TV Kritik: „Das ist eine kranke Entwicklung”
Die Zinsen fallen nahe Null – ein Albtraum für Sparer. Aber auch für Versicherer, Banken und den Mittelstand. Die „Zinsschmelze“ hat viele Folgen, bei „Hart aber fair” wollte Moderator Frank Plasberg in 75 Minuten Sendezeit alle diese Konsequenzen diskutieren. Von der Inflation über die Europäische Zentralbank, zum Leitzins und zur Altersvorsorge: Alles wurde angeschnitten - aber nicht abgeschlossen.
Dabei war die Besetzung unter anderem mit Linken-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht, der Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, Edda Castelló, und dem Wirtschaftsprofessor Max Otte sehr gut gewählt. Nur kamen die wichtigen Themen zu kurz. Ein Beispiel: die private Altersvorsorge. Egal ob Alt-Kanzler Schröder (SPD), Angela Merkel (CDU) oder Horst Seehofer (CSU) – sie alle forderten die Bürger auf, privat für das Alter vorzusorgen.
Dieses Thema hätte allein eine ganze Sendung füllen können, denn mittlerweile wird klar: Die damaligen Versprechen der Versicherer lassen sich angesichts der niedrigen Zinsen heute nicht mehr erfüllen. „Die Prognosen, die noch vor 20 oder 30 Jahren gegeben wurden, waren aus der Luft gegriffen”, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Selbst das Geld auf dem Sparbuch wäre mittlerweile mehr als das, was zum Beispiel Lebensversicherer zahlen, so Castelló.
In einem konkreten Fall, der in der Sendung gezeigt wird, erhält ein Rentner gegenüber der damaligen Prognose der Lebensversicherung heute 20 Prozent weniger als veranschlagt. Der Fall des Rentners ist bundesweit keine Seltenheit: „Der Großteil der Verträge ist grauenhaft”, sagt Wirtschaftsprofessor Max Otte. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte wurde vor allem durch die Voraussage der Finanzkrise bekannt. So müsse man manchmal bis zum 90. Lebensjahr warten, bis sich einer der Verträge lohne, so der Ökonom weiter. „Da ist massiv abkassiert worden.”
Moderator Frank Plasberg fragt daraufhin in die Runde, ob Sparer ihre Pläne für den Ruhestand nun revidieren müssten: „Jetzt also Balkon statt Urlaub im Süden?” Markus Söder (CSU), bayerischer Finanzminister, sieht auch im Alter noch Vorsorge-Möglichkeiten. So könne man bei der Riester-Rente auch mit 60 Jahren in der Tat noch einiges machen. Ein lautes Raunen des Publikums quittiert seine Aussage, während die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale ungläubig zu Söder blickt.
Doch auch wer nicht privat für das Alter vorsorgt verbrennt beim Sparen Geld. Der Grund: Die Zinsen liegen unterhalb der Inflationsrate – das gesparte Geld von heute ist morgen weniger wert. Es scheint, als würden die Deutschen für ihre Tugend zu sparen nun bestraft. „Kann das sein, dass die Deutschen blöd sind, weil sie sich an Politiker gehalten haben?”, fragt Plasberg. Einem Zeitungsbericht zufolge gebe es bereits Banken, die ihre Computerprogramme sogar auf Negativzinsen vorbereiten, da dies in deren Programmierung eigentlich nie vorgesehen war, so der Moderator.
„Nun wird die Mittelschicht enteignet”, sagt Sahra Wagenknecht daraufhin in die Runde. Den Reichen gehe es immer besser, da sie ihre Ersparnisse am boomenden Aktienmarkt anlegen, sagt die Vize-Fraktionschefin der Linken. „Das ist eine kranke Entwicklung.” Ähnlich sieht das auch Wirtschaftsprofessor Otte: „Die, die gespart haben sind die Dummen.” Sollte es wirklich zu negativen Zinsen kommen, gliche dies einer Enteignung. „Das ist eine Anti-Mittelstandspolitik”, so Otte.
Der Finanzminister aus dem Süden Markus Söder (CSU) sieht die Schuld dabei vor allem bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Die habe sich von einer Europäischen Bundesbank zu einer Geldausgabeanstalt entwickelt, sagt Söder und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Diese Leitzinspolitik kann bestenfalls vorübergehend sein.”
Michael Kemmer, der rechts von Söder Platz genommen hat, blickt den Finanzminister an und versucht zu beruhigen: Er glaube nicht, dass die EZB einen negativen Zins ausgebe. „Das ist ein Gerücht, wir sollten abwarten”, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken. Doch Edda Castelló möchte nicht abwarten. Sie möchte noch schnell zu einem weiteren Thema: Dispozinsen. Die seien ihrer Ansicht nach viel zu hoch. Das Wort geht an den Geschäftsführer des Bankenverbandes Kemmer, der dann sagt, Dispozinsen seien ein schwieriges Thema. Plasberg und das Publikum müssen laut lachen.
Später fragt Plasberg Michael Kemmer, wem er aus der Runde sein Geld anvertrauen würde. Der antwortet nach kurzem zögern: Die eine Hälfte würde er Sahra Wagenknecht geben, die andere der Verbraucherzentrale. Auch wenn die meisten Themen nur oberflächlich behandelt wurden, tiefgründig ist: Der Hauptgeschäftsführer des großen und einflussreichen deutschen Bankenverbandes vertraut in Geld-Angelegenheiten also den Linken.