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LNGWarum China den EU-Gasmarkt im Winter entlasten könnte

Deutschland darf für die kalte Jahreszeit auf niedrigere Energiepreise hoffen als im Vorjahr. Ein wichtiger Faktor: China agiert anders als erwartet.Sabine Gusbeth, Catiana Krapp 20.07.2023 - 11:57 Uhr Artikel anhören

China dürfte im laufenden Jahr weniger LNG importieren als angenommen.

Foto: Reuters

Peking, Düsseldorf. China kauft in diesem Jahr wohl weniger Flüssigerdgas (LNG) am Weltmarkt als befürchtet. Das zeigen Daten des Analysehauses ICIS, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen. Demnach wird die Volksrepublik 2023 rund 73 Millionen Tonnen Flüssigerdgas importieren. 2021, im Jahr vor der Energiekrise, waren es noch 79 Millionen Tonnen.

LNG (Liquefied Natural Gas) ist Erdgas, das nicht gasförmig per Pipeline geliefert, sondern verflüssigt wird, damit Schiffe es transportieren können. Seitdem Russland kein Pipelinegas mehr nach Europa liefert, sind Länder wie Deutschland dringend auf LNG-Importe aus Staaten wie den USA oder Katar angewiesen.

Die Prognose für China ist für den kommenden Winter entscheidend. Denn die riesige Nation konkurriert mit Europa um die weltweit verfügbaren LNG-Mengen. Ob Deutschland erneut hohe Energiepreise und ein Bangen um die Gasversorgung bevorstehen, hängt deshalb auch an der LNG-Nachfrage der Volksrepublik. Im vergangenen Winter hatte China ungewöhnlich wenig Flüssigerdgas am Weltmarkt zugekauft. Das lag zu einem großen Teil an Pekings harter Anti-Corona-Strategie mit ihren Lockdowns, die auch die Wirtschaft hemmten.

Experten befürchteten für 2023 hohe Nachfrage nach LNG in China

Trotz dieser Zurückhaltung waren die LNG-Preise aber extrem hoch, weil sich auf einen Schlag viele europäische Länder mit Flüssigerdgas versorgen mussten, die zuvor immer auf Pipelinegas gesetzt hatten. Deshalb hatten Experten befürchtet, dass die Energieversorgung im kommenden Winter wieder sehr teuer werden würde, wenn zu den Europäern dann auch noch ein sich wirtschaftlich erholendes China kommen würde.

Die Internationale Energieagentur (IEA) schrieb in einem Bericht: „Eine Rückkehr zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum und gelockerte Covidbeschränkungen könnten dazu beitragen, dass Chinas LNG-Importe im Jahr 2023 wieder annähernd das Niveau von 2021 erreichen.“

Zwar steige 2023 auch das LNG-Angebot wegen neuer Kapazitäten zur Erdgasverflüssigung in Afrika und den USA. Aber: „Wenn Chinas LNG-Importe wieder das Niveau von 2021 erreichen, würde das Land den größten Teil des gesamten Anstiegs des weltweiten LNG-Angebots im Jahr 2023 auf sich ziehen und die für den europäischen Markt verfügbaren LNG-Mengen begrenzen“, erklärte die IEA.

Keine guten Aussichten für Europa. Denn im vergangenen Jahr hat zwar beispielsweise Deutschland rund 18 Prozent weniger Gas verbraucht als gewöhnlich. Aber damit gingen auch Produktionsstillstände und Jobverluste einher. Für geringere Gaspreise und wirtschaftliche Stabilität müssten die auf dem Weltmarkt verfügbaren LNG-Mengen also steigen.

Die Realität in China: Gedämpftes Wachstum und Langfristplanung

Jetzt zeichnet sich aber doch Entspannung ab. Dass China seine Nachfrage nicht wieder auf das Niveau von 2021 gesteigert hat, hängt an mehreren Faktoren. Erstens hat die Volksrepublik ihre Importe von russischem Pipelinegas zum Jahresbeginn erhöht.

