World Gold Council: Goldnachfrage in Deutschland geht stark zurück
Die Deutschen kauften im zweiten Quartal weniger Gold.
Foto: dpaFrankfurt. Deutsche Investoren kaufen weniger Gold, wie der Goldnachfragebericht des Branchenverbands World Gold Council (WGC) zeigt. Demnach kauften sie im zweiten Quartal dieses Jahres 78 Prozent weniger Goldbarren und -münzen als im Vorjahreszeitraum. Die Nachfrage sank von 48,9 Tonnen im zweiten Quartal 2022 auf 10,9 Tonnen.
Die deutsche Zurückhaltung beim Kauf des Edelmetalls sei der negativste Faktor, was die diesjährige weltweite Goldnachfrage betreffe, sagt WGC-Chefmarktstratege John Reade. Dem Rückgang seien aber mehrere Jahre starker Nachfrage vorangegangen.
Dafür, dass deutsche Investoren derzeit weniger Barren und Münzen nachfragen, sieht Reade mehrere Gründe. Zum einen würden viele Anleger aufgrund der schwachen Wirtschaftslage in Deutschland mehr Cashreserven vorhalten. „Hinzu kommt das starke Zinsumfeld“, so Reade. „Anleger erhalten von den Banken wieder Zinsen auf ihr Erspartes.“ Für Gold, das keine laufenden Erträge abwirft, ist das ein schwieriges Umfeld.
Trotz des Zinsumfelds blieben die globalen Goldkäufe im zweiten Quartal stabil. Die Gesamtnachfrage – die sich aus der Nachfrage aus dem Schmuck-, Technologie- und Investmentsektor sowie aus den Zentralbankkäufen zusammensetzt – ging zwar verglichen mit 2022 um zwei Prozent zurück auf 920,7 Tonnen, doch bezieht man den außerbörslichen Handel mit ein, steht unterm Strich sogar eine Steigerung von sieben Prozent.
Und obwohl die deutsche Goldbarren-Nachfrage stark gesunken ist, wurden weltweit im zweiten Quartal sechs Prozent mehr Barren und Münzen gekauft als im Vorjahreszeitraum. Besonders in der Türkei stieg die Nachfrage an: von 9,5 Tonnen im zweiten Quartal 2022 auf 47,6 Tonnen.
Zentralbanken kaufen Rekordmengen Gold
Während die türkischen Anleger sich kräftig mit dem Edelmetall eindeckten, hat sich die Zentralbank des Landes von großen Mengen ihres Goldes getrennt. In den Wochen vor der Präsidentschaftswahl hatte die türkische Notenbank Dutzende Tonnen auf den Markt geworfen. Mit den Goldverkäufen beschaffte sich die Zentralbank Dollar, für die sie dann Lira kaufte, um sich so gegen den Verfall der Landeswährung zu stemmen, der im Wahlkampf Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan hätte schaden können.
Die massiven Goldverkäufe der türkischen Zentralbank sorgten auch dafür, dass die Gesamtnachfrage der Zentralbanken im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent auf 102,9 Tonnen zurückging.
Doch mit Blick auf die Käufe brachen die Zentralbanken neue Rekorde: Im ersten Halbjahr haben sie eine Rekordmenge von 387 Tonnen erworben. Die WGC-Goldexperten denken, dass einer der Faktoren, die die Zentralbanken zu Goldkäufen motivieren, darin besteht, einen Teil ihrer Bestände vom US-Dollar und anderen westlichen Reservewährungen zu diversifizieren.
Auch UBS-Rohstoffexperte Giovanni Staunovo sieht diesen Trend zur „Ent-Dollarisierung“ und glaubt, dass er weiter anhalten wird. Das hänge auch mit der US-Sanktionspolitik zusammen, gegen die sich manche Schwellenländer absichern wollen.
