Fahrzeugflotten in Unternehmen: Warum Gewerbetreibende auf Fahrräder setzen
Schnell am Stau vorbei und Mitarbeitende benötigen kein Führerschein, um mit Lastenrädern auszuliefern oder als Handwerker zum Kunden zu fahren.
Foto: Ono Motion/HermesKöln. Ein großer Farbeimer, einige Werkzeuge und ein kleiner Grabstein. So sieht eine typische Ladung aus, wenn Manfred Vorholt sich mit seinem E-Lastenrad auf den Weg zu einem der Oberhausener Friedhöfe macht. Bis zu hundert Kilo kann er darauf mitnehmen. Für alles, was darüber hinausgeht – mancher Grabstein wiegt rund 400 Kilo –, besitzt er weiterhin seinen Lieferwagen. „Aber Strecken bis zu zehn Kilometer erledige ich grundsätzlich lieber mit dem Lastenrad. Es macht Spaß, damit zu fahren. Außerdem kann ich verstopfte Straßen umgehen“, sagt der Steinmetz aus Oberhausen. „Das ist für mich das Hauptargument.“
Seit dem Kauf vor vier Jahren habe das E-Lastenrad nichts an seinem Reiz verloren – auch weil kaum Schäden auftreten. Nur hin und wieder lässt Vorholt ein paar Speichen neu einziehen. Rund tausend Kilometer pro Jahr legt er mit dem Velo zurück. „Strecken, die ich sonst mit meinem Vito gefahren wäre.“
Wie Vorholt entdecken auch andere Unternehmer die Vorzüge von E-Cargobikes in staugeplagten Innenstädten. So sieht man Schornsteinfeger, Reinigungsdienste und Elektrotechniker, die neuerdings mit dem Rad statt im Kastenwagen beim Kunden vorfahren. Besonders weit ist die Logistikbranche.
Der Paketdienst UPS etwa startete in Hamburg schon 2012 ein Pilotprojekt mit Lastenrädern – inzwischen sind Zusteller so in mehr als 30 Städten unterwegs. Auch Konkurrent Hermes weitet die emissionsfreie Fahrradzustellung aus. Zum Einsatz kommen dabei häufig drei- oder vierrädrige Fahrzeuge, die mit wettergeschützter Kabine und austauschbaren Containern an miniaturisierte Transporter erinnern.
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Noch in der Erprobungsphase ist Ikea: Die Möbelkette testete Cargobikes im vergangenen Jahr in einem Pilotprojekt im niederländischen Delft. Die Besonderheit: Geladen werden die dreirädrigen Fahrzeuge über Fotovoltaikmodule am Transportbehälter. Die Ladefläche sei für 90 Prozent der Artikel im Sortiment groß genug, sagt Ikea-Nachhaltigkeitsmanagerin Helene Davidsson. Beliefert wurden Kunden, die in Innenstadtnähe wohnen. Der Versuch sei erfolgreich verlaufen. Nun erwägt das Unternehmen, die Lastenräder international auszurollen.
Das wachsende Firmeninteresse treibt einen Wachstumsmarkt. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) wurden im Jahr 2022 rund 213.000 Lastenräder in Deutschland verkauft. Das entspricht einem Plus von rund 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem Elektromodelle konnten zulegen. Der Boom erreicht auch Mobilitätsdienstleister, die bisher nicht für ihre Fahrradliebe bekannt waren.
So hat Sixt Anfang August angekündigt, in Berlin E-Cargobikes des Start-ups Onomotion in seine Nutzfahrzeugflotte aufzunehmen. Die Räder stehen Privat- und Geschäftskunden ab einer Mietdauer von einem Tag zur Verfügung. Bei Langzeitmieten sind Service und Wartung inklusive.
Hoffen auf Zusatzgeschäfte
Auch Flottendienstleister, die Unternehmen mit Autos versorgen, verstärken allerdings auch ihr Engagement fürs Rad. VW Financial Services beispielsweise hat im September angekündigt, sich mit nunmehr 49 Prozent am Fahrradleasing-Unternehmen Bike Mobility Services (BMS) zu beteiligen. BMS stellt Dienstfahrräder für 600.000 Mitarbeitende in 65.000 Unternehmen zur Verfügung. Das Unternehmen mit Sitz in Cloppenburg ist eine Tochter von Pon Holdings, zu der mehr als 20 Fahrradmarken gehöre
„Im Fahrradleasing liegt ein großes Potenzial als zusätzlicher Profit-Pool, der unser aktuelles Mobilitätsportfolio perfekt ergänzt“, erklärte Christian Dahlheim, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Financial Services. „So bauen wir unser Dienstleistungsangebot für gewerbliche Kunden systematisch aus und unterstützen unser langfristiges Wachstum im europäischen Flottengeschäft.“
Beim Dienstrad-Leasing kann man sein Wunschrad frei wählen. Also sind auch Cargobikes möglich, die bei Großstadtfamilien für den Transport von Kindern oder Einkäufen beliebt sind. Auch gewerblich genutzte Lastenräder werden oft geleast. Für Jobrad ist dies noch ein Nebengeschäft. Der Anteil der Lastenräder in der Leasingflotte liege bei zwei Prozent, sagt Sprecherin Burger. „Das Geschäft damit brennt noch auf kleiner Flamme, aber die Flamme wird größer.“
Um sie anzufachen, setzt der Anbieter Jobrad auch auf Förderungen. So erhalten Händler eine Prämie von 230 Euro für jedes abgerechnete Cargobike. Keine Branche wird ausgeklammert: So sichert eine Kooperation mit dem deutschen Hebammenverband selbstständigen Geburtshelferinnen seit Juni dieses Jahres einen Leasingrabatt von zehn Prozent bei jeder Rate zu. Bislang haben 40 Hebammen dieses Angebot angenommen.
Anreize für Unternehmen, auf das Rad umzusteigen, setzt auch der Staat. Über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert der Bund noch bis zum Februar die Anschaffung gewerblich genutzter Lastenräder. Ein Viertel der Kosten bis zu einem Betrag von 2500 Euro pro Rad werden übernommen.
Zunehmend nutzen Unternehmen diese Hilfe. Zwischen März und Dezember 2021 gingen 2825 Förderanträge ein, im Jahr 2022 waren es 4370 Anträge und im Zeitraum Januar bis August 2023 bereits 3073 Anträge. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einem Plus von gut fünf Prozent. Hier könnte das Ende der Fahnenstange aber erreicht sein. Ein Trend zu höheren Antragseingängen sei in jüngerer Vergangenheit nicht mehr feststellbar, teilt ein BAFA-Sprecher auf Anfrage mit.
Einige Bundesländer haben zudem eigene Programme aufgelegt. So bezuschusst Nordrhein-Westfalen den Kauf eines E-Lastenrads mit bis zu 60 Prozent des Kaufpreises, höchstens aber 4200 Euro pro Rad. Einige deutsche Großstädte bieten ähnliche Förderungen. Auch Steinmetz Vorholt aus Oberhausen profitierte von Zuschüssen – 700 Euro habe es als Förderung vom Land gegeben, erinnert er sich. Ob er durch das Lastenrad spare, habe er zwar nie ausgerechnet. „Da denke ich eher ökologisch als ökonomisch, aber mittlerweile müsste sich das Rad eigentlich amortisiert haben.“