Kommentar – Der Chefökonom: Ehegattensplitting muss reformiert werden
Vergangenes Jahr arbeitete fast die Hälfte der Frauen in Deutschland in Teilzeit.
Foto: mauritius images / Westend61Im November 2023 meldete das Statistische Bundesamt, die Erwerbstätigkeit in Deutschland habe mit 46 Millionen Personen im September ein neues Rekordhoch erreicht. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gingen nahezu 300.000 mehr Personen einer Erwerbstätigkeit nach.
Auf den ersten Blick mag diese hohe Beschäftigung erstaunen. Denn die gesamtwirtschaftliche Leistung lag im dritten Quartal nur unwesentlich über dem Vor-Corona-Niveau des vierten Quartals 2019.
Im Klartext: Die Beschäftigtenzahl stieg an, während die gesamtwirtschaftliche Leistung seit nunmehr 15 Quartalen faktisch nicht gewachsen ist – und Besserung ist nicht in Sicht.
Eine mögliche Erklärung für diesen Befund findet sich in der amtlichen Definition von Erwerbstätigkeit. Dort heißt es: „Der Umfang dieser Tätigkeit spielt dabei keine Rolle.“ Mit anderen Worten: Das vorhandene Arbeitsvolumen wird auf mehr Schultern verteilt.
Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass im ersten Halbjahr 2023 das Arbeitsvolumen geringfügig niedriger als im entsprechenden Zeitraum des Jahres 2019 war.
Gleichzeitig lag die Teilzeitquote im zweiten Quartal dieses Jahres bei 39,1 Prozent und war damit 0,4 Punkte höher als im Frühjahr 2019, also vor dem Pandemieausbruch. Dies erklärt zumindest zum Teil, warum in vielen Branchen trotz gesamtwirtschaftlicher Stagnation Personal gesucht wird.
Tariflich vereinbarte Arbeitszeit hat sich kaum verändert
Nun zeigt die Wirtschaftsgeschichte, dass mit steigendem Wohlstand regelmäßig Arbeitszeitverkürzungen einhergehen. Anderenfalls würden die abhängig Beschäftigten noch immer 60 bis 70 Stunden in der Woche arbeiten, wie es im 19. Jahrhundert üblich war.
Dieser Entwicklung steht der Befund gegenüber, dass die tariflich vereinbarten Arbeitszeiten in den vergangenen Dekaden trotz steigender Einkommen nahezu konstant geblieben sind. Im Jahr 2022 arbeiteten Vollzeiterwerbstätige in Deutschland im Schnitt 40,4 Stunden – lediglich eine Stunde weniger als 1991. Gleichzeitig stieg jedoch der Anteil der Teilzeitbeschäftigten nach Angaben des Statistischen Bundesamts deutlich, sodass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit zurückging.
Besonders hoch ist die Teilzeitbeschäftigung unter den Frauen – und zwar weitgehend unabhängig von Ausbildung und Qualifikation. Im Jahr 2022 arbeiteten 49,2 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen in Teilzeit, aber nur 12,7 Prozent der Männer.
Bei beiden Geschlechtern stieg laut Mikrozensus in der vergangenen Dekade der Anteil um etwa drei Prozentpunkte an – und dies freiwillig. In aktuellen Befragungen gaben lediglich 5,7 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten als Grund dafür an, keine Vollzeitstelle gefunden zu haben. Auf der Suche nach einer Vollzeitbeschäftigung waren 7,4 Prozent der teilzeitbeschäftigten Männer und 5,2 Prozent der Frauen.
Großteil des Potenzials von Frauen bleibt ungenutzt
Die deutsche Volkswirtschaft steht am Beginn eines seit Langem bestens prognostizierten massiven Alterungsschubs. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge scheiden in den kommenden gut 15 Jahren sukzessive aus dem Erwerbsleben aus und müssen durch deutlich schwächer besetzte Kohorten ersetzt werden. Dieser Arbeitskräfteverknappung entgegenzuwirken wäre eine der wichtigsten Aufgaben der Politik in der vergangenen Dekade gewesen.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattNicht zuletzt dem Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist es zuzuschreiben, dass die Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Frauen kräftig anstieg. Heute beträgt der Frauenanteil an den Studierenden mehr als 50 Prozent, und der Anteil der jungen Frauen zwischen 25 und 34 Jahren mit tertiärem Bildungsabschluss ist mittlerweile höher als der gleichaltriger Männer.
Dies ist ein erfreulicher Befund. Leider bleibt ein Großteil dieses wachsenden Potenzials durch eine oft karrierehemmende Teilzeitbeschäftigung ungenutzt.
