Gastkommentar – Homo oeconomicus: Wohlstand ohne Wachstum ist möglich
Die Folgen des Klimawandels sind immer stärker spürbar.
Foto: dpaMehr als 7000 Menschen diskutierten Mitte Mai analog und digital mit den Delegierten und Referentinnen auf der Beyond-Growth-Konferenz in Brüssel über die Zukunft der EU-Wirtschaft – und über Perspektiven ohne Wachstumszwang. Eine parteiübergreifende Gruppe von EU-Parlamentariern hatte die Konferenz organisiert.
Was dort im großen Sitzungssaal des Parlaments an substanzieller und differenzierter Kritik an dem industriellen Wachstumsparadigma formuliert wurde, war bemerkenswert. Ob die Veranstaltung am Ende als „Woodstock der Wirtschaftswissenschaften“ in die Geschichte eingeht, wie viele begeisterte Teilnehmerinnen und Teilnehmer hofften, muss sich allerdings noch zeigen.
Auffällig war, dass Postwachstumsökonomen inzwischen auch den reichen Fundus an Erkenntnissen der feministischen Wissenschafts- und Wachstumskritik wahrnehmen und deren Potenziale entdecken.
So würdigte der britische Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Jim Jackson die Bedeutung feministischer Ökonomieansätze, indem er dafür plädierte, das Versorgen und Sichkümmern um andere Menschen und den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur als Blaupause für eine Postwachstumsgesellschaft zu verwenden: Die Care-Ökonomie gehöre als „unsichtbares, schlagendes Herz einer intakten, resilienten Volkswirtschaft“ ins Zentrum.
Im Care-Sektor könnten aufgrund unbefriedigter Bedarfe gerade auch in Europa viele sinnstiftende Arbeitsplätze entstehen. Zudem weisen Sorgeberufe einen deutlich geringeren ökologischen Fußabdruck auf als ressourcenintensive Jobs in der Konsumindustrie, wo wahre Materialschlachten nach wie vor auf der Agenda stehen, der Logik des heutigen globalen Wirtschaftsmodells folgend.
Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung. Ihr aktuelles Buch mit Ina Praetorius „Um-Care: Wie Sorgearbeit die Wirtschaft revolutioniert“ basiert teilweise auf den Homo-oeconomicus-Kolumnen der Autorinnen im Handelsblatt.
Foto: Gleichstellungsbüro FreiburgEindrucksvoll wurde vor dem Hintergrund des aktuellen Berichts des Weltklimarats ausgeführt, dass es nicht nur auf effiziente Techniklösungen ankommt, um den Ressourcenverbrauch zu verringern und das Wohlergehen zu sichern. Stattdessen braucht es ebenso gezielte Politiken für mehr Suffizienz, also Bedürfnisbefriedigung bei schonendem Umgang mit Ressourcen.
Weniger Luxuskonsum nötig
Dies betrifft nicht allein individuelle Konsumentscheidungen. Primär geht es darum, Infrastrukturen aufzubauen, die allen Menschen zugänglich sind und es ermöglichen, die Grundbedürfnisse Wohnen, Gesundheit, Energie und Mobilität ressourcenschonend zu befriedigen.
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Besonders vielversprechend bei diesem Ansatz ist es, universelle Basisdienstleistungen öffentlich bereitzustellen und gleichzeitig Luxuskonsum zu regulieren.
Leider wurde die Konferenz von den großen Medienhäusern in Deutschland einfach ignoriert. Dabei ist eine breite, demokratisch geführte Diskussion darüber, was in einer Postwachstumsgesellschaft zunehmen darf und was zurückgefahren werden muss, zweifellos dringend nötig. Anders wird der ökologische Kollaps nicht zu verhindern sein.