Supreme Court: US-Gericht untersagt Studentenauswahl anhand von Hautfarbe
Am Donnerstagmorgen veröffentlichte der Supreme Court ein lang erwartetes Urteil zur sogenannten positiven Diskriminierung.
Foto: ReutersWashington. Auf den ersten Blick wirkt der Begriff „Affirmative Action“ wie ein Nischenthema. Doch eine aktuelle Entscheidung des obersten Gerichts der USA hat weitreichende Folgen. Am Donnerstag hat der Supreme Court die sogenannte „positive Diskriminierung“ für verfassungswidrig erklärt. US-Präsident Joe Biden kritisierte das Urteil scharf: „Das ist kein normales Gericht“, sagte er im Weißen Haus.
Zum einen könnten sich die Zulassungsverfahren an Tausenden amerikanischen Universitäten grundlegend verändern. Kritiker führen an, dass jahrzehntelange Bemühungen um ethnische Vielfalt auf dem Campus nun rückgängig gemacht werden könnten. Auch in der Unternehmenswelt wurde das Urteil aufmerksam verfolgt, weil die Diversitätsprogramme der Privatwirtschaft ebenfalls unter Druck stehen.
Im Mittelpunkt der Kontroverse stehen informelle Zulassungsbedingungen für hispanische, schwarze oder asiatischstämmige Bewerber und Bewerberinnen. Elite-Universitäten wie Harvard und Tausende andere US-Hochschulen sorgen damit für eine vielfältige Studentenschaft.
Die „affirmative action“ wird in den USA seit fast 60 Jahren angewandt – weil Minderheiten strukturell bedingt oft schlechtere Startbedingungen in der Schulbildung und in ihrem sozialen Umfeld haben.
Eine Interessengruppe hat nun erfolgreich dagegen geklagt, der Supreme Court hat die positive Diskriminierung gekippt. Das Interessante hierbei: Die Interessengruppe vertritt selbst eine ethnische Minderheit in den USA.
Warum das Urteil bahnbrechend ist, inwiefern Rassismusvorwürfe eine Rolle spielen – und was die Entscheidung für US-Unternehmen bedeutet:
1. Förderung von Minderheiten: Gerecht oder unfair?
Die Elite-Uni Harvard und die University of North Carolina gehören zu den ältesten Universitäten der USA. Die eine ist privat, die andere öffentlich, beide bekommen Steuergelder. Die Unis wurden vor dem Supreme Court wegen ihrer Zulassungsverfahren verklagt und haben nun eine Niederlage erlitten.
Das überwiegend konservativ besetzte oberste Gericht hat die Praxis der positiven Diskriminierung jetzt als verfassungswidrig eingestuft. Vor dem Supreme Court werden Fälle verhandelt, für die die Politik keine Lösung findet: So hatte der Oberste Gerichtshof im vergangenen Jahr das bundesweite Recht auf Abtreibung gekippt.
Bislang waren Hochschulen dazu befugt, ethnische Vielfalt als Bildungsziel zu fördern. Zwar nicht über feste Quoten, aber durch informelle Bevorzugungen von schwarzen oder lateinamerikanischen Bewerberinnen und Bewerbern. Neben Empfehlungsschreiben und außerschulischen Aktivitäten können Unis festlegen, dass die Ethnie bei der Zusage eine Rolle spielt.
Die sogenannte „affirmative action“ wird in den USA seit fast 60 Jahren angewandt – weil Minoritäten strukturell bedingt oft schlechtere Startbedingungen in der Schulbildung und in ihrem sozialen Umfeld haben.
Foto: APDas Prinzip der „Affirmative Action“ entstand in den 1960er-Jahren im Zuge der Bürgerrechtsbewegung. Damit sollten die Spätfolgen der Sklaverei und die jahrzehntelange Existenz ausschließlich weißer Bildungsstätten ausgeglichen werden. Viele US-Unis sind inzwischen ziemlich divers, spiegeln aber längst nicht die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung wider.
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Kritiker führen an, dass die amerikanische Akademikerwelt ohne „Affirmative Action“ noch weißer und noch elitärer würde, was Studien untermauern. In neun US-Bundesstaaten ist die positive Diskriminierung an Unis bereits verboten, dort verzeichnete man einen Rückgang der Diversität.
Elite-Unis wie Princeton und Yale haben gegen die Klage protestiert. Biden sagte am Donnerstag: „Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Entscheidung das letzte Wort ist“. Das Oberste Gericht dürfe „nicht ändern, wofür Amerika steht“.
Der Supreme Court war unter der Präsidentschaft von Donald Trump mehrheitlich mit konservativen Richtern besetzt worden. Die Richter werden auf Lebenszeit ernannt.
Gegner der „Affirmative Action“ argumentieren hingegen, dass verordnete Vielfalt an den Hochschulen in Wahrheit nur neue Benachteiligungen schaffe und dieselben Zulassungskriterien für alle gelten müssten.
Im Vorfeld des Urteils gab es andere Prozesse auf Bundesstaatenebene. Dabei wurde zum Beispiel enthüllt, wie Harvard Spitzensportlern, Kindern von Absolventen, wohlhabenden Spendern und Prominenten Vorteile verschafft. Diese Praxis tastet das aktuelle Urteil nicht an.
