Morning Briefing: Im Zangengriff des Terrors: Israels doppelter Krieg
Krieg im Nahen Osten: Angst und Leid in Gaza / Wahlen in Polen: Wind of Change in Warschau
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
eigentlich freue ich mich stets darauf, Ihnen meine Perspektive auf die wichtigsten Nachrichten des Tages präsentieren zu dürfen. Doch vor dem Hintergrund der Ereignisse im Nahen Osten muss ich zugeben: Es fällt mir schwer, Einordnung zu liefern, wo die einzig vernünftige Einordnung doch nur sein kann, alle Geschehnisse von vorne bis hinten schrecklich zu finden. Doch Resignation ist kein guter Ratgeber.
Außerdem ist das Netz bereits voll von Menschen, die ihre Perspektive auf den Nahost-Konflikt mal qualifiziert und öfter auch mal unqualifiziert verlauten lassen. Es ist daher vielleicht gerade geboten, einmal nüchtern auf die Fakten zu blicken:
- Das Wochenende war geprägt vom Warten auf eine israelische Bodenoffensive in Gaza, die allerdings ausblieb. Auch nach Verstreichen zweier Ultimaten verzichtete Israel zunächst auf die Invasion. Wieso das Zögern für Israel problematisch sein könnte und ob das Land angesichts der Angriffe aus dem Libanon vor einem Zweifrontenkrieg steht, haben unsere Reporterinnen und Reporter analysiert.
- Während sich Israel auf den Einmarsch in Gaza vorbereitet, warnen Hilfsorganisationen vor einer humanitären Katastrophe auf dem dicht besiedelten Gebiet. „Es gibt gerade keinen sicheren Ort in Gaza“, sagt Robert Lindner, Nahostexperte bei der Hilfsorganisation Oxfam. Die Situation sei lebensbedrohlich, es fehle an Wasser, Nahrung und Energie, selbst Hilfsorganisationen seien im Fluchtmodus.
- Wie perfide die Taktik der Hamas ist, zeigt sich nicht nur an ihrer Grausamkeit gegenüber den Israelis. Während sie selbst nicht davor zurückschrecken, jüdische Kinder und Alte abzuschlachten, versuchen die Terroristen gleichzeitig auch, aus dem Leid ihrer eigenen Bevölkerung Kapital zu schlagen. Das Bild, das sie vermitteln wollen: Israel tötet unsere Kinder, wir hingegen sind Menschenfreunde.
Israelische Artilleriestellung vor dem Gazastreifen.
Foto: IMAGO/XinhuaIsrael und die Hamas befinden sich also längst auch in einem Krieg um die Deutungshoheit der Ereignisse. Vor diesem Hintergrund liest sich das Interview meines Kollegen Moritz Koch mit dem US-Politologen Ian Bremmer wie eine Warnung an die Israelis: „Wenn man Monster bekämpft, darf man nicht selbst zum Monster werden“, sagt er. Bremmer führt als abschreckendes Beispiel an, die USA hätten nach den Anschlägen vom 11. September „übertrieben und falsch“ gehandelt – im Ausland wie im Inland.
An dieser Stelle doch noch ein einordnender Gedanke meinerseits. Einer der großen Profiteure der Gewalt in Israel ist ausgerechnet der russische Präsident Wladimir Putin. Jener Kriegsherr, der den abscheulichen Plan, ein anderes Volk mit militärischen Mitteln von der Landkarte radieren zu wollen, in die Tat umsetzte. Wenn die Weltgemeinschaft nicht will, dass sich Putins Denkschule international langfristig durchsetzt, sollte sie derzeit bei einigen Entwicklungen genauer hinschauen und Warnungen ernst nehmen. Nicht nur in Israel und der Ukraine, sondern in Armenien oder auf dem Balkan.
Regierungschef Kaczynski (l.) und Herausforderer Tusk: Der Oppositionsführer darf auf ein breites Bündnis hoffen. (Fotos: Reuters; Getty)
Foto: HandelsblattBei den wohl wichtigsten Wahlen in Polen seit dem Ende der kommunistischen Volksrepublik 1989 ist ein Regierungswechsel möglich. Grund für den leisen „Wind of Change“, der durch Warschau weht, ist eine Bündnisbildung aus drei bisherigen Oppositionsparteien. Denn obwohl die Nationalkonservative Regierungspartei PiS bei der gestrigen Abstimmung nach ersten Prognosen den Wahlsieg einfuhr, verliert sie die absolute Mehrheit.
Ihr Problem: Die PiS dürfte es schwer haben, Partner für eine Regierungsbildung zu finden. Stattdessen könnte die Bürgerkoalition des ehemaligen Europäischen Ratspräsidenten Donald Tusk mit dem christlich-konservativen Dritten Weg und dem Linksbündnis Lewica eine Koalition bilden. Tusk feierte bereits den Abschied der Nationalkonservativen aus der Regierungsverantwortung. „Ich war in meinem Leben noch nie so glücklich“, sagte Tusk, der vor allem die Beziehungen Polens zur EU verbessern will.
Morgen treffen sich die Energieminister der Europäischen Union, um über die Reform des europäischen Strommarkts zu beraten. Ein traditionell heikles Thema zwischen Deutschland und Frankreich, denn es geht dabei auch um die Behandlung der Atomkraft. Jenseits der politisch unterschiedlichen Haltung zur Nuklearenergie stecken dahinter auch große wirtschaftliche Interessen.
Wie das Handelsblatt jetzt aus Verhandlungskreisen erfuhr, sind sich Paris und Berlin allerdings bisher kaum nähergekommen. Man habe lediglich bekannte Positionen ausgetauscht, hieß es. Eine Einigung im Energiestreit ist demnach noch nicht in Sicht.
Wärmepumpen erhitzen noch mehr Gemüter als Gebäude. Die Nachfrage nach den Kraftwärmemaschinen ist derzeit überschaubar: Die Anzahl der Förderanträge ist in den ersten acht Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um über 70 Prozent gesunken. Schlechte Nachrichten für die Hersteller: Der Heizungsbauer Vaillant hat Kurzarbeit für einige Mitarbeiter angemeldet. Für Verbraucher allerdings könnten sich so Schnäppchenchancen ergeben – denn wo das Angebot die Nachfrage übersteigt, fallen die Preise.
Zum Abschluss noch eine Nachricht fürs Herz. Das krisengeschüttelte Afghanistan, dessen Bevölkerung zuletzt von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, durfte sich gestern Abend über einen überraschenden Sieg bei der Cricket-Weltmeisterschaft freuen. In Indien schlugen die Afghanen überraschend Titelverteidiger England mit 284:215.
Obwohl ich persönlich nie die Geduld aufgebracht habe, ein ganzes Cricket-Spiel zu verfolgen (diese dauern mehrere Stunden oder sogar Tage), freue ich mich stets über gewinnende Außenseiter. In diesem Fall ganz besonders.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag mit überraschenden Erfolgen.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt