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Netflix-Produktion „Paradise“Der Traum vom ewigen Leben: Jugend gegen Geld

Ein packender deutscher Netflix-Film mit Iris Berben erzählt in einem dystopischen Berlin über den Handel mit Lebenszeit. Eine Zukunft, die faszinierend und abstoßend zugleich ist.Maike Telgheder 27.07.2023 - 17:51 Uhr Artikel anhören

Iris Berben spielt in „Paradise“ eine Biotech-Pionierin, die die Übertragung von Lebenszeit erfunden hat.

Foto: Netflix

Frankfurt. Irgendwann in der nahen Zukunft könnte sich das Klimaproblem von selbst lösen: Reiche Menschen können ihr Leben um Jahrzehnte verlängern – und haben daher ein echtes Interesse an einer umweltfreundlichen Umgebung. Willkommen in der Welt von Biotech-Pionierin Sophie Theissen, die mit der Erfindung der Übertragung von Lebenszeit von einer Person auf eine andere ihr Start-up Aeon zu einem milliardenschweren Pharmakonzern aufgebaut hat.

In dieser Welt, die ab diesem Donnerstag in der Netflix-Produktion „Paradise“ zu sehen ist, leben auch Max und Elena, jung, verliebt, erfolgreich und mit vielen Plänen. Als das Paar jedoch plötzlich mit hohen Schulden dasteht, ändert sich ihr perfektes Leben über Nacht.

Um die Schulden zu begleichen, soll Elena (gespielt von Marlene Tanczik und Corinna Kirchhoff) 40 Jahre ihres Lebens geben – ein Handel, den Aeon ermöglicht. Der gemeinsamen Zukunft beraubt, versucht Max (Kostja Ullmann), der ausgerechnet für diese Biotech-Firma arbeitet, alles, um Elenas verlorene Jahre wieder zurückzuholen.

„Paradise“ ist eine Dystopie, die faszinierend und abstoßend zugleich ist. Etwa, wenn Iris Berben als charismatische Unternehmerin ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wie eine Sektenführerin begeistern kann.

Leben gegen Geld, ein Handel, der das Prinzip Kapitalismus gewissenlos weitertreibt. Denn weil man zwischen Menschen, deren DNA zueinander passt, Lebenszeit hin und her tauschen kann, hat sich ein Markt gebildet, auf dem sich Reiche die Jugend von Armen oder Menschen in Notsituationen kaufen können.

Containerslum auf dem Flughafenfeld Tempelhof

Dabei ist die Schere zwischen Arm und Reich in der Welt von „Paradise“ noch weiter auseinandergegangen. Inszeniert in Berlin, zwischen cleanen Glaspalästen wie der Konzernzentrale von Aeon und einem düsteren Containerslum auf dem Flughafenfeld von Tempelhof.

Inspiriert von den Zeitdieben aus Michael Endes Roman „Momo“ entstand die Idee zu „Paradise“. Regie führte Boris Kunz („Hindafing“), der gemeinsam mit Peter Kocyla („Luden-Könige der Reeperbahn“) und Produzent Simon Amberger das Drehbuch schrieb.

Paradise Ab sofort abrufbar auf Netflix produziert von Neue Super GmbH gedreht in Berlin 116 Minuten Foto: Netflix

Dass die Übertragung von Lebenszeit reine Science-Fiction ist, tut dem Film keinen Abbruch. Denn an der Vision vom ewigen Leben wird ja längst kräftig gearbeitet.

Milliardäre wie Google-Mitgründer Larry Page oder Amazon-Chef Jeff Bezos investieren schon länger in Anti-Aging-Start-ups, die zu lebensverlängernden Technologien forschen. Mehrere Hundert Menschen haben sich nach ihrem Tod schon mittels Kryokonservierung einfrieren lassen, um möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgeweckt werden zu können.

Und auch die dunkle Seite des Handels mit Lebenszeit gibt es heute schon: im kriminellen Organhandel, bei dem Nieren und Leberteile von lebenden Menschen in Not oder Zwangssituationen mit zum Teil hohen Gewinnen an reiche Patienten verkauft werden.

Auftritt von einem verjüngten Ulrich Wickert

Eine packende Thematik, die Netflix exklusiv weltweit ausstrahlen will. Die Produzenten von der 2010 gegründeten Neue Super GmbH (Simon Amberger, Korbinian Dufter und Rafael Parente) können zu Recht auf Anerkennung auch jenseits von Deutschland hoffen.

Amberger zählt derzeit zu den gefragtesten jungen deutschen Filme- und Serienmachern. Neben Dramaserien wie „8 Tage“ und „Breaking Even“ produzierte die Firma zuletzt die Sitcom „Wrong“, die Serie „Luden – Könige der Reeperbahn“ und die Sitcom-Serie „I don’t work here“.

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Schauspielerisch auf hohem Niveau, bleibt der Near-Future-Thriller an manchen Stellen dennoch hinter seinen Möglichkeiten zurück: Die Actionszenen kommen eher hölzern daher, und Humor, der fast jeden auch noch so dunklen Hollywood-Thriller würzt, muss man in „Paradise“ suchen.

Deutsche Zuschauer können immerhin über den dank Aeon verjüngten Nachrichtenmoderator Ulrich Wickert schmunzeln. Das war es dann aber auch schon fast mit erlösenden Momenten. Spannend jedenfalls ist der Thriller bis zum Schluss – und tatsächlich nicht vorhersehbar, sondern voller Überraschungen.

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