Halbjahresbilanz: Deutsche Fintechs kommen weiterhin schwer an frisches Geld
Die Hauptstadt ist bei deutschen Fintechs gefragt.
Foto: Imago/Westend61Frankfurt. Deutsche Fintechs haben im zweiten Quartal weiterhin Schwierigkeiten, an frisches Kapital zu gelangen. In 13 Finanzierungsrunden nahmen Unternehmen insgesamt etwa 143 Millionen Euro an Risikokapital ein – und damit deutlich weniger als in den Vorjahresquartalen. Das geht aus Zahlen von Barkow Consulting hervor. Im zweiten Quartal 2021 konnten deutsche Fintechs in 48 Finanzierungsrunden noch 1,78 Milliarden Euro einsammeln, 2022 waren es in 33 Runden 1,44 Milliarden Euro.
„Die vermeintliche leichte Erholung vom Beginn des Jahres hat sich leider nicht fortgesetzt“, sagte Peter Barkow, Chef von Barkow Consulting. Das zweite Quartal weise, sowohl was die Anzahl an Transaktionen als auch was das Fundingvolumen angehe, die zweitschwächsten Werte seit 2015 auf. Das Finanzierungsvolumen liegt im zweiten Quartal 2023 deutlich unter dem Niveau der Vorjahre, beobachtet auch Max Flötotto, der bei McKinsey die Bankenberatung in Deutschland und Österreich leitet.
Die kurze Erholungsphase aus dem ersten Quartal, in dem es deutlich mehr Aktivität als noch im vierten Quartal des vergangenen Jahres gab, hat somit einen kleinen Dämpfer erhalten. Das Makroumfeld verunsichert Investoren offenbar doch noch zunehmend: Der Ukrainekrieg, die hohe Inflation sowie die Zinswende machen Risikokapitalgeber zurückhaltender.
Deshalb gab es auch im zweiten Quartal keine „Mega-Runde“ mit einem Finanzierungsvolumen von mehr als 100 Millionen Euro. Stattdessen waren erneut kleinere Finanzierungsrunden angesagt. So konnte etwa das Berliner Fintech Payrails, das ein Betriebssystem für den internationalen Zahlungsverkehr bei E-Commerce-Unternehmen anbietet, im Juni 14 Millionen Euro einsammeln. Zu den Investoren des Unternehmens zählt unter anderem auch der bekannte US-Investor Andreessen Horowitz.
Das Berliner Fintech Nelly erhielt ebenfalls im Juni 15 Millionen Euro. Mit einer elektronischen Signatur will das Unternehmen den Anmelde- und den Bezahlprozess in Arztpraxen vereinfachen. Und das Frankfurter Fintech Finanzguru erhielt bereits im April 13 Millionen Euro an frischem Kapital. Finanzguru-Kunden können ihre Bankkonten mit der App des Multibanking-Anbieters verknüpfen. Das Fintech kann dann einen genauen Überblick über die Einnahmen und Ausgaben sowie die Verträge der Kunden geben.
Kundenwachstum hat sich verlangsamt
Insgesamt haben deutsche Fintechs damit im ersten Halbjahr dieses Jahres in 35 Finanzierungsrunden etwa 382 Millionen Euro an Risikokapital eingenommen – und auch damit deutlich weniger als in den Vorjahren.
Zum Vergleich: 2020 konnten die Unternehmen in diesem Zeitraum in 68 Finanzierungsrunden knapp 600 Millionen Euro einsammeln, 2021 waren es in 94 Runden 2,8 Milliarden Euro und 2022 in 56 Runden 1,9 Milliarden Euro. Selbst im als so schwach geltenden zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres waren es in 25 Finanzierungsrunden immerhin 640 Millionen Euro.
„Vor allem B2C-Fintechs (Business-to-Consumer) tun sich oft weiter schwer, das Kundenwachstum hat sich verlangsamt“, sagte Flötotto. Diese Unternehmen wenden sich direkt an die Endkunden und brauchen möglichst viele davon, um positive Skaleneffekte zu erzielen.
Trotzdem zeigen sich Experten optimistisch. „Wir sehen deutlich mehr Aktivität unter Investoren, auch wenn sich das aktuell noch nicht in den Zahlen widerspiegelt. Die Stimmung ist deutlich positiver als noch im ersten Quartal“, sagte Simon Schmincke, Partner beim Frühphasenfinanzierer Creandum. Auch Flötotto sieht keine weitere Verschlechterung des Finanzierungsumfelds im Vergleich zum ersten Quartal dieses Jahres.
Keine Pleitewelle, mehr Konsolidierung
Das ist auch wichtig für die Branche. Bislang haben Fintechs aufgrund der aktuell niedrigeren Bewertungen versucht, die Zeit bis zur nächsten Finanzierungsrunde zu verlängern.
„In den vergangenen 18 Monaten haben viele Fintechs interne Finanzierungsrunden mit Bestandsinvestoren geschlossen“, sagte Schmincke. Doch das Geld reiche bei vielen Firmen nicht mehr lange. Er rechnet damit, dass sehr viele Fintechs in den kommenden zwölf Monaten auf den Markt kommen und neues Kapital aufnehmen müssen.
Doch eine Pleitewelle fürchtet der Investor deshalb nicht. „Ich denke, dass die Pleitewelle kleiner ausfällt als von vielen befürchtet“, sagte Schmincke. Die meisten hätten ihre Unternehmen umgebaut und Kosten eingespart. Sie seien nun deutlich schlanker aufgestellt und dürften es einfacher haben, an Geld zu kommen. „Vorausgesetzt natürlich, sie akzeptieren auch eine Abwertung“, so der Creandum-Partner.
Ein anderer Ausweg sind da Zusammenschlüsse. Die Konsolidierungswelle war eigentlich schon für das vergangene Jahr vorhergesagt worden, blieb allerdings bis auf zwei Ausnahmen aus. So wurde lediglich das Berliner Fintech Penta im Juli an den französischen Wettbewerber Qonto verkauft, ebenso wie das Berliner Fintech Kontist an die dänische Ageras Group. „Da erwarte ich für die kommenden Monate mehr Aktivität“, sagte Flötotto.