Autoindustrie: Ford und Gewerkschaft UAW einigen sich auf Rekord-Lohnerhöhung
146.000 Arbeiter der Autoindustrie sind von den zur Neuverhandlung ausstehenden Tarifverträgen betroffen.
Foto: ReutersDetroit, New York. Die Verhandlungsführer des US-Autobauers Ford und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) haben sich nach einem sechswöchigen, besonders hart geführten Streik auf ein vorläufiges Abkommen geeinigt. Der Vertrag habe eine Laufzeit von 4,5 Jahren und sehe Rekordlohnerhöhungen vor, teilte UAW-Präsident Shawn Fain am Mittwoch mit.
Die Übereinkunft sehe eine Lohnerhöhung von 25 Prozent über die gesamte Vertragslaufzeit vor. Mit sofortiger Wirkung würden die Ford-Beschäftigten eine Lohnerhöhung von elf Prozent erhalten. Für die Spitzenlöhne ergebe sich unter Berücksichtigung des Lebenshaltungskostenausgleichs über die Vertragslaufzeit eine maximale Lohnerhöhung von 33 Prozent auf mehr als 40 Dollar pro Stunde.
„Wir haben Ford gesagt, sie sollen zahlen, und sie haben es getan“, sagte Fain in einem Videobeitrag auf Facebook. Die Arbeitsniederlegungen bei Ford hätten zum Erfolg geführt.
Die Einigung muss noch von der Gewerkschaftsführung und den Mitgliedern abgesegnet werden. Sie ist die erste seit Beginn der Streiks von 45.000 Gewerkschaftsmitgliedern bei Ford, General Motors (GM) und der Chrysler-Mutter Stellantis am 15. September.
Für die Gewerkschaft ging es bei der Auseinandersetzung ums Ganze. Die Lohnsteigerung von 25 Prozent erscheint auf den ersten Blick als sehr hoch. Aus Gewerkschaftssicht macht sie jedoch vor allem die seit der Krise der Detroiter Autobauer in den Jahren 2007 bis 2009 gemachten Zugeständnisse wett. Laut Berechnungen von Ökonomen haben Arbeiter in der US-Autoindustrie seit der Jahrtausendwende Reallohnverluste von 20 Prozent und mehr hinnehmen müssen.
„Die großen Autokonzerne haben in den vergangenen Jahren Milliardengewinne geschrieben. Die Aktionäre haben ein rekordverdächtiges Jahr nach dem anderen erlebt“, sagte Jessie Kelly, UAW-Sprecherin in Michigan, am Mittwochabend dem Handelsblatt. „Gleichzeitig sind immer mehr Autoarbeiter aus der Mittelschicht herausgefallen. Dieses Ausbluten muss endlich aufhören.“
Teurer Umbau zur Elektromobilität
Mehrere US-Automanager verwiesen hingegen im Gespräch mit dem Handelsblatt darauf, dass Ford, GM und Stellantis aufgrund des Umbaus zur Elektromobilität und der wachsenden Konkurrenz aus Fernost in den kommenden Jahren gravierende zusätzliche Belastungen zu schultern hätten. Gleichzeitig hätte der anhaltende Streik den Absatz von Bestsellern wie dem F-150 von Ford oder dem Silverado von GM gebremst. Deren Verkaufserlöse würden dringend gebraucht, um die Transformation der Traditionskonzerne zu finanzieren, so die einhellige Meinung.
Zuletzt war in Detroit spekuliert worden, dass sich der Streik bis weit in den Winter hinziehen könnte – eine Schreckensvision für viele Beobachter. Laut Gewerkschaftssprecherin Kelly stehen die Chancen nach der vorläufigen Einigung mit Ford nun jedoch gut, dass es bis zum November auch bei GM und Stellantis zu einem Ende der Streiks kommen könnte. Im nachbörslichen Handel lagen die Papiere aller drei Autobauer leicht im Plus.
