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Seitensprung-PortaleDas Bunga-Bunga-Business

Kein Trend erregt die Datingindustrie derzeit stärker als die Vermittlung von Sexkontakten: Während klassische Online-Partnerbörsen an Wachstumsgrenzen stoßen, entwickelt sich das Geschäft mit Affären zur Geldmaschine.Henryk Hielscher, Nele Hansen 17.11.2011 - 11:16 Uhr Quelle: WirtschaftsWoche OnlineArtikel anhören

Das Online-Dating boomt. Millionen Singles durchforsten regelmäßig das Netz nach einer neuen Liebe

Foto: dpa

Die Münchner Tanzbar Paradiso war in schummriges Rotlicht getaucht, die Wände mit goldenen Masken drapiert, und auf der Bühne rekelte sich die Burlesquetänzerin Lili Marleen zum James-Bond-Song „Goldfinger“. Mit der erotischen Folklore-Show startete die Singlebörse Friendscout24, eine Tochter der Deutschen Telekom, vor wenigen Monaten ihren neuen Online-Ableger Secret. „Prickelnde Abenteuer“ und „Spaß mit Gleichgesinnten“ verheißt die Seite. Kurz: Der Online-Dienst will Sextreffs und Affären zwischen seinen Mitgliedern vermitteln.

Ein paar Häkchen bei den sexuellen Wünschen, ein paar Euro für die Kontaktanbahnung, und schon startet „die lustvolle Entdeckungsreise“, so das Versprechen. Für Diskretion, Datenschutz und Sicherheit bürgt letztlich auch der Friendscout-Eigentümer Deutsche Telekom.

Internetbörsen für Sexkontakte und Seitensprung
Wer einen geeigneten Partner für den Seitensprung sucht, kann es bei Ashley Madison versuchen. Die Kosten richten sich nach einem Credit-Point-System. Zielgruppe sind verheiratete Männer und Frauen.
C-Date richtet sich an 35-40-Jährige mit gehobenem Niveau. Frauen zahlen nichts, Männer rund 120 Euro pro Quartal.
Im Schnitt sind die Nutzer von First Affair Anfang 30. Mit einem Preis von 40 Euro ist es für Männer vergleichsweise erschwinglich, Frauen dürfen umsonst mitmachen.
Auch Flirt-Fair hat die Zielgruppe der Anfang-Dreißigjährigen. Männer können sich für 120 Euro pro Quartal auf die Suche nach erotischen Abenteuern machen, Frauen zahlen nichts.
Joy-Club hat eine breite Zielgruppe, die auch nicht vom Alter abhängig ist. Egal ob Singles, Paare oder Transsexuelle - Männer können für rund 60 Euro im Quartal mitmachen.
Auch Lovepoint ist breit angelegt. Interessierte können hier den Traumpartner finden oder jemanden für einen Seitensprung: Die Kosten liegen für Männer bei 99 Euro.
Wer schon mit Mitte 30 auf der Suche nach einem Seitensprung ist, kann bei Meet 2 Cheat fündig werden. Männer zahlen knapp 90 Euro pro Quartal.
Secret richtet sich vor allem an Frauen. Die Kosten orientieren sich an eine Credit-Point-System.

Ausgerechnet ein braver Dax-Konzern mit dem Bund als Großaktionär verdient am Bunga-Bunga-Business? Vor wenigen Jahren hätte die frivole Unternehmung noch einen Skandal ausgelöst. Heute bleibt die Entrüstung aus. Stattdessen feiert Friendscout-Chefin Martina Bruder ihren „Einstieg in einen echten Wachstumsmarkt“ und empfiehlt ihr Unternehmen als „Full-Service-Anbieter“ für alle Liebeslagen.

Tatsächlich ist das Segment, das im Branchenjargon unter der sittsamen Vokabel Casual Dating firmiert, noch vergleichsweise klein. Nur ein Bruchteil der 190 Millionen Euro Umsatz, den die deutsche Datingindustrie 2010 insgesamt eingespielt hat, entfiel auf Sexvermittler à la Secret. Dennoch vermag das Gewerbe die Fantasie von Investoren wie Nutzern zu beflügeln. Noel Biderman, Chef der weltweit größten Online-Seitensprungagentur Ashley Madison, wähnt bereits die Chance, seinen Fremdgehclub als „eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke auf dem ganzen Planeten zu etablieren“.