>> Lesen Sie hier: So ungleich sind die Karrierelevel von Männern und Frauen
Nun hat es die Politik in der Hand, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine Vollzeitbeschäftigung gerade für Frauen attraktiver wird. Dazu wäre es angezeigt, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten weiter auszubauen, insbesondere die für Schulkinder. Ferner wäre es möglich, durch strategische Zulassungsbeschränkungen das Angebot von Studienplätzen in einzelnen Fächern stärker an Bedürfnissen und Erfordernissen des Arbeitsmarkts zu orientieren.
Ehegattensplitting stammt aus der Vergangenheit
Gleichzeitig sollten neue Wege gesucht werden, um MINT-Studienfächer auch bei Schülerinnen beliebter zu machen. Unabhängig davon sind die Kultusminister in der Pflicht, den Trend zu stoppen, dass das Leistungsniveau von Schülern im internationalen Vergleich rückläufig ist. Jedes Jahr verlassen etwa 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, und mittlerweile ist jeder sechste der 20- bis 34-Jährigen in Deutschland ohne Bildungsabschluss.
Darüber hinaus bietet es sich an, die bestehenden Anreize für eine Teilzeitbeschäftigung unter Verheirateten zu reduzieren. So muss die Frage erlaubt sein, warum nicht erwerbstätige Ehepartner beitragsfrei in der Kranken- und Pflegeversicherung des Hauptverdienenden mitversichert sind? Während für in Minijobs erzielte Einkommen lediglich vom Arbeitgeber geringere Sozialbeiträge und eine pauschale Lohnsteuer abzuführen sind, müssen sozialversicherungspflichtig arbeitende Ehepartner hohe Abzüge auf ihr Arbeitseinkommen entrichten.
Ökonom Felbermayr zum demografischen Wandel: „Innovationsfähigkeit wird geringer“
Ferner sollte das aus dem Jahre 1957 stammende Ehegattensplitting, das das Familienbild dieser Zeit – das des allein verdienenden Ehemannes – widerspiegelt, zumindest deutlich modifiziert werden.
>> Lesen Sie hier: Warum auch die Ampel keine Reform des Ehegattensplittings wagt
Unabhängig davon ist es an der Zeit, die Hinzuverdienstregelungen für die Empfänger von Bürgergeld so zu reformieren, dass nicht der Minijob besonders attraktiv ist, sondern die Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Heute liegen die Transferentzugsraten abhängig von den bezogenen Sozialleistungen und Familienstand oberhalb von 100 Euro monatlichen Arbeitseinkommen bei bis zu 80 Prozent und mehr. Bei einem Hinzuverdienst von 1000 Euro bleibt oft kaum mehr als 200 Euro netto übrig. Der Anreiz, nicht oder schwarz zu arbeiten, ist entsprechend hoch.
Die Ampelkoalition hat mit ihrem Fachkräfteeinwanderungsgesetz signalisiert, dass sie – endlich – den Arbeitskräftemangel als Problem erkannt und die richtige Lösung gefunden habe. Leidige Diskussionen um höhere Wochen- oder gar Lebensarbeitszeiten brauche es daher nicht.
Deutschland muss vorhandenes Fachkräftepotenzial nutzen
In Wahrheit gibt es aber weder einen Plan, von wo die benötigten 400.000 qualifizierten Zuwanderer kommen noch wo sie mit ihren Angehörigen wohnen sollen. Überdies gilt Deutschland vielen Talenten nicht als erste Wahl. Der OECD „Talent-Attractiveness“-Indikator weist für Deutschland einen wenig rühmlichen 15. Platz aus. Ganz oben in dem Ranking stehen Neuseeland, Schweden und die Schweiz.
>> Lesen Sie hier: Dieser Weg führt zu einem akademischen Abschluss – auch ohne Abitur
Will Deutschland den bevorstehenden Alterungsschub bewältigen, wird kein Weg daran vorbeiführen, vorrangig jenes Fachkräftepotenzial zu nutzen, das bereits vorhanden ist. Wenn nicht nur das Wohlstandsniveau gehalten werden, sondern gleichzeitig die unausweichliche Dekarbonisierung der Volkswirtschaft finanziert werden soll, wird dies nicht mit weniger, sondern nur mit mehr Arbeit gelingen.
Vor 40 Jahren sang die Band „Geier Sturzflug“: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Was damals als Kapitalismuskritik gedacht war, wäre heute ein zukunftsorientierter Slogan.
Die besten Satiren schreibt das Leben selbst.