Auch ein schwächelnder Dollar begünstige die Zentralbankkäufe. Denn dann würden einige Länder darunter leiden, dass ihre eigene Währung zu stark sei. „Sie kaufen also Dollar-Assets“, so Staunovo. „Doch damit der Dollar-Anteil in ihrem Portfolio nicht zu hoch ist, kaufen die Zentralbanken auch weiter Gold.“
Hohe Nachfrage von Zentralbanken
Auch WGC-Chefmarktstratege Reade sieht neben dem Trend der Diversifizierung weg vom US-Dollar weitere Gründe für die hohe Zentralbanknachfrage nach Gold. Denn: „Nicht nur die Schwellenländer kaufen mehr Gold, sondern auch die Zentralbanken einiger Industrieländer haben ihre Goldbestände erhöht.“ So war beispielsweise die Zentralbank von Singapur im zweiten Quartal mit 73 Tonnen der zweitgrößte Käufer.
Dies hänge mit der Möglichkeit zusammen, dass die Inflation im nächsten Jahrzehnt höher sein könnte als vor der Pandemie. „Außerdem haben auch die Zentralbanken erkannt, dass Gold in den Krisen der Vergangenheit stark performt hat und daher eine gute Absicherung für jedes Portfolio ist“, betont Reade.
Als in den USA mehrere Regionalbanken insolvent wurden und in der Schweiz die Credit Suisse nach ihrer Pleite von der UBS übernommen werden musste, stieg der Goldpreis an und kratzte im Mai sogar am Allzeithoch. Doch Ende Juni fiel er auf ein Dreimonatstief und blieb seitdem, auch wenn er sich erholte, volatil.
Der Goldpreis reagiert derzeit stark auf makroökonomische Impulse aus den USA, weil die Investoren auf Signale warten, die darauf hindeuten, dass sich die US-Notenbank Federal Reserve von ihrer straffen Geldpolitik verabschiedet.
„Trotz dieses volatilen Umfelds ist der Goldpreis nie stark gesunken“, sagt WGC-Experte Reade. Die solide Goldnachfrage der Schmuckbranche und das hohe Volumen der Zentralbankkäufe hätten das Edelmetall gestützt.
Auch Nitesh Shah, Leiter Rohstoff- und Makro-Research beim Vermögensverwalter Wisdom Tree, hält es für möglich, dass die Zentralbankkäufe derzeit den Goldpreis beeinflussen.
Zwischen 1996 und Anfang 2020 hätte die Notenbank-Goldnachfrage in seinen Goldpreis-Modellierungen keine statistisch relevante Rolle gespielt. „Allerdings haben die Zukäufe in diesem und letzten Jahr ein neues Volumen erreicht und dürften nun eine Rolle spielen, auch wenn das statistisch nicht belegbar ist.“
Weniger Nachfrage der Elektrobranche
Der Goldpreis profitiert in der Regel von einem schwachen wirtschaftlichen Umfeld und gilt als sicherer Hafen in Krisenzeiten. Doch etwa sieben Prozent des geförderten Goldes fließt auch in die Produktion von technischen Geräten.
In diesem Anwendungsfeld ist die Nachfrage im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent zurückgegangen. WGC-Experte Reade sieht darin einen „Indikator für die schwächelnde Wirtschaft“. Endkonsumenten würden derzeit sparen und daher auch weniger technische Geräte kaufen. Goldschmuck wurde dagegen sogar etwas mehr gekauft als im Vorjahreszeitraum, was vor allem an der stärkeren Nachfrage aus China lag.
Auch das Goldangebot ist im zweiten Quartal gewachsen, um sieben Prozent. Im gesamten ersten Halbjahr erreichte die Minenproduktion mit 1781 Tonnen Schätzungen des WGCs und des Beratungshauses Metals Focus zufolge sogar einen Rekord.
„Die Goldförderung ist wieder zur Normalität zurückgekehrt“, so Reade. Wegen der Pandemie und mehrerer Streiks gab es in den vergangenen Jahren immer Unterbrechungen in der Minenproduktion. Würden weitere größere Zwischenfälle nun ausbleiben, könnte laut Reade die Förderung in diesem Jahr ein Allzeithoch erreichen.
Erstpublikation: 01.08.2023, 08:00 Uhr.