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Vizepräsident des Zentralrats der Juden„Das hat dramatische Folgen für die israelische Wirtschaft“

Abraham Lehrer, ehemals selbst Software-Unternehmer, befürchtet, dass die Investitionen aus dem Ausland einbrechen. Insbesondere die Start-ups dürften unter dem Krieg leiden.Florian Kolf 16.10.2023 - 14:28 Uhr Artikel anhören

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei einer Solidaritätsveranstaltung für Israel in Köln.

Foto: IMAGO/Guido Schiefer

Köln. Rund 300.000 Menschen sind nach den tödlichen Attacken der Hamas in Israel zum Militärdienst eingezogen worden. Und neben allen anderen Belastungen werde das auch für die Szene junger Start-ups des Landes eine Herausforderung, erwartet Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

„Das sind häufig Betriebe mit zwei, drei Mitarbeitern, die für eine gute Idee Geld von Investoren aufgetrieben haben“, sagt der ehemalige Software-Unternehmer aus Köln im Interview mit dem Handelsblatt. Wenn bei denen nur ein Mitarbeiter ausfalle, seien sie häufig nicht mehr arbeitsfähig.

„Die Wirtschaft wird in dieser Kriegszeit leiden, das ist unvermeidlich“, prognostiziert der 69-Jährige. Auch die Investitionsgelder aus dem Ausland, die für die Start-up-Szene wesentlich sind, würden angesichts der unsicheren Lage erst mal stark zurückgehen. „Das wird das Schrumpfen noch verstärken“, fürchtet Lehrer.

Der Krieg werde die Handelsbeziehung von israelischen Firmen mit allen ausländischen Partnern massiv belasten: „Da werden viele Projekte und Verträge auf Eis gelegt.“

Im Moment erfahre Israel viel Unterstützung und Solidarität und sei dafür sehr dankbar. „Aber ich wünsche mir: Bleibt bitte an Israels Seite, wenn die Bodenoffensive beginnt“, appelliert der Vizepräsident des Zentralrats. „Israel hat Solidarität nicht nur in der Schwäche verdient, sondern auch, wenn es wehrhaft ist.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Lehrer, wann ist Ihnen klar geworden, welches Ausmaß die Terroranschläge in Israel haben?
Samstagmorgen gingen in der Warnapp auf dem Handy im Sekundentakt die Meldungen über Raketenbeschuss überall in Israel ein. Da war mir sofort klar, wie ernst die Situation ist. Als Erstes habe ich dann an meine Verwandten in Israel gedacht. Aber denen geht es glücklicherweise gut.

Hatten Sie damit gerechnet, dass es irgendwann eine solche Eskalation geben könnte?
Ich bin kein Militärexperte. Aber im Nachhinein wird einem klar, dass man angesichts all der Ereignisse, wie etwa der Annäherung mit Saudi-Arabien, eine solche Verzweiflungstat der Hamas vielleicht hätte kommen sehen können. Aber erwartet hatte ich so etwas auch nicht.

Wie erklären Sie sich, dass solche Anschläge trotz der umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen möglich waren?
Angesichts der hochentwickelten Technik zur Sicherung der Grenze kann ich mir das nur schwer erklären. Aber es ist passiert.

Sie haben viele Kontakte nach Israel. Was löst das in den Menschen dort aus?
In der israelischen Bevölkerung gibt es jetzt eine tiefe Verunsicherung. Für Spekulationen, wie dieser Angriff passieren konnte, ist es noch zu früh. Aber die Menschen erwarten, dass das im Detail aufgeklärt wird, und ich bin auch sicher, dass das geschehen wird.

Welche Folgen haben der Kriegszustand und die Mobilmachung für das Land?
Wenn 300.000 hauptsächlich junge Menschen zum Militärdienst eingezogen werden, hat das dramatische Folgen für die Wirtschaft. Schauen Sie nur auf die vielen Start-ups: Das sind häufig Betriebe mit zwei, drei Mitarbeitern, die für eine gute Idee Geld von Investoren aufgetrieben haben. Wenn bei denen nur ein Mitarbeiter fehlt, sind sie häufig nicht mehr arbeitsfähig. Ob die nach einem halben Jahr weitermachen können oder ob die Konkurrenz sie verdrängt hat, ist völlig offen.

Wie stark wird das die Wirtschaftsleistung beeinträchtigen?
Wenn man hört, wie in Deutschland schon über den Facharbeitermangel diskutiert wird, kann man sich vorstellen, was das Fehlen der Reservisten für die israelische Wirtschaft bedeutet. Und das wird über längere Zeit so sein, mindestens mehrere Monate. Die Wirtschaft wird in dieser Kriegszeit leiden, das ist unvermeidlich. Auch die Investitionsgelder aus dem Ausland, die für die Start-up-Szene wesentlich sind, werden angesichts der unsicheren Lage erst einmal stark zurückgehen. Das wird das Schrumpfen noch verstärken.

Wie langfristig wird dieser Einbruch sein?
Ich bin sicher, wenn die Operation in Gaza abgeschlossen ist und die Situation wieder anfängt, sich zu normalisieren, dann werden die Investitionsgelder aus dem Ausland schnell wieder zurückkehren. Ich habe immer bewundert, wie schnell die Israelis sich von allen Terrorschlägen wieder erholen konnten und wie schnell sie wieder zum normalen Leben übergehen konnten. Die Israelis haben gelernt, mit dem Schrecken zu leben.

