ist gefallen.
Foto: ReutersZürich. Mit dem am Montag besiegelten formellen Abschluss der Notübernahme der Credit Suisse fängt die Arbeit der UBS-Führung um CEO Sergio Ermotti erst an: Ab sofort hat die größte Bank der Schweiz Zugriff auf alle Systeme des einstigen Hauptrivalen. Die Kunden der Credit Suisse sind nun offiziell Kunden der UBS. Damit kann die UBS auch entscheiden, welche Mitarbeiter der Credit Suisse sie übernehmen möchte.
Der angekündigte Kahlschlag im Investmentbanking kann ebenso starten wie die Abwicklung eines von der Credit Suisse übernommenen, Dutzende Milliarden schweren Derivateportfolios. Ermotti sagte: „Heute heißen wir unsere neuen Kollegen der Credit Suisse bei UBS willkommen. Anstatt zu konkurrieren, werden wir uns nun vereinen und das nächste Kapitel unserer gemeinsamen Reise in Angriff nehmen.“ Finanzkreise sprachen von einem historischen Tag. Eine Zeit der Unsicherheit für den Schweizer Finanzplatz habe ein Ende.
Oberste Priorität bei der Integration der Credit Suisse hat für die UBS der Abbau der Risiken und das Etablieren der Risikokultur der UBS in den Köpfen der von Credit Suisse übernommenen Banker. Ermotti hatte als Maßgabe ausgegeben, dass die kombinierte Bank 25 Prozent des zur Verfügung stehenden Kapitals für Geschäfte im Investmentbanking aufwenden wird. Bei der Credit Suisse waren es zu Hochzeiten mehr als 50 Prozent.
Der Sparkurs dürfte daher besonders in der Investmentbank Jobs kosten. Die UBS verfolgt einen weniger kapitalsparenden Ansatz mit einem Fokus auf der Beratung bei Fusionen und Übernahmen sowie der Begleitung von Börsengängen. Im Handel ist die UBS vor allem bei Aktien stark. Die Credit Suisse war dagegen über Jahre führend bei der Emission von besonders riskanten Hochzinsanleihen. Sie mischte zudem kräftig im Geschäft mit schuldenfinanzierten Übernahmen von Unternehmen mit.
Beide Segmente im Investmentbanking erfordern, dass die Bank zumindest übergangsweise riskante Wertpapiere auf die eigene Bilanz nimmt und diese mit entsprechend viel Kapital zur Absicherung hinterlegt. Aus diesen Geschäften dürfte sich die UBS stark zurückziehen.
UBS formuliert „rote Linien“
Um zu verhindern, dass übernommene Credit-Suisse-Banker unter dem neuem Dach riskante Altgeschäfte weiterbetreiben, hat die UBS zudem eine Liste mit „roten Linien“ erstellt, wie die „Financial Times“ berichtet.
Demnach dürfen Credit-Suisse-Banker keine Kunden aus einer Reihe von Märkten mit erhöhtem Geldwäsche-Risiko mitbringen. Dazu zählen beispielsweise Russland, Belarus sowie zahlreiche afrikanische Staaten. Auch der Handel mit exotischen Finanzprodukten, etwa koreanischen Derivaten, ist ohne Genehmigung vom UBS-Management untersagt.
Bis Ende 2025 will die UBS zudem ein Portfolio mit riskanten Wertpapieren abbauen, das die Bank von der Credit Suisse erbte. Für Verluste im Zusammenhang mit der Abwicklung der Papiere hatte sich die UBS eine Staatsgarantie im Volumen von neun Milliarden Franken gesichert. Ab einem Minus von über fünf Milliarden Franken kann die UBS Steuergeld in Anspruch nehmen, um die Verluste auszugleichen. Darauf hatten sich UBS und Schweizer Regierung Ende vergangener Woche final verständigt.
Doch UBS-Chef Ermotti betonte, Ziel sei es, das Portfolio ohne Verluste für den Schweizer Steuerzahler abzubauen. Vorsorglich hatte die UBS eine Wertberichtigung auf Kredite und Finanzanlagen der Credit Suisse in Höhe von 13 Milliarden Dollar veranschlagt. Allerdings schränkte die UBS ein: Bis zu 50 Prozent der Wertpapiere könnten voll zurückbezahlt werden, wenn die UBS sie bis zur Fälligkeit auf den Büchern hält. Die staatliche Unterstützung fließt jedoch nur für realisierte Verluste, nicht für Wertberichtigungen in der Bilanz.
Schützenhilfe von der Finma
Andreas Venditti, Bankanalyst bei Vontobel, schätzt die potenziellen Verluste auf das knapp 50 Milliarden Dollar schwere Risikoportfolio auf fünf bis zehn Milliarden Dollar. Gleichzeitig besteht das Potenzial, dass die UBS das Portfolio in den kommenden Jahren wieder aufwertet und so einen außerordentlichen Sondergewinn verbuchen kann.
Schützenhilfe erhält die UBS von der Schweizer Finanzaufsicht Finma: Sie gewährt der UBS bis Ende 2025 Erleichterungen bei den Kapitalanforderungen. Erst ab 2026 muss die UBS schrittweise Kapital aufbauen, wenn sie Teile des riskanten Geschäfts der Credit Suisse weiterbetreiben will. Um eine erneute Krise wie bei der Credit Suisse zu verhindern, führt die Finma zudem ab 2024 schärfere Anforderungen an die Liquidität für systemrelevante Banken in der Schweiz ein.
Ebenfalls im Fokus steht der Abbau von Arbeitsplätzen: Die UBS will in den kommenden Jahren sechs bis acht Milliarden Franken an Kosten einsparen. Ermotti stimmte die Mitarbeiter auf einen „schmerzhaften“ Prozess ein, der jedoch so sozialverträglich wie möglich gestaltet werden soll. Konkrete Zahlen zum Stellenabbau nannte er bislang nicht. Einige Topmanager der Credit Suisse sehen jedoch keine Zukunft mehr bei der fusionierten Bank: So haben Rechtschef Markus Diethelm und Finanzchef Dixit Joschi das Unternehmen verlassen, wie am Montag weiter bekannt wurde.
Ebenso äußerte sich Ermotti bislang nicht zur Zukunft des Schweizgeschäfts der Credit Suisse. Politiker in der Schweiz fordern, die Sparte als eigenständige Bank auszugliedern und an die Börse zu bringen.
Unterdessen nimmt auch die strafrechtliche Aufarbeitung der Skandalserie an Fahrt auf, die die Credit Suisse schlussendlich die Existenz kostete. Wie die „Financial Times“ am Montag weiter berichtet, steht die Zürcher Staatsanwaltschaft kurz davor, ein offizielles Ermittlungsverfahren im Fall Greensill einzuleiten.
Dieses richte sich gegen den einst gefeierten australischen Fintech-Unternehmer Lex Greensill sowie vier frühere Mitarbeiter der Schweizer Bank. Der Kollaps der von Greensill und Credit Suisse gemanagten Lieferkettenfinanzierungsfonds Anfang 2021 verursachte bei Kunden der Bank einen Milliardenschaden.