Beseelt vom Glauben an den Erfolg der Mission „und ausgestattet mit reichlich Selbstbewusstsein“, will der Kanadier nun auch in Deutschland durchstarten. Doch Biderman und Friendscout-Chefin Bruder müssen sich auf harten Wettbewerb einstellen. Rivalen wie Joy-Club, Prime-Date, First Affair oder C-Date tummeln sich bereits in der Branche.

Die großen Online-Partnervermittlungen
Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen Online-Partnervermittlungen und Online-Flirt-Portalen. Es folgt eine Auflistung der wichtigsten Anbieter.
Das Online-Flirt-Portal kommt auf 761.000 Besucher pro Monat. Gemessen wurden die Daten im Juni 2011. Der Preis liegt bei knapp 90 Euro pro Quartal. Die Stiftung Warentest gibt der Seite in ihrer Untersuchung eine 3,3.
Auf Rang zwei der Online-Flirt-Portale folgt mit einigem Abstand das Flirt Café mit 464.000 Besuchern pro Monat.
Auf Rang drei folgt Neu.de mit 355.000 Besuchern.
Abgesehen von den größten Drei gibt es eine Reihe von weiteren Flirtbörsen. In einer Untersuchung von Stiftung Warentest erreicht DAting Cafe die beste Note - nämlich eine 2,7. Pro Quartal kostet die Mitgliedschaft 51 Euro. Die Zielgruppe sind Singles mit Niveau, im Schnitt Ende 30.
Kostenlos und dennoch gut bewertet ist Finya. Bei Stiftung Warentest kommt die Flirtbörse für junge Manschen ab 18 auf eine Durchschnittsnote von 2,9.
Wie der Name schon sagt, richtet sich 50plus-Treff an Single in höherem Alter. Die Mitgliedschaft kostet rund 60 Euro im Quartal.
Zumindest die Stiftung Warentest hält nicht besonders viel von der Börse Flirtcafe, denn sie vergab die Note 5,2. 57 Euro kostet Flirtcafe im Quartal.
Bei den Online-Partnervermittlungen liegt Elitepartner.de klar vorne. Das Portal kommt auf 352.000 Besucher. Auch hier wurde im Juni 2011 gemessen. Mit 60 Euro pro Monat ist die Teilnahme aber nicht gerade ein Schnäppchen.
Mit einigem Abstand folgt auf dem zweiten Rang Parship. Hier klicken monatlich 180.000 Besucher.
Auf dem dritten Platz folgt Edarling mit 141.000 Besuchern. Die Daten stammen von Singlebörsen-Vergleich, Bitkom und Nielsen.
Nicht gerade ein Schnäppchen ist das Portal partnersuche.de - denn pro Quartal kostet die Teilnahme 179 Euro. Dabei bewertet die Stiftung Warentest das Portal nur mit 3,4. Parship (2,2), Elitepartner (3,1) und Edarling (3,3) kommen da besser weg.
Be2 richtet sich an Single ab 25 Jahren, die eine feste Beziehung suchen. Pro Quartal kostet es 150 Euro. Die Durchschnittsnote liegt bei 3,0.
Mit einer Gebühr von 74,50 Euro pro Quartal ist partner.de die günstigste Partnerbörse. Die Zielgruppe ist im Schnitt Mitte 40.
Der Aussage "Ich habe ein Date via Internet verabredet" stimmen vor allem die 14- bis 29-Jährigen zu: 47 Prozent sagen hier: das habe ich schon mal getan. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 21 Prozent, bei den 50- bis 64-Jährigen neun Prozent und bei den über 65-Jähringen immer noch 13 Prozent.