Wie stark wird der Krieg die deutsch-israelischen Handelsbeziehungen belasten?
Der Krieg wird die Handelsbeziehung israelischer Firmen mit allen ausländischen Partnern massiv belasten. Wer will im Moment noch nach Israel fliegen? Da werden viele Projekte und Verträge auf Eis gelegt.

Man hat in der Vergangenheit schon einen Braindrain gut ausgebildeter junger Menschen beispielsweise in die USA gesehen. Wird sich das jetzt verstärken?
Es gibt mit Sicherheit Menschen, die angesichts der Bedrohungslage über einen Wechsel ins Ausland nachdenken. Und es könnte sein, dass jetzt gezielt junge Talente für Jobs im Ausland abgeworben werden. Umgekehrt sind bisher sehr viele junge Menschen für ein freiwilliges soziales Jahr aus Deutschland nach Israel gegangen. Die werden für längere Zeit erst mal fehlen, weil die nicht mehr kommen. Die Bedrohungslage schweißt die Bevölkerung aber zurzeit auch zusammen. Es herrscht das Gefühl: „Mein Land braucht mich." Deshalb kommen auch viele Israelis aus dem Ausland zurück, um ihr Land zu verteidigen.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich aus Deutschland?
Im Moment erfahren wir viel Unterstützung und Solidarität, und dafür sind wir sehr dankbar. Aber ich wünsche mir: Bleibt bitte an Israels Seite, wenn die Bodenoffensive beginnt. Israel hat Solidarität nicht nur in der Schwäche verdient, sondern auch, wenn es wehrhaft ist. Die Palästinenser werden sofort die Bilder von getöteten Kindern zeigen, um Stimmung zu erzeugen. Es wird auch zivile Opfer auf der palästinensischen Seite kosten, das lässt sich leider nicht vermeiden. Aber es gibt keine Alternative zu einer Bodenoffensive, wenn man die Infrastruktur der Hamas-Terroristen zerstören will.

Auch die AfD wird zunehmend als Bedrohung gesehen

Sind jetzt Lösungen der Palästina-Frage überhaupt noch möglich?
Es gab in Israel und auch in Deutschland viele Menschen – und zu denen zähle ich mich auch – die eine Zweistaaten-Lösung befürwortet hatten. Aber ich bin sicher, wenn Sie heute eine Umfrage machen, bekommen Sie dafür nur noch eine verschwindend geringe Zustimmung. Im Moment wollen alle nur noch Sicherheit, um in Ruhe leben zu können, und dafür wollen sie den Gegenschlag.

Haben Sie noch Hoffnung auf eine grundsätzliche Beilegung des Nahost-Konflikts?
Man konnte davon ausgehen, dass Israel und Saudi-Arabien kurz vor einer Einigung standen. Aber wer von beiden würde heute so etwas noch unterzeichnen? Das Kalkül der Terroristen war, dass die Aussöhnung Israels mit seinen Nachbarn für lange Zeit behindert wird. Ich hoffe, dass das nicht eintritt.

Fürchten Sie, dass es auch Anschläge auf Juden in Deutschland geben könnte?
Da Deutschland jetzt nach den Terroranschlägen klar an der Seite Israels steht, ist die Gefahr natürlich groß, dass die Terroristen auch auf die Idee kommen, Anschläge in Deutschland zu begehen. Was mir aber genauso Sorge macht: Wir haben einen Rechtsruck zu verzeichnen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Die rechten Parteien sind auf dem Vormarsch. Das macht vielen Juden in Europa Angst.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland ein?
Wir haben in der Vergangenheit den Antisemitismus in der Mitte der deutschen Bevölkerung unterschätzt. Aber dass Menschen heute trotz der Aussagen von Politikern wie Björn Höcke die AfD wählen, kann ich nicht nachvollziehen. Das hat ja auch nicht nur mit mangelnder Bildung zu tun. Das Potenzial an fremdenfeindlichem und antisemitischem Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft ist offenbar größer, als ich gedacht hatte. In der Weimarer Republik hatten sich auch viele nicht vorstellen können, wo das hinführt. Ich sehe da deutliche Parallelen zur heutigen Situation. Die verstörenden Jubelbilder auf deutschen Straßen von arabischen Gruppen nach den Massakern der Hamas-Terroristen zeigen zudem, dass der Judenhass von dieser Seite gefährlicher ist als je zuvor.

Spüren Sie persönlich einen wachsenden Antisemitismus?
In meiner Zeit als Unternehmer habe ich keinen offenen Antisemitismus erlebt. Und jetzt als Vizepräsident des Zentralrats habe ich Personenschutz, da fühle ich mich auch nicht persönlich bedroht. Aber alle Umfragen zeigen, dass sich Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland verstärkt haben, von rechtsradikaler Seite und aus dem muslimisch geprägten Milieu.

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Hat sich der Antisemitismus in Deutschland auch durch die Migration verstärkt?
Die arabischen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, entstammen einem anderen Kulturkreis mit ganz anderen Werten. Viele von ihnen haben zu Hause jeden Tag gehört: „Du musst die Juden vernichten." Sobald die sich hier einigermaßen eingerichtet haben, werden die auch politisch aktiv werden. Dann fängt unsere Bedrohung an. Aber die Palästinenser, die jetzt in Deutschland über die Terrorangriffe jubeln, die sind schon länger hier. Da muss der deutsche Staat härter durchgreifen, das geht weit über die Meinungs- und Versammlungsfreiheit hinaus.

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