Märkte Insight: Investoren scheuen das Risiko
Impfstoff von Johnson & Johnson: Die guten Ergebnisse des US-Pharmakonzerns könnten Auslöser für steigende Kurse sein.
Foto: ImagoDüsseldorf. Die Sorge vor einer Eskalation der Lage im Nahen Osten hat den Aktienmarkt aktuell fest im Griff. Irans geistliches und staatliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei sprach im staatlichen Fernsehen von Verbrechen Israels im Gazastreifen. Wenn Israel diese fortsetze, werde niemand in der Lage sein, Moslems in aller Welt zu stoppen.
In dieser Gemengelage scheuen Investoren verständlicherweise das Risiko, niemand möchte falsch positioniert sein. Nach zwischenzeitlichen Verlusten notierte der Leitindex Dax zum Handelsschluss am Dienstag nahezu unverändert bei 15.252 Punkten.
Erst wenn mehr Gewissheit über die Lage rund um Israel herrscht, dürfte sich das ändern. Wobei Gewissheit leider nicht zwangsläufig Frieden bedeuten muss. Bei früheren großen bewaffneten Konflikten wie dem Vietnamkrieg, dem Golfkrieg oder Irakkrieg erreichten die Märkte rund um die Invasion ihre Tiefpunkte. Insofern sind Krieg und steigende Aktienkurse kein Widerspruch, auch wenn das zynisch erscheinen mag.
Start in die Berichtssaison erfolgreich
Auslöser für steigende Kurse könnte diesmal die gerade angelaufene Quartalssaison sein. Die Anlegerinnen und Anleger hatten den Zwischenergebnissen der Unternehmen mit gemischten Gefühlen entgegengeblickt. Schließlich ist weiter unklar, wie stark die deutlich höheren Zinsen die Bilanzen der Unternehmen belasten werden. Doch der Start verlief erfolgreich.
Das aktuellste Beispiel ist das Börsenschwergewicht Johnson & Johnson. Der US-Pharmakonzern übertraf mit seinen am Dienstag vorgelegten Zahlen sowohl bei Gewinn als auch Umsatz die Erwartungen der Analysten und hob seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr an. Nachdem auch die Zahlen der US-Großbanken überwiegend gut ausgefallen sind, macht das Hoffnung.
Wenn man sich nur auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentriert, sehen die Aussichten für eine erfolgreiche Berichtssaison gar nicht so schlecht aus, wie Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Dekabank, analysiert. Demzufolge wird in den USA bei den im Leitindex S&P 500 notierten Unternehmen (exklusive Energiesektor) ein Gewinnwachstum von fünf Prozent erwartet.
Schallmayer geht davon aus, dass die tatsächlich berichteten Zahlen deutlich besser ausfallen werden. „Dies wird dem Aktienmarkt, der wegen der zuletzt stark gestiegenen Zinsen unter Abgabedruck stand, eine wichtige fundamentale Unterstützung geben.“
Erwartungen bereits im Markt eingepreist
In Europa lief die Quartalssaison zwar holpriger an – der Luxuskonzern LVMH steigerte seinen Umsatz nur noch um neun Prozent statt der erwarteten 11,5 Prozent –, insgesamt hält Schallmayer die Erwartungen im europäischen Index Eurostoxx 600 für wenig ambitioniert. Über den gesamten Index (ohne Energiesektor) rechnen die Analysten damit, dass die Gewinne auf dem Niveau des Vorjahresquartals stagnieren werden. Diese Erwartungen sind bereits im Markt eingepreist. Fallen die Ergebnisse besser aus, wäre es der Nährboden für künftige Gewinne.
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Beim Dax sind die Erwartungen noch bescheidener: „Im Vorquartal wurden die Berichte vielfach mit kräftigen Abschlägen quittiert, die Erwartungshaltung sollte diesmal geringer sein“, meint Schallmayer. Seit Ende Juni sind die Gewinnprognosen für 2023 und 2024 um jeweils mehr als zwei Prozentpunkte gefallen.
Schallmayer schließt daraus: „Beim Dax kann es im Vergleich zur Berichtssaison für das zweite Quartal fast nur besser werden.“ Wie sich die deutschen Großkonzerne tatsächlich geschlagen haben, wird sich ab Mittwoch nach Börsenschluss zeigen, wenn der Softwarekonzern SAP und die Deutsche Börse den Start der Berichtssaison hierzulande einläuten.