Razzia in Dongguan: China macht seine Sexhauptstadt dicht
Chinesische Polizisten bei einer Razzia gegen Sexarbeiterinnen.
Foto: Getty ImagesDongguan. Er sieht eher aus wie ein Verkäufer im Buchladen, doch Chao Kai hat jahrelang im Puff an der Bar gearbeitet. Die Mädchen haben ihre wohlhabenden Freier immer noch verleitet, ihnen bei Chao einen teuren Drink auszugeben, bevor es rauf ins Zimmer ging. Zumindest war das so, bevor die Polizisten kamen. „Sie haben den Laden gestürmt und alle unsere Fräuleins in der Lounge zusammengetrieben“, erzählt der 30-Jährige. Richtig grob seien die Beamten gewesen.
Jetzt ist Chao praktisch arbeitslos. Der Boss bezahlt ihn zwar noch dafür weiter, dass er die Bars und das Restaurant des „Hotel Paris“ in vorzeigbarem Zustand erhält. „Aber wir werden den Laden mit Sicherheit nicht wieder aufmachen, zumindest nicht in der alten Form. Es ist Schluss.“ Der Boss plane, das Freudenhaus an einen Investor zu verkaufen, der es dann wirklich als Hotel weiterbetreiben kann.
Es wird jedoch schwer werden, einen Käufer zu finden. Denn nicht nur das „Paris“ steht leer. Die gesamte „Schwanensee-Straße“ im Stadtteil Changping ist Tag und Nacht wie ausgestorben, genauso alle anderen Rotlicht-Bezirke der südchinesischen Großstadt Dongguan. Die Polizei hat überall gnadenlos aufgeräumt. Die Prostituierten sind verhaftet oder weitergezogen, die Zuhälter untergetaucht, die Freier eingeschüchtert. Der Wandel kam im Februar praktisch über Nacht. Damals dachten noch alle, der Spuk sei bald vorbei, doch die Behörden bestanden langfristig auf den Schließungen.
Das Beispiel Dongguan zeigt, wie abhängig die Wirtschaft in China von den Launen der allein regierenden Kommunistischen Partei ist. Es zeigt aber auch, welche gigantischen Ausmaße hier die Schattenwirtschaft annimmt, wenn der Staat sie wuchern lässt. Denn die Sexindustrie war zum Schluss die erfolgreichste Branche von Dongguan mit einem geschätzten Umsatz von sechs Milliarden Euro. Deutlich mehr als ein Zehntel des Steueraufkommens der Stadt kam aus dem Rotlichtsektor, schätzt Finanzwissenschaftler und Regionalforscher Lin Jiang von der nahen Sun Yat-sen Universität.
In Dongguan sind in den vergangenen Jahren rund 200 neue, große Hotels entstanden. „Etwa, weil es da so viele Sehenswürdigen gibt? Nein, die Leute sind aus ganz China gekommen, um in besonderer Weise bedient zu werden“, sagt Lin. Die Hotels und ein Teil ihrer Angestellten haben mehr oder minder regulär Steuern gezahlt, die Sexdienste selbst jedoch sind schwarz angefallen. Der Anteil an der Wirtschaftsleistung war aber auf jeden Fall erheblich, sagt Lin. „Jetzt, wo dieser Geschäftszweig verschwunden ist, wird das der Wirtschaft auf jeden Fall erheblich schaden.“
Das „Hotel Paris“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Geschäft lief. Außen ist es in einer übertriebenen Imitation französischer Architektur des 18. Jahrhunderts gehalten, innen branchentypisch in rotem und pinken Plüsch ausgestattet, garniert mit Kristalllüstern und Statuen. Bei Tageslicht sieht alles ziemlich schäbig und heruntergewirtschaftet aus. „Doch abends machte das noch einigermaßen etwas her“, sagt der ehemalige Barmann Chao.
Was das Hotel zum Puff machte, war die Anwesenheit von über 100 Mädchen, die fest zum Etablissement gehörten. Sie räkelten sich auf roten Sofas oder saßen an der Bar. Die Kunden konnten sich aussuchen, wer ihnen gefiel. Der direkt angeschlossene Karaoke-Tempel war vor allem zur Buchung durch Firmen beliebt, die ihren Geschäftspartnern etwas bieten wollten. Erst setzen sich die Mädchen nur auf den Schoß und albern mit den Managern, später öffnen sie die Bluse und bieten mehr.
In den Karaoke-Räumen, den Hotelzimmern, der Bar und dem Restaurant setzt sich nun der Staub ab. Der Vordereingang des „Paris“ ist mit Bügelschlössern gesichert, ein Hund stöbert einsam um das Gebäude herum. Ähnliche Vergnügungs-Ruinen stehen die ganze Schwanensee-Straße entlang. Im Viertel Changping herrschte vorher dauernd Verkehrsstau, jetzt wirken die Straßen verlassen. „Ich werde vermutlich ebenfalls aus Dongguan weggehen“, sagt Chao. „Aber so gut bezahlte Jobs wir hier im Rotlichtbereich gibt es selten.“
In China gibt es nur wenig moralische Vorbehalte gegen Prostitution. Dem ältesten Gewerbe der Welt stehen jedoch andere Widerstände entgegen: Verkauf von Sex ist seit Gründung der Volksrepublik verboten. Die Kommunisten sahen Prostitution offiziell als bürgerliche, dekadente Unsitte an, die mit der Einführung des Sozialismus verschwinden werde - so sah es die Ideologie vor. Bis dahin müsse sie noch gesetzlich unterdrückt werden.
