Globale Trends: Die großen Agrarhändler halten die Lebensmittelpreise hoch – mit verheerenden Folgen
Mühle des Konzern Archer Daniels Midland in Decatur.
Foto: ReutersLebensmittel haben die Energieerzeugnisse als Treiber der Inflation abgelöst. Mittlerweile liegt die Preissteigerungsrate für Nahrungsmittel wesentlich höher als die gesamte Rate der Geldentwertung. Die Öffentlichkeit hat sich an die Erklärung gewöhnt, dass die Covidpandemie, der Ukrainekrieg und gestörte Lieferketten dafür verantwortlich seien.
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, wie die Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (Unctad) in ihrem jüngsten Bericht zeigt. Sie widmet ein Kapitel ihres „Trade and Development Report 2023“ den großen Agrarhändlern wie Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus, auch als „ABCD“ bekannt. Der Organisation zufolge tragen diese marktbeherrschenden Firmen durch ihr Verhalten zu extremen Preisspitzen bei.
Bekannt ist, dass die großen vier seit Ausbruch der Pandemie ihre Gewinne massiv gesteigert haben. Beschleunigt wurde das mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine.
Ein funktionierender Markt setzt voraus, dass weitestgehende Transparenz über Angebot und Nachfrage besteht. Bei Agrar-Rohstoffen ist das nicht mehr der Fall. Große Händler bunkern erhebliche Mengen an Getreide, deren Umfang der Öffentlichkeit aber unbekannt ist. Sie verfügen über ein Wissen, das anderen Marktteilnehmern vorenthalten wird.
„Die wachsende sektorale Kontrolle des Nahrungsmittelsystems durch die großen Agrarunternehmen birgt die Gefahr, dass extreme Preisausschläge künftig die Norm werden“, schreibt die Unctad. Mit anderen Worten: Das Marktgeschehen wird nicht mehr allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt.
2022, das zeigt der Bericht der UN-Organisation, lagen die jährlichen Gewinne der ABCD-Gruppe fast dreimal so hoch wie in den zehn Jahren vorher. Die marktbestimmenden Händler erwirtschaften allerdings einen erheblichen Teil, in manchen Fällen fast die Hälfte ihres Ergebnisses außerhalb ihres Kerngeschäfts.
Sie nutzen ihr überlegenes Wissen über das Marktgeschehen, um mit speziellen Finanzprodukten zu spekulieren. Dabei arbeiten sie vor allem mit Futures, also Kontrakten, durch die der Preis eines erst in der Zukunft gehandelten Vermögenswerts schon in der Gegenwart festgelegt wird. Preise also, die die Lebensmittelkosten für die Verbraucher maßgeblich beeinflussen.
Risiken für das Finanzsystem
Angesichts der Tatsache, dass die großen Händler mittlerweile wie Schattenbanken agieren, verlangt die Unctad eine entsprechende Regulierung. Die neuen Finanzprodukte der vier großen Agrarhändler waren nämlich eigentlich dazu gedacht, durch Termingeschäfte klare Orientierungsmarken für die künftigen Preise zu setzen und dadurch mögliche Ausschläge zu glätten. Produzenten, Händler und Verbraucher sollten vor zu starken Schwankungen geschützt werden.
Wie die Unctad zeigt, haben die großen vier sich von diesen Anfängen mittlerweile weit entfernt. Sie agieren nicht mehr wie Händler, die ihre Geschäfte absichern, sondern wie Finanzinstitute – ohne entsprechend reguliert zu sein.
Auf mangelnde Transparenz der Rohstoffmärkte und daraus resultierende Risiken für das Finanzsystem hat auch das Financial Stability Board, eine internationale Organisation zur Überwachung des globalen Finanzsystems, vor einigen Monaten hingewiesen.
Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.
Foto: Klawe RzeczyDie Europäische Zentralbank (EZB) dagegen will sich auf Nachfrage weder zum Geschehen auf den Agrarmärkten und der Rolle der großen Händler noch zu deren Regulierung äußern. Das verwundert, wenn man sich die Relevanz der Nahrungsmittelpreise für die Teuerungsrate vor Augen hält.
Aspekte, die im Vergleich dazu marginal sind, wie der Einfluss des Wetterphänomens El Nino auf die Nahrungsmittelpreise oder die angebliche Verantwortung von Taiwan und Südkorea für steigende Preise von Computer-Chips, kommentiert die EZB dagegen breit.
Die Konzentration von Marktmacht in den Händen von ABCD sollte die EZB nicht länger ignorieren. Es geht um die Inflationsrate – und damit um den Kern ihres Mandats.