Kurznachrichtendienste: Meta plant Frontalangriff auf Twitter mit neuer App
Der Meta-Chef bringt mit der neuen App Threads einen Konkurrenten für Twitter auf den Markt.
Foto: IMAGO/Political-MomentsDüsseldorf. Am Donnerstag bringt Meta Threads auf den Markt. Die Ankündigung der neuen App hätte kaum diskreter sein können: Eine Pressemitteilung gab es nicht, der Mutterkonzern von Facebook kündigte Threads nur kurz und knapp in den App-Stores von Apple und Google an.
Aber schon der kleine Hinweis ließ Experten aufhorchen: Der Kurznachrichtendienst könnte schließlich zur ernsten Gefahr für Twitter werden.
In den App-Stores wird Threads als „Instagrams textbasierte Konversations-App“ beschrieben. Das soziale Netzwerk Instagram, auf dem Nutzer vor allem Fotos und Videos teilen, gehört auch zu Meta. Mit dem Fokus auf Texte stellt sich Threads nun in direkte Konkurrenz zum bislang erfolgreichsten Kurznachrichtendienst Twitter.
Meta will die neue App am Donnerstag an den Start bringen.
Foto: LightRocket/Getty ImagesExperten geben Meta gute Chancen, sich mit Threads gegen Twitter durchzusetzen. Der von Mark Zuckerberg geführte Konzern verfügt über hohe Barreserven, eine große Nutzergemeinde und gute Beziehungen zu Werbekunden.
„Das ist eine smarte Idee“ sagt Matt Navarra, Social Media Analyst in London. Zudem macht Twitter wenige Monate nach der Übernahme durch Elon Musk mit Massenentlassungen, Zugangsänderungen oder Leselimits ohnehin turbulente Zeiten durch.
Elon Musk reagiert sofort
Musk und Twitter-Gründer Jack Dorsey reagierten direkt auf Threads, was übersetzt „Fäden“ bedeutet. Sie kritisierten Metas extensives Sammeln von Nutzerdaten, die der Konzern braucht, um besser Werbung zu platzieren. „All deine Fäden gehören uns“, schrieb Dorsey auf Twitter neben einem Screenshot der Datensammelerklärung von Instagram. „Genau“, antwortete Musk.
Auch steht der Twitter-Besitzer unter Druck, das Leselimit wieder abschaffen, das erst vor wenigen Tagen eingeführt worden war. Die Begrenzung, maximal 1000 Tweets pro Tag zu lesen, hatte bei Nutzern für einigen Ärger gesorgt.
Der Meta-Chef plant eine Twitter-Alternative.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesMit dem Limit will Musk das sogenannte Data-Scraping verhindern, bei dem die Texte beispielsweise zum Trainieren von neuronalen Netzen und KI-Modellen genutzt werden.
Die geplante Einführung von Threads könnte auch erklären, warum Musk jüngst Zuckerberg öffentlich zu einem „Käfigkampf“ herausgefordert hat. Ob ernst gemeint oder nicht: Es bahnt sich zumindest geschäftlich ein Zweikampf der Silicon-Valley-Größen an. Laut Analyst Navarra hat sich Zuckerberg schon länger mit der Idee getragen, einen Konkurrenten zu Twitter aufzubauen: „Er hat angedeutet, dass er es besser wüsste oder besser machen könnte.“
Meta verfügt über Nutzer und Werbekontakte
Meta wird Threads eng mit Instagram verknüpfen. Die App ist sehr erfolgreich und verfügt derzeit laut dem Branchendienst Insider Intelligence monatlich über mehr als zwei Milliarden aktive Nutzer. Fraglich ist, wie viele von ihnen tatsächlich an einem Wechsel interessiert sind. Instagram steht für das Visuelle, während Threads komplett auf Text setzt.
Aber auch wenn nur ein kleiner Teil der Nutzer die neue App annimmt, kann sie ein ernsthafter Konkurrent von Twitter mit seinen geschätzten 360 bis 560 Millionen monatlich aktiven Nutzern werden.
