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NordafrikaLibyen meldet mehr als 11.000 Tote nach Unwetter-Katastrophe

Ein heftiges Unwetter hat in dem Bürgerkriegsland schwere Verwüstungen angerichtet. Experten sehen den Klimawandel als Grund – und warnen vor politischen Folgen.Ozan Demircan und dpa 13.09.2023 - 14:10 Uhr aktualisiert Artikel anhören

In der Hafenstadt Darna im Osten des Landes wurden viele Häuser zerstört.

Foto: dpa

Istanbul, Tripolis.. Nach dem verheerenden Unwetter in Libyen wurden bei den Überschwemmungen mehr als 11.000 Menschen in den Tod gerissen. Während Retter und Angehörige nach Überlebenden suchen, gelten nach Angaben des Roten Kreuzes inzwischen rund 10.000 Menschen als vermisst. Die Zahl der Toten könnte daher noch erheblich steigen. Mindestens 3000 Menschen sind inzwischen beerdigt worden.

Das Sturmtief „Daniel“, das schon in Griechenland schwere Zerstörungen hinterlassen hatte, erfasste das nordafrikanische Land mit rund sieben Millionen Einwohnern am Sonntag. Besonders schwer betroffen ist die Hafenstadt Darna. Videos und Fotos in sozialen Medien zeigten ein enormes Ausmaß der Zerstörung der Küstenstadt: eingestürzte Häuser und Autos in von Schlammmassen überschwemmten Straßen.

Der Sturm traf auch die ostlibysche Großstadt Bengasi und den Bezirk Jabal al-Akhdar. Aus der Umgebung wurden Überschwemmungen, Schlammlawinen und andere große Schäden gemeldet.

Die National Petroleum Company Libyens, die ihre Hauptfelder und Terminals im Osten Libyens hat, rief „höchste Alarmbereitschaft“ aus und stellte Flüge zwischen Produktionsstandorten ein, an denen die Aktivität drastisch reduziert worden war.

Nach Angaben der Behörden sind Rettungsteams aus der Türkei im Osten Libyens eingetroffen. Die Vereinten Nationen und weitere Länder haben angeboten, Hilfe zu schicken, darunter die USA, Italien, Frankreich, Katar sowie die Nachbarländer Ägypten und Tunesien.

Staudämme geben nach, Wassermassen zerstören Städte

Laut Augenzeugenberichten ließen die starken Winde Strommasten umstürzen. Mitten in der Nacht brach mit einem lauten Knall ein Staudamm unweit der Küstenstadt Darna. Schließlich gab auch ein zweiter Damm den Wassermassen nach. Sehenswürdigkeiten, Häuser und Menschen sollen so ins Meer gespült worden sein. Rund ein Viertel der Stadt sei zerstört worden.

Hunderte Opfer wurden bereits nahe Darna in Massengräbern beerdigt. Unter den Opfern sollen sich ganze Familien befinden, die zusammen beerdigt wurden. Ein Beamter des Stadtrats von Derna beschrieb die Situation als „katastrophal“ und forderte eine „nationale und internationale Intervention“ im Gespräch mit dem Fernsehsender Libya al-Ahrar.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind aus Darna mindestens 30.000 Menschen vertrieben worden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als 11.000 Menschen in der libyschen Küstenstadt Derna bei der Flutkatastrophe ums Leben gekommen. Viele Bewohner werfen den Behörden vor, die betroffenen Gebiete nicht rechtzeitig evakuiert zu haben.

Neben Darna waren auch andere Städte wie Al-Baida, Al-Mardsch, Susa und Schahat betroffen. Der Bürgermeister in Schahat sprach von rund 20.000 Quadratkilometern überfluteter Gebiete – eine Fläche etwa so groß wie Sachsen-Anhalt.

Die libyschen Behörden warnen nun vor der Gefahr eines weiteren Staudamms. Dieser befindet sich bei einem Tal nahe Bengasi, der größten Stadt im Osten Libyens. Sie sagen, der jüngste Sturm habe das Staudammbecken sei mit einer Menge Wasser gefüllt, die dem Dreifachen des Fassungsvermögens beträgt, und forderten die Bewohner in der Nähe des Tals zur Evakuierung auf.

Die Regierung in der Hauptstadt Tripolis unter Ministerpräsident Abdul Hamid Dbaiba sprach von den schwersten Regenfällen seit mehr als 40 Jahren. Am Montag wurde eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Die Katastrophe schien das Bürgerkriegsland zunächst zusammenzuschweißen, wie Helfer vor Ort berichteten.

Geteiltes Land im Bürgerkrieg

Derzeit kämpfen zwei verfeindete Regierungen – eine mit Sitz im Osten, die andere mit Sitz im Westen – um die Macht. Alle diplomatischen Bemühungen, den bis heute andauernden Bürgerkrieg friedlich beizulegen, scheiterten bislang. Der Konflikt wird durch ausländische Staaten zusätzlich befeuert.

Die staatliche Ordnung in dem Land ist weitgehend zerfallen und zahlreiche Konfliktparteien ringen um Einfluss, nachdem Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 gewaltsam gestürzt worden war.

Im Januar 2020 versuchte die Bundesregierung unter der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Konfliktparteien und ihrer Unterstützer an einen Tisch zu bringen. Doch danach wurde der Konflikt jedoch noch gewaltsamer ausgetragen.

Libyen ist eines der Länder, von dem aus viele Flüchtlinge von Afrika mit Booten nach Europa übersetzen. Die EU versucht seit Jahren mit mehreren Programmen und viel Geld, die Flüchtlinge von der Überfahrt abzuhalten.

Das Zentrum der Überschwemmungen im Osten Libyens ist als eine der Hauptregionen des internationalen Dschihadismus bekannt – was wiederum zum Aufstieg des ostlibyschen Kriegsherrn Chalifa Haftar beigetragen hat.

„Die Spaltung zwischen Ost und West führt dazu, dass die Hilfs- und Hilfsmaßnahmen langsamer und etwas schleppend verlaufen“, sagte der libysche Journalist Abdulkader Assad am Dienstag gegenüber der BBC.

Meteorologen sehen Auswirkungen des Klimawandels

Die jüngsten schweren Mittelmeer-Unwetter wie in Libyen lassen sich nach Expertenmeinung wahrscheinlich dem Klimawandel zuordnen. Dafür sprächen „diese extremen Niederschläge in ganz, ganz kurzer Zeit“, sagte der Kieler Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif am Mittwochmorgen im Bayerischen Rundfunk.

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„In der letzten Woche haben wir Niederschläge gemessen, die hat es so in Europa noch nie gegeben.“ Das sei zum Teil ein Vielfaches der Regenmenge vor der Ahrtal-Flut im Jahr 2021. „Da kann man vielleicht ermessen, um welche Regenmassen es geht und welche Zerstörungskraft hinter diesen Regenmassen steckt.“

Für Latif muss es nun auch darum gehen, wie eine Region sich anpassen kann. Da sehe er aber auch Grenzen: „Wir erkennen, Klimawandel bedeutet nicht einfach nur höhere Temperaturen, sondern bedeutet vor allem extremeres Wetter, mehr Schadenspotenzial und vor allen Dingen auch eine gigantische Herausforderung für die Menschen.“ Man könne sich ein Stück weit anpassen, aber es gebe auch Grenzen: „Bei solchen Wassermassen, was wollen sie da noch tun?“

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