Geldpolitik: Schweizer Nationalbank legt überraschend eine Zinspause ein – Franken stürzt ab
SNB-Chef Thomas Jordan überraschte am Donnerstag mit einer Zinspause.
Foto: BloombergZürich, Stockholm. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat nach fünf Zinserhöhungen in Folge am Donnerstag den Leitzins überraschend unverändert bei 1,75 Prozent belassen.
Im Vorfeld hatte die Mehrheit der von Bloomberg befragten Währungsanalysten mit einem weiteren Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte gerechnet. Daher geriet der Schweizer Franken stark unter Druck; der Euro stieg um 0,7 Prozent auf 0,9651 Franken, und der Dollar wertete um 0,9 Prozent auf 0,9066 Franken auf.
Die Schweizer Währung steuerte damit zum Euro auf den größten Tagesverlust seit den Bankenturbulenzen im März zu. Damals war die angeschlagene Credit Suisse vom Rivalen UBS übernommen worden.
SNB-Chef Thomas Jordan hat seine Entscheidung mit dem Verweis auf vorangegangene Zinsschritte begründet: „Die über die letzten Quartale deutlich gestraffte Geldpolitik wirkt dem immer noch vorhandenen Inflationsdruck entgegen.“
Unter Jordans Führung hatte die SNB früher als etwa die EZB die Ära der Minuszinsen beendet und die Zinsen seit Mitte 2022 um insgesamt 2,5 Prozentpunkte angehoben. Mit zuletzt 1,6 Prozent im August liegt die Inflationsrate auf dem Zielniveau der Notenbank – und deutlich unter der Teuerungsrate im Euro-Raum, die im Schnitt 5,2 Prozent beträgt.
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Jordan behielt sich jedoch weitere Zinsschritte vor. „Es ist aus heutiger Sicht nicht auszuschließen, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik nötig werden könnte, um die Preisstabilität in der mittleren Frist zu gewährleisten.“ Die SNB erwartet für die Jahre 2023 und 2024 eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,2 Prozent, knapp über dem Niveau, das die SNB als Preisstabilität definiert. Daher betonte Jordan: „Der Kampf gegen die Inflation ist noch nicht gewonnen.“
Devisenhändler werden auf dem falschen Fuß erwischt
Die für die Devisenmärkte starke Marktreaktion auf den SNB-Entscheid spricht dafür, dass die Notenbank viele Händler auf dem falschen Fuß erwischt hat. Jörg Angelé, Ökonom beim Vermögensverwalter Bantleon, kommentiert: „Das Vorgehen der SNB erinnert zusehends an einen Schlingerkurs.“ Im Vorfeld des September-Entscheids habe die SNB „nichts unternommen, um die im Juni selbst angefachten Zinserhöhungserwartungen zu korrigieren“.
Bis 2025 erwartet die SNB, ihr Inflationsziel von null bis zwei Prozent wieder erreichen zu können. Bantleon-Ökonom Angelé erwartet, dass der Notenbank dies bereits ein Jahr früher gelingt. „Da wir für 2024 eine günstigere Inflationsentwicklung unterstellen als die SNB, gehen wir davon aus, dass der Zinsgipfel erreicht ist.“
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Ähnlich sieht das Philipp Burckhardt, Währungsspezialist bei der Schweizer Privatbank Lombard Odier: „Die SNB scheint in diesem Zyklus am oberen Ende angekommen zu sein, auch wenn sie die Möglichkeit weiterer Schritte nicht ausschließt.“ Burckhardt erwartet daher, dass die SNB auch bei der kommenden Zinsentscheidung im Dezember die Leitzinsen unverändert lässt.
Stattdessen werde die Nationalbank verstärkt Interventionen am Devisenmarkt nutzen, um Einfluss auf die aus dem Ausland importierte Inflation zu nehmen. SNB-Chef Jordan sagte dazu: „Im gegenwärtigen Umfeld stehen dabei Devisenverkäufe im Vordergrund", welche den Franken stärken können. Dieses Mittel steht ihm im Gegensatz zu seiner Amtskollegin Christine Lagarde von der EZB zur Verfügung.
Der EZB-Chefin Christine Lagarde stehen nicht dieselben Mittel zur Verfügung wie ihrem Schweizer Amtskollegen.
Foto: BloombergDer Kurs des Schweizer Franken hatte in den vergangenen Monaten an der Marke von 1,05 Euro gekratzt, dem höchsten Niveau seit rund einem Jahr. Durch den starken Franken gegenüber Euro und Dollar sind Importe in die Schweiz günstiger. Daher konnte die SNB in der Vergangenheit externe Faktoren wie einen starken Preisanstieg bei in Dollar gehandelten Energierohstoffen besser abfedern. Den jüngsten Anstieg der Preise für Rohöl und Kraftstoffe beobachte er sehr genau, sagte Notenbankchef Jordan.
Schwedens Notenbank bekämpft Inflation mit weiterer Zinserhöhung
Auch in Skandinavien haben die Notenbanken über den weiteren Kurs entschieden. Schwedens Zentralbank erhöhte den geldpolitischen Schlüsselsatz am Donnerstag um 0,25 Prozentpunkte auf 4,0 Prozent. Von Reuters befragte Experten hatten damit gerechnet. Die Zentralbank signalisierte zugleich, dass die Zinsen noch weiter steigen könnten.
Auch Norwegens Zentralbank hob die Zinsen um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent an. Auch damit hatten von Reuters befragte Experten gerechnet. Das Ende des Erhöhungszyklus dürfte aber noch nicht erreicht sein: „Es wird wahrscheinlich eine weitere Leitzinserhöhung geben, höchstwahrscheinlich im Dezember“, sagte Notenbankchefin Ida Wolden Bache.
Die norwegische Krone legte nach dem Zinsentscheid gegenüber dem Euro zu. Die Notenbank wolle den Leitzins zur Bekämpfung der Inflation nicht übermäßig stark anheben, erklärte die Zentralbankchefin. Es werde aber wahrscheinlich noch einige Zeit lang notwendig sein, eine straffe Haltung beizubehalten. Für 2024 geht die Zentralbank davon aus, dass der Leitzins auf einem Niveau von rund 4,5 Prozent verharren wird.
Noch Anfang vorigen Jahres lag der Leitzins in Schweden bei null Prozent. Die Währungshüter in dem skandinavischen Land reagieren mit einer rasanten geldpolitischen Straffung auf die starke Teuerung. Die von der Zentralbank beobachtete Inflationsrate lag zuletzt mit 4,7 Prozent deutlich über dem Ziel der Notenbank von 2,0 Prozent.