2. Der überraschende Hintergrund der Klage
Uni-Zulassungen sind eng mit dem „amerikanischen Traum“ verknüpft: Im wettbewerbsorientierten Amerika ist ein guter Hochschulabschluss viel wert, doch eine „Ivy League“-Uni wie Harvard akzeptiert nur knapp fünf Prozent der Bewerber.
Interessant am aktuellen Urteil ist: Dahinter steckt erstmals kein Kampf „Weiße gegen People of Color“. In der Vergangenheit wurden Universitäten stets beschuldigt, weiße Bewerber zu diskriminieren. So waren frühere Klägerinnen überwiegend weiße Frauen. Die Texanerin Abigail Fisher zog sogar zweimal vor das oberste Gericht, weil sie von ihrer Wunsch-Uni abgelehnt wurde – und verlor.
Dieses Mal aber klagten Asian Americans, die sich durch die Förderungen von Schwarzen oder Latinos benachteiligt fühlen. Die konservative Gruppe Students for Fair Admissions hatte im Namen von 20.000 abgelehnten asiatisch-amerikanischen Studierenden geklagt.
Die konservative Gruppe Students for Fair Admissions hatte im Namen von 20.000 abgelehnten asiatisch-amerikanischen Studierenden geklagt. Gleichzeitig setzen sich andere asiatischstämmige Bürgerinnen und Bürger auch für den Erhalt der Affirmative Action ein.
Foto: IMAGO/USA TODAY NetworkKonkret argumentierten die Kläger, dass Harvard und die University of North Carolina asiatischstämmige Bewerber systematisch diskriminieren, indem die Unis höhere Standards als bei anderen Minderheiten anlegen.
Tatsächlich kam 2004 eine Princeton-Studie zu dem Schluss, dass asiatisch-amerikanische Interessenten im Vergleich zu anderen Gruppen deutlich bessere Noten erzielen müssen, um an einer Elite-Uni aufgenommen zu werden. Im Präsidentschaftswahlkampf dürfte das Urteil thematisiert werden, denn die amerikanischen Kulturkämpfe um Ungleichheit und Diskriminierung spielen für viele Wähler eine Rolle.
Das konservative Lager der USA könnte aus dem Urteil neue Kraft ziehen. Denn der Vorwurf der Diskriminierung von Minderheiten greift bei diesem prominenten Urteil nicht. Stattdessen können Konservative nun argumentieren, dass Quoten und Förderprogramme selbst von einigen Menschen mit Einwanderungshintergrund abgelehnt werden.
3. Das Urteil könnte Folgen für die Privatwirtschaft haben
Experten erwarten einen Dominoeffekt für US-Unternehmen. So könnten die Einstellungskriterien von Firmen als Nächstes unter Druck geraten.
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Die Interessengruppe „America First Legal“ reichte eine Beschwerde bei den US-Aufsichtsbehörden ein, um Einstellungspraktiken von Blackrock, Morgan Stanley, McDonald’s oder Starbucks zu untersuchen. Sollten diese Unternehmen bestimmte ethnische Gruppen bei der Jobvergabe bevorzugen, so die Gruppe, behalte man sich eine Klage vor.
Auch könnten Mitarbeiter, die etwa die Beförderung eines Kollegen für ungerechtfertigt halten, sich ermutigt fühlen, ihren Arbeitgeber zu verklagen. „Wenn die Leute hören, dass die positive Diskriminierung an Unis aufgehoben wurde, könnten sie sagen: Nun, warum macht mein Unternehmen immer noch Diversity-Programme?“, sagte der Unternehmensberater Andrew Turnbull dem Portal Axios.
Die Führungskräfte-Coachin Janet Stovall sagte dem Portal Bloomberg, dass Unternehmen bald weniger hochqualifizierte, diverse Mitarbeiter zur Verfügung stehen werden. Sie machte eine einfache Rechnung auf: Falls weniger Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen einen Uni-Abschluss haben, finden auch weniger ihren Weg in Jobs und Führungspositionen.
Fast 70 US-Firmen, darunter General Electric, Google und Jetblue Airways, warnen genau davor. In einem Schreiben an den Supreme Court heißt es, dass sie ohne positive Diskriminierung den Zugang zu einer „Pipeline hochqualifizierter künftiger Arbeitskräfte und Führungskräfte“ verlieren und Schwierigkeiten haben werden, ihre Einstellungsziele und Vielfaltskriterien zu erreichen.
Besonders nach dem Polizistenmord an George Floyd im Jahr 2020 verstärkten viele Unternehmen Bemühungen, ihre Belegschaft zu diversifizieren. Target, Walmart und Nike wollen bis 2030 eine Million schwarze Arbeitnehmer einstellen. Das Technologieunternehmen Salesforce möchte bis Ende 2026 erreichen, dass 40 Prozent der Neueinstellungen Frauen oder nichtbinäre Personen sind.
Das Thema Vielfalt ist im Präsidentschaftswahlkampf ideologisch aufgeladen. Die Republikaner machen gegen sogenannte „Woke Corporations“ mobil, die aus ihrer Sicht mit Vielfaltsprogrammen in Wahrheit den fairen Wettbewerb abschaffen.
Auch in Europa werden Vielfaltsprogramme immer relevanter. Seit Dezember ist EU-weit die „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) Gesetz. Ab 2025 gelten damit Berichtspflichten für alle Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern, die Daten zu Umweltstandards oder Sozialfaktoren melden müssen.
Erstpublikation: 29.06.2023, 18:15 Uhr.