Zwei übergreifende Trends sind für den Zeitenwandel in der Datingindustrie verantwortlich:

Neue Freizügigkeit: Die Wahrnehmung von Sex in der Gesellschaft hat sich verändert. Sex werde zunehmend als „eine Art Freizeitbeschäftigung“ mit Wellness-Charakter gesehen, konstatiert der Soziologe Jean-Claude Kaufmann von der Pariser Sorbonne-Universität. Jenseits aller Tugendtümelei wirft die Entwicklung grundsätzliche Fragen zu Moralvorstellungen und dem Wesen von Beziehungen auf. Für einen Teil der Bevölkerung war und ist die Suche nach losen Kontakten oder Affären schon immer Normalität. Neu ist: Die offene Akzeptanz dafür hat zugenommen - und das nicht mehr nur bei Männern. Das Selbstbewusstsein von Frauen in Sachen Sex wächst.

Wirtschaftlicher Druck: Die Goldgräberzeiten sind für das Gros der traditionellen Online-Kuppler vorbei, die Suche nach Alternativen und Ergänzungen zum lahmenden Kerngeschäft beginnt. Denn während die Umsätze vieler Datingdienste in der Vergangenheit allein schon deshalb zulegten, weil die Zahl der Internet-Nutzer stieg und die Partnersuche via Netz gesellschaftsfähig wurde, ist das Marktwachstum in Deutschland inzwischen deutlich abgeflaut. Der Werbedruck steigt, zugleich sind Einstiegsbarrieren für neue Anbieter gering. Web-Spezialisten bieten Seitenbetreibern bereits Fertigbausätze für den Start eigener Nischenplattformen an ? inklusive einer Grundausstattung an Mitgliederprofilen. Und so tummeln sich neben den Schwergewichten Parship, eDarling und Elitepartner zig Singlefundgruben im Netz.

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Laut dem Branchendienst Single-Börsenvergleich widmen sich allein in Deutschland mittlerweile mehr als 2500 Online-Anbieter dem Partnerglück - vom bildungsnahen Schichtvermittler AcademicPartner bis zu Zuckerjungs.de, wo reife Frauen nach jungen Lovern fahnden. Es gibt eigene Singlebörsen für liebestolle Bauern und Trucker, einsame Golfer und Doktoren. Heiratswillige Christen bandeln bei Himmlisch-Plaudern.de an, alleinstehende Satanisten bei Schwarzesglueck.de.

Angesichts der Masse an Portalen startete eine Parship-Tochter Ende August bereits eine eigene Meta-Suchmaschine für die Rasterfahndung nach dem Glück. Über solista.com sollen Bindungswillige nun parallel bei verschiedenen Anbietern suchen ? wobei sich die Auswahl regelmäßig ändert. So erlag die blutgruppenbasierte Partnersuche mit dem klangvollen Namen Rosso Di Amore jüngst der Mitglieder-Anämie. Auch Reiterflirt, eine Plattform für Pferdefreunde, wurde vom Betreiber wieder abgehalftert. Zu überschaubar scheinen die Nutzerzahlen, als dass sich mit dem Gros der Nischenplattformen auf Dauer Geld verdienen ließe. In der Summe machen sie den Branchengrößen aber dennoch zu schaffen.

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Dabei schien der Markt keine Grenzen zu kennen, als am Valentinstag 2001 mit Parship eine der ersten Online-Partnerbörsen Europas startete und ein jahrhundertealtes Gewerbe umkrempelte. Am 29. September 1650 erschien in London die vermutlich erste Kontaktanzeige. Sir John Dimly, Lord of Manor of Charleton and Henry Castle, wünschte „einen Vertrag der Ehe mit einer jungen Frau zu schließen“, egal, „ob sie Jungfrau oder Witwe ist“. Sein Interesse galt vielmehr den pekuniären Aspekten der Liaison: „Die Frau muss ein eigenes Vermögen von 300 Guineas besitzen“, ließ Dimly wissen. Ob der Lord erfolgreich war, ist nicht überliefert. Die Kontaktanzeige als Instrument der Partnersuche begann jedoch ihren Siegeszug.

Erst das Internet änderte die Spielregeln. Statt Selbstbelobigungen von Paarungswilligen zu veröffentlichen, unterbreiten Parship & Co. ihren Nutzern psychotestbasierte Vorschläge. Bei der Anmeldung klicken sich die Singles durch einen Fragekatalog, nennen Hobbys und Musikgeschmack, bewerten, welche Rolle Kinderwunsch oder Treue für sie spielen. Anschließend scannt der Computer die Datenbank nach Mr. oder Mrs. Right.

