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Ausstellung in ZürichNiki de Saint Phalle: Symbolische Schüsse auf das Bild

Das Werk von Niki de Saint Phalle ist zugleich heiter beschwingt und verstörend grausam. Die Retrospektive in Zürich begnügt sich mit Bekanntem.Susanne Schreiber 22.09.2022 - 11:14 Uhr Artikel anhören

Zürich. Ihre „Nanas“ sind so berühmt wie beleibt. In vielen Auktionen tauchen die voluminösen, tänzerisch heiteren Frauenfiguren auf, meist als Auflagenkunstwerk. Im Züricher Hauptbahnhof begrüßt seit 1997 eine Schwergewichtige als schwebender Riesenengel die Ankommenden von oben herab.

Im Garten bei Unternehmer Reinhold Würth stehen mehrere dieser sympathischen Großskulpturen von Niki de Saint Phalle (1930—2002). Der Tochter einer Amerikanerin und eines französischen Aristokraten, Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle – Spitzname Niki — widmet das Kunsthaus Zürich eine Retrospektive. Sie lässt viele Fragen offen. Es ist die Abschiedsausstellung von Christoph Becker.

Der scheidende Direktor baut mit rund 100 Exponaten die Schau zwischen zwei Polen auf: Hier die populären Nanas, französisch für selbstbewusste Mädels. Dort die dunklen Seiten des Werks, ausgelöst durch die Vergewaltigung der damals Elfjährigen durch ihren Vater.

Dass die „Schiessbilder“ ihrer Wut auf die Eltern zu verdanken sind, hat Niki de Saint Phalle 1972 im Film „Daddy“ und 1994 in einem Buch selbst bekannt gegeben. Der wiederholt gewalttätige Vater und die wissende, nicht eingreifende Mutter verursachen Traumata. Sie wäre in einer Irrenanstalt gelandet, gesteht die Autodidaktin, „hätte ich nicht bei der Kunst Zuflucht nehmen können“.

1961 revolutioniert Niki de Saint Phalle die Kunstgeschichte, deren fortschrittlicher Teil sich bereits vom Leinwandbild verabschiedet und sich Alltagsgegenständen zugewandt hatte. Statt Farbe mit dem Pinsel aufzutragen und als abstrakte Farbschlieren herunterlaufen zu lassen, lässt sie erst einen Schützen, später auch das Publikum mit einem Gewehr auf die Bilder schießen. Es ist die Zeit der Happenings.

Unter einem Gipsrelief platzen Farbbeutel auf, die sich unkontrolliert über das Werk ergießen. In Performances schießt die Künstlerin auch selbst auf ihre Kunst. Unmissverständlich eine Machtübernahme.

Obwohl es Kurator Becker wichtig ist, den heiteren Seiten im Werk die düsteren gegenüberzustellen, kommt dieser brisante biographische Hintergrund im Parcours nicht bei den Schießbildern zur Sprache. Heute ist es selbstverständlich, Filme in Ausstellungen zu zeigen. Doch „Daddy“ wird nicht gezeigt. Die Begründung klingt wie vorgeschoben: Er sei zu lang.

Populäre Außenseiterin

Weiter enttäuscht, dass keine Forschung die Ausstellung begleitet. Nur in einem Katalogaufsatz darf Cathérine Hug kurz skizzieren, warum die Feministinnen der 1960er- und 1970er-Jahre sich schwer taten mit der populären Außenseiterin. Und warum man sie heute durchaus als Feministin bezeichnen kann. Da wäre mehr zu holen gewesen.

De Saint Phalle ist eine politisch denkende Künstlerin. Die allerersten Bilder und Assemblagen, die sie unter dem Namen ihres ersten Mannes Mathews veröffentlicht, wirken noch tastend. Doch seit ihrer Begegnung und Heirat mit dem Schweizer Bildhauer Jean Tinguely, kritisiert sie die Verhältnisse.

Frauen sollen schrumpfen

Warum werden Frauen dick dargestellt? Ihre Antwort: „Es gibt den kulturübergreifenden Wunsch, dass Frauen schrumpfen. Ich denke, dass wir mit diesen großen dickeren Frauen auch diesem Wunsch entgegenwirken.“ De Saint Phalle kritisiert, das zeigt die Ausstellung, in ihrem Werk Rollenbilder und politisches Block-Denken. Sie setzt sich für eine Anti-Aids-Kampagne ein und attackiert die Waffenlobby in den USA.

Ein wichtiger Leihgeber ist das Sprengel Museum in Hannover. Ihm schenkte die Künstlerin 2000 mehr als 400 Werke. Wie kam es dazu?

Seit 1974 hatte de Saint Phalle zahlreiche Ausstellungen und Aufträge in Hannover. „Diese über viele Jahre gehaltene Wertschätzung bewegte Niki de Saint Phalle zu einer großen Schenkung mit Carte Blanche der Auswahl,“ sagt Reinhard Spieler, Direktor im Sprengel Museum, dem Handelsblatt. Vielleicht war sie enttäuscht von Paris, „dass sich nach dem Weggang von Pontus Hultén als Gründungsdirektor des Centre Pompidou niemand mehr für ihr Werk engagierte.“

Ab 1978 baut sie in der Toskana einen öffentlich zugänglichen Tarot-Garten aus fantastischen Mosaik-Skulpturen. Das Gartenkunstwerk in Garavicchio verschlingt viel Geld. Um ihn zu finanzieren, bedient sie den Massenmarkt, kreiert einen Duft und die eingangs erwähnten Multiples von tanzenden Nanas.

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Die Ausstellung, die in die Frankfurter Schirn übernommen wird, macht den Unterschied zu den großen Nana-Skulpturen augenfällig: Die Unikate sind durchweg rauer, individueller und weniger auf Konsens hin angelegt.

Die Austellung „Niki de Saint Phalle“ läuft bis 8. Januar 2023 im Kunsthaus Zürich und vom 3. Februar bis 21. Mai 2023 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main. Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag. Er kostet 48 Schweizer Franken oder 44 Euro

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