Meta wird die App in seinem großen und etablierten Kreis von Werbekunden anpreisen. Die Kundschaft von Twitter ist dagegen aufgrund der vielen Veränderungen der jüngsten Zeit verunsichert. Dabei erzielt Twitter knapp 90 Prozent des Umsatzes mit Werbung, 2021 waren es rund 4,5 Milliarden Dollar – dem letzten Jahr, in dem Twitter Zahlen veröffentlichte. Zum Vergleich: Meta erlöste in dem Jahr rund 115 Milliarden Dollar mit Werbung.
Meta hatte in den vergangenen Jahren wenig Erfolg mit eigenen neuen Apps: tbh für Teenager, Campus für Studenten oder Sparked für Video-Dating fanden wenig Widerhall. Allerdings zeigte das Unternehmen in der Vergangenheit mehrfach, dass es ganz gut die Geschäftsmodelle von Konkurrenten kopieren kann.
So brachte Meta 2016 Stories auf Instagram heraus als Reaktion auf den Erfolg des sozialen Netzwerks Snapchat. 2021 führte Meta Reels als Konkurrenzprodukt zur Kurzvideo-App Tik Tok ein.
Für eine Bilanz von Reels ist es noch zu früh, aber Stories schlug ein. Das kann ein Bild oder ein kurzes Video sein, das auf Instagram 24 Stunden nach Veröffentlichung von allein verschwindet. Laut Insider Intelligence entfallen inzwischen mehr als ein Viertel der Werbeumsätze von Instagram auf das Format.
Der Zeitpunkt für Threads erscheint günstig
Bei Twitter häufen sich dagegen seit der Übernahme durch Elon Musk die Probleme. Der Unternehmer hat Tausende Mitarbeiter entlassen, seither kommt es immer wieder zu technischen Problemen. Durch Musks Eskapaden und die Lockerung der Moderationsregeln sind viele Werbekunden verschreckt, das Geschäft ist eingebrochen. Gleichzeitig stockt die Einführung von kostenpflichtigen Diensten.
Das Resultat: Der Vermögensverwalter Fidelity schätzte den Wert von Twitter Ende Mai auf nur noch 15 Milliarden Dollar, ein gutes Drittel des Kaufpreises von 44 Milliarden Dollar.
Die neue Chefin Linda Yaccarino, früher beim Medienunternehmen NBC Universal Leiterin des Anzeigengeschäfts, muss nun im Auftrag des Eigentümers und Technikchefs Musk das Vertrauen in die Plattform wieder zurückgewinnen. Sie will etwa einen Videodienst aufbauen und die Zusammenarbeit mit Prominenten stärken, um Werbekunden anzulocken.
Seit der Übernahme durch den Milliardär häufen sich bei Twitter die Probleme.
Foto: ReutersDass Musk weiter massiv ins Tagesgeschäft eingreift, hat sich am Wochenende einmal mehr gezeigt. Der Milliardär brachte zahlreiche Nutzer gegen sich auf, indem er Beschränkungen für die Anzeige von Tweets ankündigte. Während Abonnenten bis zu 10.000 Nachrichten pro Tag lesen können sollen, sind es bei nicht zahlenden Nutzern nur bis zu 1000 – danach lädt der Dienst keine weiteren Inhalte.
Musk begründete die Maßnahme damit, dass mehrere Hundert oder womöglich noch mehr Unternehmen versuchten, bei Twitter große Datenmengen abzuschöpfen, schrieb er auf Twitter. Dazu zählen beispielsweise die Betreiber von Suchmaschinen oder großen Sprachmodellen: Sie werten öffentlich verfügbare Informationen aus, was im Fachjargon als Scraping bezeichnet wird.
Zeitgleich kam es zu Problemen bei der Anwendung Tweetdeck, die Profinutzer in Social-Media-Agenturen oder Redaktionen häufig verwenden, um auf Twitter verschiedene Quellen im Blick zu behalten. Nach einem Bericht des Technologieblogs „The Verge“ wurden Schnittstellen für den Datenzugriff geschlossen. Musk will das Programm mit einer neuen Version kostenpflichtig machen.