Belgien: Zwei Tote nach Schüssen in Brüssel – Terrormiliz IS reklamiert Anschlag für sich
Am Montagabend sind in Brüssel Schüsse gefallen.
Foto: IMAGO/BelgaBrüssel. Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Menschen in Brüssel hat die belgische Polizei den bewaffneten mutmaßlichen Täter erschossen, wie die Polizei mitteilte. Die Polizei habe eine Waffe bei dem Mann gefunden, die die Waffe des Mordanschlags sein könne.
Bei den Opfern des Angriffs vom Montagabend handelt es sich laut Premierminister Alexander De Croo um zwei Schweden. Die beiden Todesopfer waren zwei Männer im Alter von ungefähr 60 und ungefähr 70 Jahren, bestätigte das schwedische Außenministerium dem Fernsehsender TV4 am Dienstag. Der Ältere habe demnach im Großraum Stockholm gelebt, der Jüngere in der Schweiz.
Sie starben rund fünf Kilometer entfernt vom Brüsseler Fußballstadion, wo die Nationalmannschaften Belgiens und Schwedens in einem EM-Qualifikationsspiel gegeneinander spielten. Das Spiel wurde abgebrochen.
Am frühen Abend war laut Nachrichtenagentur Belga ein bewaffneter Mann im Norden der Innenstadt von einem Roller abgestiegen und hatte auf der Straße Schüsse abgegeben. Als mehrere Menschen in einen Hauseingang flohen, soll er sie verfolgt und auf sie geschossen haben. Die Polizei bestätigte diese Angaben zunächst nicht. Ein drittes Opfer, ein Taxifahrer, ist laut Staatsanwaltschaft inzwischen außer Lebensgefahr.
Die Ermittlungen dauerten an, aber man könne bereits jetzt sagen, dass es sich um einen 45-jährigen Tunesier handele, der im November 2019 in Belgien Asyl beantragt habe, sagte Justizminister Vincent van Quickenborne am frühen Dienstagmorgen. Er sei der Polizei im Zusammenhang mit Menschenhandel, illegalem Aufenthalt und Gefährdung der Staatssicherheit aufgefallen.
Im Juli 2016 wurden von einer ausländischen Polizeibehörde unbestätigte Informationen übermittelt, wonach der Mann ein radikalisiertes Profil habe und in ein Konfliktgebiet in den Dschihad ziehen wolle, wie van Quickenborne sagte. Solche Informationen gebe es zuhauf. Sie sei ohne Ergebnis überprüft worden. „Darüber hinaus gab es, soweit unseren Diensten bekannt, keine konkreten Hinweise auf eine Radikalisierung.“
Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag für sich reklamiert. Eine entsprechende Botschaft verbreitete die Dschihadisten-Miliz am Dienstagabend über ihr Sprachrohr „Amak“. Ein Kämpfer des IS habe die Attacke im Umfeld eines Fußballspiels verübt und dabei zwei „Christen“ getötet, hieß es in der Mitteilung. Der Angreifer sei schließlich getötet worden.
Als Grund für die Tat nannte der IS einen Aufruf der Gruppe, gegen Staatsangehörige der US-geführten Militärkoalition in Syrien zu kämpfen. Schweden hatte im Irak kurdische Truppen im Kampf gegen den IS ausgebildet. Die Terrormiliz hatte in der Vergangenheit weite Gebiete in Syrien und dem benachbarten Irak beherrscht. Trotz des 2019 verkündeten militärischen Siegs über den IS sind dessen Zellen weiterhin im Land aktiv und verüben Anschläge.
Fans mussten im Fußballstadion ausharren
Bei dem EM-Qualifikationsspiel verbreitete sich die Nachricht vom Tod der beiden Schweden in der Halbzeit. Nach Angaben des schwedischen TV-Senders SVT hätten die Spieler der schwedischen Nationalmannschaft daraufhin beschlossen, das Spiel nicht fortzusetzen. Die belgischen Nationalspieler hätten sich dem angeschlossen. Mehrere Tausend Menschen mussten aus Sicherheitsgründen zunächst im Brüsseler Fußballstadion ausharren, bis sie evakuiert werden konnten.
Es ist nicht das erste Mal, dass in Brüssel Menschen Opfer eines Anschlags werden. Erst vor rund vier Wochen endete der Prozess zu den Brüsseler Terroranschlägen von 2016. Drei Selbstmordattentäter der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hatten damals Bomben am Brüsseler Flughafen Zaventem sowie in einer U-Bahn-Station im Herzen der belgischen Hauptstadt gezündet. Sie töteten über 30 Menschen, 340 wurden verletzt.