Das Matching getaufte Ritual soll dabei helfen, den passenden Partner aus der Menge zu filtern - und die teils üppigen Gebühren von bis zu 180 Euro pro Quartal rechtfertigen. Als Segen und Fluch zugleich gilt die Anonymität, die nur schrittweise abgebaut werden kann. Und so endet mancher E-Mail-Flirt abrupt, sobald das erste Foto freigeschaltet wird.

Vernetzt, verliebt, verheiratet - geht es nach Elitepartner-Chef Jost Schwaner, werden digitale Liebesgeschichten in Zukunft zur Regel. „Spätestens 2015 wird sich die Mehrheit der Paare online finden“, prophezeit Schwaner. Dennoch lasse das Tempo der Entwicklung nach. In der Branche gehe es jetzt um Verdrängung.

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Bis vor wenigen Jahren war der Markt klar aufgeteilt. Parship dominierte das deutsche Matching-Geschäft. 2004 stieß Elitepartner, ein Unternehmen der Burda-Tochter Tomorrow Focus, dazu. Seiten wie Friendscout24 oder neu.de, bei denen nicht die Suche nach dem Partner fürs Leben im Vordergrund steht, sondern das Flirten in allen Facetten, eroberten derweil die jüngeren Zielgruppen. Hier können die Mitglieder zwar Such- und Ausschlusskriterien festlegen, durchstöbern die Datenbank in der Regel aber selbst nach passenden Profilen und gefälligen Fotos.

Für Bewegung sorgte indes die Gründung von eDarling. Ende 2008 starteten die Unternehmerbrüder Samwer ihre Version der Partnervermittlung und katapultierten die Anmeldequoten mit einer Flut an Fernsehspots nach oben ? ebenso wie die Marketingkosten für die Konkurrenz. Um die Mitgliederzahlen zu halten, mussten fortan auch die Rivalen auf allen Kanälen trommeln. Branchenkenner beziffern den Aufwand, um einen Neukunden zu gewinnen, inzwischen auf bis zu 200 Euro.

Aus Sicht von eDarling ist die Strategie aufgegangen. „Wir wachsen täglich, während bei Wettbewerbern bereits Mitarbeiter gehen mussten“, sagt eDarling-Manager und -Mitgründer Kai Rieke mit einem Seitenhieb auf Parship. Dort wurden im Mai zehn Prozent der Stellen gestrichen.

Eher wenig romantisch: Sexbörsen versprechen nicht unbedingt, den Traumpartner zu finden.

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Parship-Geschäftsführer Peter Schmid keilt zurück: „Die meisten Partnerportale erkaufen sich ihr Wachstum mit herben Verlusten.“ Parship dagegen verdiene seit vier Jahren Geld und werde ?auch weiter profitabel arbeiten?. Der Umsatz sei 2010 nahezu konstant zum Vorjahr bei 55,4 Millionen Euro geblieben. Doch auch Schmid räumt ein: „Der Markt ist hart, die Margen gehen runter.“

Parship-Rivale Robert Wuttke, Chef und Gründer der Online-Partnervermittlung be2, hat sich daher auf das Ausland konzentriert. Das Unternehmen ist in 37 Ländern aktiv. ?Im deutschen Partnervermittlungsgeschäft ist eine Konsolidierung überfällig?, sagt Wuttke. Als mögliche Paarung haben Brancheninsider bereits Parship und Elitepartner ausgemacht. „Momentan spricht in der Branche jeder mit jedem“, sagt Elitepartner-Chef Schwaner.

Nicht nur das Geschäft der Partneragenturen sortiert sich neu. Auch die Datinganbieter stehen unter Druck. Facebook-basierte Balzportale wildern in ihrem Revier. 300 000 neue Mitglieder vermeldet etwa der in London beheimatete Anbieter Badoo ? weltweit, jeden Tag. Insgesamt zählt Badoo derzeit über 120 Millionen Nutzer, rund zwei Millionen sollen es allein in Deutschland sein. Web-2.0-Erfolge feiern auch die Community Zoosk und das Kennenlernnetzwerk Meetone, an dem sich in der vergangenen Woche die Sendergruppe ProSiebenSat.1 beteiligt hat. Die Folge: Traditionelle Datinganbieter versuchen selbst in der Netzwerkwelt Fuß zu fassen, oder erweitern schlicht ihre Zielgruppe.