Zweitens erholt sich die chinesische Wirtschaft deutlich langsamer als gedacht von den Folgen der strikten Coronapolitik und benötigt deshalb weniger Energie. Zwar wuchs die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im ersten Halbjahr um 5,5 Prozent, wie die Behörden am Montag meldeten. Doch zuletzt schwächte sich das Wachstum ab. Insbesondere energieintensive Industrien wie etwa die Chemiebranche verzeichneten einen spürbaren Rückgang.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der zunächst dem entgegenwirkt: China will künftig verstärkt auf Gas setzen. Bislang entsteht der chinesische Strom zu 55 Prozent in Kohlekraftwerken und nur zu 8,5 Prozent in Gaskraftwerken. Aber China will bis 2060 CO2-neutral werden – und außerdem die massiven Stromausfälle eindämmen, unter denen das Land in den vergangenen beiden Jahren aufgrund von Kohlemangel litt. Mehr Gas würde beiden Zielen dienen.

Gerade weil China mehr auf Gas setzt, sinkt seine kurzfristige Nachfrage am Weltmarkt. Denn die Energiekonzerne schließen auf Druck der Staatsführung eifrig Langzeit-Lieferverträge für Flüssigerdgas ab. Ein Drittel aller in diesem Jahr geschlossenen langfristigen LNG-Verträge ging an chinesische Abnehmer, wie der Finanzinformationsdienst Bloomberg berechnet hat.

China setzt verstärkt auf langfristige Lieferverträge – auch das entlastet den Spotmarkt.

Foto: Reuters

Je mehr langfristige, feste Lieferverträge China hat, desto seltener muss das Land am sogenannten Spotmarkt mit anderen Ländern um freie LNG-Mengen konkurrieren. Das nützt Europa. ICIS-Analyst Andreas Schröder sagt: „Selbst bei steigender LNG-Nachfrage kann China zunächst seinen Mehrbedarf aus neuen Langfristkontrakten decken. Außerdem hat China noch Überbleibsel aus nicht genutzten Vertragsmengen von 2022.“

China gewinnt durch LNG-Lieferverträge an Flexibilität

Es ist also anzunehmen, dass China den Spotmarkt für LNG im kommenden Winter nicht zusätzlich unter Druck setzt. In einem ICIS-Bericht, der dem Handelsblatt vorliegt, heißt es: „Die inländische Gasproduktion Chinas wird 2023 um sechs Prozent steigen, die Pipeline-Importe um 15 Prozent.“

Außerdem gewinne China über LNG-Lieferverträge immer mehr Flexibilität, um selbst Flüssigerdgas international verkaufen zu können. Das könne dazu beitragen, den Markt in diesem Jahr weiter auszugleichen.

Unklar bleibt der Faktor Wetter: Wie Deutschland hat auch China im Winter eine deutlich höhere Gasnachfrage als im Sommer. Das zeigen ICIS-Daten für die vergangenen Jahre. Demnach lag die Nachfrage im Dezember 2021 bei 8,3 Millionen Tonnen LNG, im Juli 2021 hingegen nur bei rund sechs Millionen Tonnen.

Ein kalter Winter könnte also sowohl in China als auch in Europa die Nachfrage über die Prognosen hinaus erhöhen. Zumal China über zu wenige Gasspeicher verfügt, um ausreichend Vorräte für die Wintermonate zu speichern.

Immerhin sind die deutschen Gasspeicher momentan zu gut 80 Prozent gefüllt. Das ist bedeutend mehr als in den vergangenen beiden Jahren zu diesem Zeitpunkt. 2022 lag der Füllstand im Juli bei rund 60 Prozent, 2021 bei unter 50 Prozent.

LNG: Auswirkungen der chinesischen Gas-Nachfrage auf Europa

Die Menge LNG, die China laut ICIS-Prognose in diesem Jahr weniger importieren wird als 2021, scheint auf den ersten Blick nicht sehr ins Gewicht zu fallen. Schließlich hat der Weltmarkt laut dem Analysehaus ein Volumen von 405 Millionen Tonnen.

Allerdings machen diese sechs bis sieben Millionen Tonnen, die nicht nach China gehen, ungefähr zehn Prozent des deutschen Verbrauchs aus. ICIS-Experte Schröder sagt: „Solche Volumen können in einem weltweit knappen Markt den Ausschlag geben, ob es zu starken Schwankungen bei Preissignalen kommt.“

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Die IEA war in ihrem Report davon ausgegangen, dass Europa durch das steigende LNG-Angebot 2023 rund fünf Millionen Tonnen LNG mehr importieren kann als im knappen Vorjahr – und das, falls China sich auf das Niveau von 2021 erholt. Jetzt, wo China hinter dieser Nachfrage zurückbleibt, stehen die Chancen gut, dass zumindest im kommenden Winter die Energiepreise moderater ausfallen.

Erstpublikation: 17.07.2023, 18:52 Uhr.

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