Für Fassungslosigkeit bei den Hinterbliebenen sorgten damals auch Medienberichte, wonach mehrere der Täter vor den Anschlägen von den belgischen Sicherheitsbehörden überwacht worden waren - und später dennoch ihre Bluttaten verüben konnten.
Staatsanwaltschaft prüft Bezug zum IS
Bei der aktuellen Tat sind die Motive noch offen. In sozialen Netzwerken wurde nach Angaben der Bundesanwaltschaft ein Beitrag einer Person geteilt, die sich als der Angreifer ausgebe und behaupte, von der Terrororganisation Islamischer Staat inspiriert zu sein. Zudem wird im Internet ein Video geteilt, das die Tat zeigen soll.
Die Nachrichtenagentur Belga zitierte einen Sprecher der Bundesstaatsanwaltschaft, wonach auch die schwedische Staatsangehörigkeit der Opfer eine Motivation für die Tat sein könnte. In diesem Jahr hatten Menschen in Schweden und später auch in Dänemark mehrmals Koran-Exemplare verbrannt und damit wütende Reaktionen unter Muslimen ausgelöst. Für die skandinavischen Länder hatte all das diplomatischen Ärger nach sich gezogen.
Die Regierung in Stockholm hat auch mehr Sicherheit in Europa gefordert. Die aktuelle Situation erfordere mehr Grenzkontrollen und eine Verbesserung der inneren Sicherheit, sagte Ministerpräsident Ulf Kristersson am Dienstag. „Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, der sich gegen schwedische Bürger richtet, nur weil sie Schweden sind.“ Das Außenministerium rief Landsleute im Ausland zu Vorsicht auf.
De Croo drückte Kristersson sein Beileid aus: „Als enge Partner ist der Kampf gegen den Terrorismus ein gemeinsamer Kampf.“ Der Sprecher der Bundesstaatsanwaltschaft sagte, dass bislang keine Verbindung zwischen dem Anschlag und dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu erkennen sei.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem „feigen Anschlag“ und drückte den Menschen in Schweden ihr Beileid aus. Der belgische EU-Ratspräsident Charles Michel schrieb auf X: „Das Herz Europas wird von Gewalt getroffen. Mein Mitgefühl gilt den Familien der Opfer des tödlichen Anschlags im Zentrum von Brüssel.“ Der belgische Königspalast zeigte sich „schockiert“ und drückte seine „Unterstützung für die Sicherheitskräfte aus, die alles tun, um den Urheber der Taten zu fassen“, hieß es auf X.
CDU-Innenpolitiker drängt auf härteren Umgang mit islamistischen Gefährdern
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verurteilte „diese brutale Tat auf das Schärfste“. Zugleich versicherte sie, dass der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus weiterhin „mit großer Wachsamkeit und Konsequenz“ geführt werde. „Islamistische Terrororganisationen wie der ‚IS‘ und seine Ableger, aber auch islamistische Einzeltäter sind eine erhebliche und jederzeit akute Gefahr“, sagte Faeser.
Der innenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Alexander Throm (CDU), forderte eine schärfere Abschiebepraxis für Gefährder. „Islamistische Gefährder müssen Deutschland und am besten ganz Europa ohne Wenn und Aber verlassen“, sagte Throm dem Handelsblatt.
Zudem müssten antisemitische Handlungen „aufenthaltsbeendende Maßnahmen“ nach sich ziehen. „Wer Israel das Existenzrecht abspricht, hat in Deutschland keinen Platz.“ Er erwarte von der Bundesregierung, dass sie hier tätig werde.
Throm erklärte mit Blick auf die Nahostkrise und den Anschlag in Brüssel, der islamistische Terror habe damit erneut „in seiner ganzen Abscheulichkeit“ sein Gesicht gezeigt. „In Deutschland hat sich ein großes Konfliktpotential für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Sicherheit aufgebaut“, sagte der CDU-Politiker. „Der Zulauf, den antisemitische und antiisraelische Versammlungen hatten, verdeutlicht die massive Gefahr mitten in unseren Städten.“
Throm forderte vor diesem Hintergrund weitere Konsequenzen. „Ab dem Zeitpunkt, in dem jemand in Deutschland ankommt, erwarte ich eine Sicherheitsüberprüfung dieser Person“, sagte er. Zudem müssten die Nachrichtendienste besser ausgestattet werden, auch mit rechtlichen Kompetenzen. „Bei der Sicherheit in unserem eigenen Land sind wir bislang viel zu sehr auf die Unterstützung ausländischer Dienste angewiesen“, so Throm. „Jetzt rächt es sich, dass die Ampel unsere Dienste an die Kette gelegt hat.“