So will Friendscout24 seit Kurzem mit einem Beziehungstest im Matching-Segment punkten, hat es mit Secret aber eben auch auf all jene Frauen und Männer abgesehen, die nach einem kurzen Techtelmechtel trachten.

Seit dem Start von Secret im Februar haben 100 000 Mitglieder online ihre Vorlieben und Tabus angeklickt und den Grad ihres Verlangens nach Intimrasuren, Dessous oder Fesselspielen definiert. Ähnlich wie klassische Partnervermittler listet die Datenbank anhand der Angaben die vielversprechendsten Kandidaten auf. Das Geschäftsmodell: Um Kontakt aufzunehmen oder Fotos freizuschalten, bezahlen die männlichen Nutzer mit Guthabenpunkten, sogenannten Credits, die sie zuvor bei Secret erstanden haben. Alles Weitere klären die Paarungswilligen untereinander.

Ähnlich funktionieren auch andere Casual-Dating-Plattformen, die sich mal mehr, mal weniger explizit an Fremdgeher richten oder aber Singles ansprechen, die zwar Spaß am Sex, aber keinen Bedarf an Bindung haben. An Interessenten herrscht kein Mangel. Zwar dürfte ein Teil der Nutzer Abwanderer von klassischen Singleportalen sein. Schließlich gingen auch dort schon immer Kavaliere auf die Pirsch, die unter dem Stichwort Körpergröße stolz „17 mal 4 Zentimeter“ vermeldeten.

Die Erotik-Portale versuchen auf ihren Seiten allzu tumbe Avancen zu unterbinden. Statt praller Pornobildchen gibt es bei Secret & Co. allenfalls erotisch angehauchte Posen zu besichtigen, garniert mit den Versprechen: Diskretion und Datensicherheit blieben gewahrt. Überprüfbar sind derlei Aussagen kaum. Doch immerhin lassen sich einzelne Anbieter von unabhängigen Dritten kontrollieren.

Die Internet-Seite von Joy-Club, einem Sprössling des fränkischen Online-Verlags Feig &Partner, der „über eine Million reale Mitglieder“ vermeldet, ziert etwa das Datenschutz-Prüflogo des TÜV Saarland. Das Kalkül dahinter: Mit dem Sicherheitsversprechen und einer zurückhaltenden Optik soll vor allem das Interesse von Frauen an den Portalen geweckt werden. Denn die ignorierten in der Vergangenheit meist all jene rustikalen Angebote, die durchs Netz waberten. Die Männer blieben allein.

Die neue Ausrichtung scheint erfolgreicher. Prime-Date, 2010 von Ex-Parship-Chef Arndt Roller und dem Marketingmanager Felix Brosius gegründet, soll in diesem Jahr einen siebenstelligen Umsatz schreiben. Während Parship, eDarling und Elitepartner aus Sorge ums Image Abstand zu den Netzeskapisten halten, stürzt sich be2-Gründer Wuttke mit Verve auf das „attraktive“ Segment. 2008 gründete der frühere Chef der Suchmaschine Lycos mit C-Date eine Affärenplattform, die heute in 35 Ländern aktiv ist und bei der sich bereits acht Millionen Frauen und Männer registriert haben. Damit dürfte Wuttke zu Europas König der Kuppler avanciert sein.

Weltweit wird er nur von Ashley-Madison-Chef Biderman in den Schatten gestellt. Mehr als zehn Millionen Nutzer verzeichnet sein Untreueportal nach eigenen Angaben. Sie kommen aus den USA, Kanada, Australien, Brasilien und vielen europäischen Ländern und bescherten dem Unternehmen 2010 rund 60 Millionen Dollar Umsatz. In diesem Jahr sollen es sogar 100 Millionen Dollar werden.

