Musterdepot Zukunft: Der Wettlauf um die beste KI
Die Strategen (v. l.): Laetitia-Zarah Gerbes (Acatis Investment), Gabriele Hartmann (Perspektive Asset Management) sowie David Wehner (Do Investment)
Foto: privatUnternehmen müssen sich ständig weiterentwickeln, um nicht von der enorm aktiven Konkurrenz überholt zu werden. Dabei kann die Erschließung eines neuen Marktes mit dem Start eines langen Rennens verglichen werden.
Am Anfang ist die Aufregung groß, die Läufer versuchen, sich in eine gute Position zu bringen, und die Zuschauer jubeln. Dann geht es in eine ruhigere zweite Phase über. Währenddessen bilden sich auf dem Feld die ersten Eindrücke darüber, wer führt und wer den Anschluss verliert.
Angewendet auf unseren Fall ist entscheidend: An welche Suchmaschine wendet sich der Nutzer, wenn er eine Frage hat? Dabei liefert die Künstliche Intelligenz (KI) eine neue Dimension.
Die erste Phase ist bereits abgeschlossen: ChatGPT hat in nur zwei Monaten mehr als 100 Millionen Nutzer aufgebaut. Das von Microsoft finanzierte Unternehmen OpenAI hat mit ChatGPT einen Chatbot entwickelt, der mittels KI natürliche Antworten auf individuelle Fragen generiert. Tiktok hat für dieselbe Nutzerzahl neun Monate gebraucht – und war damit schon vergleichsweise schnell.
Das große Interesse zeugt von einem einzigartigen Fortschritt in der KI. Nach dem Start von ChatGPT im November 2022 und der Integration in Microsofts Suchmaschine Bing zog die Konkurrenz nach. Einige Monate später brachte Alphabet seinen Chatbot Bard auf den Markt. Auch andere Unternehmen, darunter Start-ups wie Anthropic, das von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet wurde, stiegen mit ihren Chatbots in den Wettbewerb ein.
Die Großen reagieren schnell: Alphabet hat bereits mehr als 300 Millionen US-Dollar investiert, und Amazon hat Investitionen bis zu vier Milliarden US-Dollar angekündigt. Auch Microsoft will weitere zehn Milliarden US-Dollar für OpenAI bereitstellen. Im ersten Halbjahr 2023 haben Risikokapitalgeber mehr als 40 Milliarden US-Dollar in KI-Unternehmen investiert.
Danach folgte die zweite Phase: Das öffentliche Interesse überschritt seinen Höhepunkt, und die Zahl der monatlichen Besucher der ChatGPT-Website sank von 210 Millionen im Mai auf 180 Millionen im August.
ChatGPT ist Marktführer
Dennoch bleibt das Unternehmen mit großem Abstand Marktführer. Etwa 60 Prozent der Generativen-KI-Website-Aufrufe entfallen auf ChatGPT. Und das Geschäftsmodell wird ausgeweitet: Geschäftskunden wie die US-Großbank Morgan Stanley lassen auf Basis von ChatGPT eigene Produkte für die interne Analyse von hauseigenen Studien im Asset-Management entwickeln.
Dass dies nicht immer so bleiben muss, zeigt die Vergangenheit. Ehemalige Pioniere wie Netscape (erster massentauglicher Browser) oder Myspace (Social Media) wurden von Konkurrenten überholt, die von den frühen Erfolgen dieser Unternehmen lernen konnten. Wird OpenAI weiterhin den Markt anführen, oder werden Konkurrenten den Vorsprung aufholen?
Als Pionier im Bereich generativer Sprachmodelle hat OpenAI weitere Vorteile. Sein Geschäftsmodell ist kapitalintensiv. Dies liegt allein schon an der benötigten Rechenleistung. Das schützt vor neuen Wettbewerbern.
Konkurrenz kann aus Fehlern lernen
Gleichzeitig hat das Unternehmen hohe Fixkosten. Das Training des GPT-4-Modells verschlang etwa 100 Millionen US-Dollar, was einem Fünftel des Unternehmensverlusts von etwa 500 Millionen US-Dollar entspricht.
Die Kehrseite der Medaille: Der Fortschritt wird durch hohe Kapitalintensität sowie hohe Fixkosten gebremst. Das könnte Konkurrenten wie Alphabet zugutekommen, wenn sie aus den kostspieligen Fehlern von OpenAI lernen.
Großes Aufholpotenzial hat Alphabet. Mit seiner KI-Perle Google Deepmind forscht es bereits seit vielen Jahren in dem Bereich. Alphabets KI ist in der Lage, komplexe Probleme zu lösen. Nun positioniert sich das Unternehmen mit seinem Chatbot Bard auch bei den Generalmodellen, neben weiteren anwendungsspezifischen Modellen.
Die Kombination von generativer KI mit Googles riesigen Datenmengen kann das Umsatzwachstum fördern. In der Werbebranche könnte Bard beispielsweise eingesetzt werden, um Kundendaten zu analysieren und Zusammenhänge und Trends zu erkennen, die der Mensch nicht erkennt.
Darüber hinaus arbeitet Alphabet an seiner KI-Software „Gemini“, einer Kombination aus großen Sprachmodellen, die Texte erstellen und in verschiedenen Formaten zusammenfassen kann. Gemini soll über eine fünfmal höhere Rechenleistung als GPT-4 verfügen.
Selbst Microsoft-Chef Satya Nadella äußerte sich im Kartellverfahren gegen Alphabet besorgt über die Marktmacht von Google als Suchmaschine: Google könnte Exklusivverträge mit Webseiten abschließen, um seine KI zu trainieren und sich einen weiteren Wettbewerbsvorteil zu sichern, und seine Marktmacht weiter festigen. Mit mehr als 100 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln und einem hohen freien Cashflow aus Werbeeinnahmen hat Alphabet dafür jedenfalls den finanziellen Spielraum.