Inzwischen herrscht in China zwar wieder Kapitalismus, doch das Verbot der Prostitution ist unverändert in Kraft. Die Realität verhöhnt das Gesetz jedoch jeden Abend überall da, wo die Menschen zum Spaßhaben hinkommen. „Lady Bar? Erotische Massage? Sex?“, fragen Anreißer ganz offen in der Barstraße des Pekinger Diplomatenviertels, nur wenige Fahrminuten vom nationalen Regierungssitz entfernt.
Die Provinz Guangdong wiederum ist 1800 Kilometer von den humorlosen Bürokraten in Peking entfernt. Hier herrscht traditionell größere Freiheit: Im Grenzgebiet zu Hongkong begannen seinerzeit Reform und Öffnung des Landes. Hier sind Zensur und Gängelei bei weitem nicht so schlimm wie in der Hauptstadt. Peking ist in jeder Hinsicht weit weg.
Deshalb haben die örtlichen Parteivertreter und Beamten auch nicht gezögert, den Ausbau Dongguans zum Sexstandort zuzulassen. Dongguan war ursprünglich ein klassischer Industriestandort mit Fabriken für Textilien, Spielzeug oder Plastikwaren. Der Einbruch des Exports infolge der Wirtschaftskrise ab 2009 traf die Stadt schwer, die Arbeitslosigkeit stieg steil an. Während das benachbarte Shenzhen sich zunehmend als Hochtechnik-Standort neu ausrichtete, rissen in Dongguan große Lücken auf.
Für die Wirtschaftspolitiker vor Ort war des Sexbusiness also bereits Plan B. „Es gibt keinen Beamten, der etwas gegen hohes Wirtschaftswachstum hat“, sagt Ökonom Lin. „Da das produzierende Gewerbe bereits lahmt und nun das zweite Standbein, die Rotlichtindustrie, komplett weggebrochen ist, wird es nun richtig schwer.“ Er erwartet für 2014 ein starkes Absinken der örtlichen Wirtschaftsleistung. Mit Folgeeffekten schätzt er den Beitrag des Sexwirtschaft allein in Dongguan auf über 20 Milliarden Euro.
Die einstigen Wirtschaftsakteure wandern schnell ab. Die durchweg 20- bis 30-jährigen Mädchen sind nach der Polizeirazzia mehrheitlich in ihre Heimatregionen zurückgegangen. Nur wenige von ihnen haben einen Job in einer örtlichen Fabrik gefunden – allerdings auch nur für ein rundes Zehntel des Einkommens in ihrer früheren Tätigkeit. Die Polizei hat das „Hotel Paris“ anfangs fünf Mal täglich besucht, um klarzumachen, dass es jetzt nicht einfach im Hinterzimmer weitergehen darf.
Warum statuiert die Regierung gerade in Dongguan ein Exempel am Rotlichtgewerbe? Die Stadt hatte es offenbar übertrieben. Aus dem ganzen Land sind Männer auf der Suche nach billigem Sex angereist. Ein größerer Hotelkomplex hatte sich beispielsweise auf Japaner spezialisiert. Japanische Geschäftsleute sind aus umliegenden Wirtschaftsstandorten wie Guangzhou, Zhuhai, Foshan, Shenzhen oder Hongkong mit Bussen angereist, um übers Wochenende Spaß zu haben. Viele kamen auch extra aus Tokio angeflogen – wie einst nach Thailand.
Auch Männer aus Hongkong kamen als Sextouristen nach Dongguan. Das Phänomen wurde solches Allgemeingut, dass es zum Thema von Filmen oder Büchern wie dem Roman „Die Wälder von Dongguan“ des mysteriösen Internet-Autors Xiangxi Cunshang Chunshu wurde. „Für wenige hundert Hongkong-Dollar (wenige Dutzend Euro) kannst du dort bekommen, was deine Freundin dir nie geben würde“, schwärmt er. „In China, das alles fälscht, und wo sogar das Essen voller Gift ist, ist das doch das reellste, was das Land bietet.“
Seine Bücher beschreiben nun eine vergangene Zeit. In Dongguan sind jetzt nicht einmal mehr Massagen erlaubt – sie könnten ja Vorwand für Sexdienste sein. Dabei sind harmlose genau wie erotische Massagen in Ostasien praktisch sonst überall zu haben. „Ich denke, das Gewerbe wird früher oder später nach Dongguan zurückkehren, aber nie mehr in dem Ausmaß wie früher“, sagt der ehemalige Barkeeper Chao. Mit der Sexhauptstadt ist es vorbei.
Damit hat die örtliche Abteilung der Kommunistischen Partei hier erst bewusst einen Wirtschaftszweig hochgezüchtet, den die Führung von anderer Ebene aus dann wieder völlig ausgerottet hat. Bemerkenswert daran war, dass eine milliardenschwere Servicebranche entstehen konnte, deren gesamter Geschäftszweck illegal war. Typisch China: Papier und Realität sind zwei verschiedene Welten. Ebenso chinesisch war aber auch das Ende des Booms: staatlich beschlossen und buchstäblich über Nacht rücksichtslos durchgesetzt.