Dabei helfen Nutzer wie holgi123123 aus Niedersachsen. Der gebundene Zweimetermann möchte „knisternde Erotik erleben, riechen und anschauen“. Holgi sucht eine Affäre. Für jede Kontaktaufnahme und jeden Chat muss er ein paar Credit-Points zahlen. Je nach Paket sind so bis zu 3,95 Euro pro E-Mail fällig.

Seit einem Jahr baggert Ashley Madison inzwischen um Deutschlands Fremdgeher. Zwei Millionen Euro hat Biderman bereits ins Marketing gesteckt und ließ unlängst ein riesiges Plakat mit Fotos von Arnold Schwarzenegger, Horst Seehofer und Bill Clinton an einer Berliner Hotelfassade aufhängen. Unter den prominenten Fremdgehern stand die Frage: „Was haben diese drei Männer gemeinsam“? Sie hätten „besser Ashley Madison nutzen sollen“. Weitere fünf Millionen Euro Werbemittel für die diskreten Vermittlerdienste sind geplant. Doch auch bei Ashley Madison sind Fremdgeher nur teilweise vor Ertappung sicher. Das Risiko wird zwar über eine neutral gehaltene Kreditkartenabrechnung minimiert. Doch falls sich der Partner oder die Partnerin selbst anmeldet und ein Profil enttarnt, droht Ungemach. Und das Löschen des Profils lässt sich Ashley Madison von den Nutzern teuer bezahlen.

Ohnehin hat die Branche mit ihrem Image zu kämpfen, was weniger an ihren verruchten Diensten als am teils windigen Geschäftsgebaren in früheren Zeiten liegt. Vor allem die Versprechungen vieler kleinerer Anbieter gelten noch immer als ähnlich valide wie die Selbstbeschreibungen mancher Nutzer. Die nach eigenem Befinden „dralle Rubens-Prinzessin“ erweist sich im bürgerlichen Leben als schlichte Pummelfee, der angeblich pulsierende Kontaktbasar als Friedhof der Profile. Zudem ist nicht auszuschließen, dass professionelle Sexarbeiterinnen auf den Portalen auf Kundenfang gehen oder die Betreiber selbst ihre Nutzer über Lockvögel schröpfen.

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Letzteres dürfte bei den namhaften Anbietern aber tabu sein, schon aus Angst, dass sich Abzockvorwürfe im Web verbreiten. „Durch den Einstieg großer Unternehmen wird das Segment insgesamt seriöser“, sagt Marktbeobachter Henning Wiechers, der die Internet-Seite Single-Börsenvergleich betreibt.

Der Experte erwartet, dass das zügellose Treiben demnächst auch die Smartphones erobert. „Der Gay-Bereich gilt als Datingavantgarde“, sagt Wiechers. Und in der Szene sorgt etwa das Angebot Grindr für Furore. Dahinter verbirgt sich eine Smartphone-App, die dem Nutzer via GPS-Ortung anzeigt, welche anderen Grindr-Mitglieder sich in der Nähe aufhalten - bereit für ein spontanes Treffen. „Dog-lover looking for doggy-style“, lauten nun die Grußbotschaften aus der Nachbarschaft. Seit Kurzem gibt es das Angebot unter dem Namen Blendr auch für Heterosexuelle.

An einem Segment des Liebesmarktes scheinen derlei Entwicklungen jedoch abzuperlen: der Deluxe-Partnervermittlung, wie sie etwa die Berliner Unternehmerin Christa Appelt für Erben, Manager oder andere zu Wohlstand gekommene Klienten oft per Zeitungsannonce organisiert. Selbst die Tonlage hat sich seit Lord Dimleys Zeit offenbar nur unwesentlich geändert. Da sehnt sich ein „Einkommens-Millionär“ und nebenher „Ferrari-Fahrer“ nach einer anspruchsvollen Partnerin. Eine Münchner Unternehmertochter („Zweitwohnsitz Côte d'Azur“) sucht Geborgenheit bei einem „lebensgereiften, erfolgreichen Mann“. Das Internet? „Das ist für meine Klienten nichts“, sagt Appelt. „Nicht in dieser Liga.“

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