Vor der Übereinkunft hatte der Streik beispiellose Ausmaße angenommen. Es war das erste Mal, dass die Gewerkschaft zu Arbeitsniederlegungen bei allen drei Konzernen aufrief. Auch setzte die UAW diesmal nicht auf Massenstreiks, sondern auf ausgewählte Arbeitsniederlegungen in Verteilzentren und anderen zentralen Einrichtungen, um so unter Schonung der Streikkasse einen möglichst großflächigen Produktionsausfall herbeizuführen.
Streik in historischem Ausmaß
Die Gewerkschaft hatte in den Verhandlungen zuletzt eine Erhöhung der Einkommen um 36 Prozent über vier Jahre verteilt gefordert. Die ursprüngliche Forderung hatte bei 40 Prozent gelegen, weil die Einkommen des Top-Managements der großen Autokonzerne um diesen Faktor gewachsen seien.
Die vorläufige Einigung bei Ford beinhaltet auch die Wiedereinführung des Teuerungsausgleichs, einen dreijährigen Zeitrahmen, in dem der Lohn neuer Angestellter zur Stammbelegschaft aufschließen soll, sowie ein Streikrecht bei Werksschließungen. Laut UAW beinhaltet die Vereinbarung die größten Lohnsteigerungen der vergangenen 22 Jahre.
US-Präsident Joe Biden begrüßte in einer Erklärung in der Nacht zum Donnerstag die vorläufige Einigung und nannte sie „historisch“. Die Beschäftigten hätten „so viel geopfert, um sicherzustellen, dass unsere ikonischen ,Big Three’ weiterhin in Sachen Qualität und Innovation weltweit führend sind“. Die „Macht der Arbeitnehmer“ sei entscheidend für den Aufbau der amerikanischen Mittelschicht.
Biden hatte sich wiederholt an die Seite der streikenden Arbeiter gestellt. Michigan und seine benachbarten Bundesstaaten gelten als „Swing States“: Sie wählen mal mehrheitlich demokratisch, mal republikanisch. Damit beeinflussen sie den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen maßgeblich. 2016 verhalfen die Wähler dort Donald Trump, 2020 Biden zum Sieg.
Deutsche Unternehmen kaum betroffen
Von den zur Neuverhandlung anstehenden Tarifverträgen sind 146.000 Arbeiter in der Autoindustrie betroffen. Die wirtschaftlichen Verluste durch den UAW-Streik belaufen sich nach Schätzungen der Anderson Economic Group bislang auf 9,3 Milliarden Dollar.
Deutsche Autobauer hatten betont, dass sie aufgrund der zumeist fehlenden gewerkschaftlichen Organisation in den Südstaaten nicht betroffen seien. Sowohl Mercedes-Benz als auch BMW und Volkswagen haben ihre größten US-Werke im Süden der Vereinigten Staaten, nicht in Detroit.
Der Tarifvertrag beim wichtigen Zulieferer Bosch steht erst im kommenden Jahr zur Neuverhandlung an. Ein vierwöchiger Streik beim Zulieferer ZF konnte nach der Ratifizierung eines neuen Vertrags in der vergangenen Woche beigelegt werden.
Amerikas Autohersteller sollen eine zentrale Rolle beim Erreichen von Bidens Klimazielen spielen, indem sie deutlich mehr Elektrofahrzeuge produzieren. GM zum Beispiel plant, bis 2025 eine Million Elektrofahrzeuge vom Band rollen zu lassen. Gewerkschafter befürchten jedoch, dass für Elektroautos deutlich weniger Teile benötigt werden – und daher weniger Mitarbeiter. Die UAW drängt darauf, dass auch diejenigen Beschäftigten, die zum Beispiel Batterien und andere Elektrokomponenten in neuen, als Joint Venture betriebenen Werken herstellen, von besseren Löhnen und Arbeitsstandards profitieren.