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AusstellungRoni Horn feiert das Paradox

Das Kölner Museum Ludwig widmet der amerikanischen minimalistischen Künstlerin Roni Horn eine umfassende Retrospektive. Ihr Werk huldigt dem Widersprüchlichen. So eröffnet es Imaginationsräume für das Mehrdeutige.Regine Müller 02.05.2024 - 11:03 Uhr
In Roni Horns Serie „Portrait of an Image (with Isabelle Huppert)“ sollte der Star sich jeweils in eine ihrer Rollen zurückversetzen. Foto: Genevieve Hanson / Galerie Hauser & Wirth

Köln. Das Label „queere Kunst“ wird mittlerweile inflationär vergeben. Dabei ist unscharf, was queere Kunst eigentlich ist, zumal es den Begriff erst seit wenigen Jahren überhaupt gibt. Werden jahrzehntelange Arbeitsbiografien durch die Etikettierung „queer“ womöglich auf eine Kategorie reduziert, die den Blick auf die Kunst verengt?

Diese Fragen stellen sich, bevor man im Kölner Museum Ludwig die große Retrospektive der US-amerikanischen Künstlerin Roni Horn betritt. Denn die Ankündigungstexte feiern sie – durchaus zu Recht – als Pionierin der Darstellung fluider Geschlechter. So richtig das ist, verkürzt es doch Anspruch und Leistung der Künstlerin, die seit den 1970er-Jahren ein unglaublich vielfältiges Werk entwickelt hat, das sehr grundsätzliche Fragen nach Wahrnehmung und Identifikation stellt.

Der so eingängige wie dramatische Titel „Give me paradox or give me death“ verweist auf die amerikanische Geschichte, als Patrick Henry, einer der Vertreter der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, eine Rede mit dem Ausruf beendete: „Gebt mir Freiheit oder den Tod.“ Roni Horn tauscht den Begriff Freiheit gegen Paradox und setzt damit beide Begriffe in ihrer Bedeutung gleich, was durchaus philosophisch zu verstehen ist.

Für die Künstlerin ist das Paradox der Schlüssel zur Mehrdeutigkeit, das Paradox bietet einen Möglichkeitsraum, der erlaubt und aushält, dass Dinge sogar ihre Gegensätze enthalten können.

Die Kölner Ausstellung sprengt den üblichen Rahmen der Wechselausstellungen. Die weit mehr als 100 ausgestellten Werke nutzen bis unter das Dach jeden verfügbaren Raum, um komplexe Verbindungen zwischen Natur und Identität, Landschaft, aber auch Sprache, Schrift und Literatur zu schaffen.

Der feine Unterschied ist entscheidend

Zu sehen sind Zeichnungen, Skulpturen, große Installationen und Werke der Minimal Art, die überhaupt noch nie ausgestellt wurden. Auch kleine Kabinette mit viel Tageslicht werden bespielt mit filigranen Zeichnungen und Fotos aus Roni Horns eigenem Besitz. „Konservatorisch betrachtet ist es eigentlich viel zu hell hier“, sagt Yilmaz Dziewior, Direktor des Kölner Museum Ludwig, „aber sie wollte diese Arbeiten trotzdem unbedingt zeigen.“

Das Entree der großen Schau ist dem zentralen Konzept der Paarungen gewidmet: Die erste Arbeit „This is me, this is you“ zeigt 96 Fotografien, die auf zwei Wänden einander gegenüber gehängt sind, auf jeder Wand 48. Sie zeigen spontane Schnappschüsse von Roni Horns Nichte Georgia, das Mädchen lächelt, kaut Kaugummi, schneidet Grimassen oder schaut gelangweilt.

Horn fotografierte 2018 ihren eigenen Hinterkopf – grauhaarig und mit Kurzhaarschnitt. Die beiden Köpfe nebeneinander unterscheiden sich zunächst minimal; aber je mehr Unterschiede deutlich werden, desto subtilere Fragen drängen sich auf. Abgebildet ist „Untitled No 16“. Foto: Ron Amstutz / Hauser & Wirth

Auf der Wand gegenüber hängen nur scheinbar die gleichen Schnappschüsse, denn tatsächlich sind die Aufnahmen jeweils wenige Sekunden versetzt entstanden. Die Fotos gleichen sich also, die Situationen sind identisch, aber der Ausdruck verändert sich. Der feine Unterschied ist entscheidend. Das Suchen danach schärft nicht nur den Blick, sondern auch das Bewusstsein. Horn fotografiert ihren eigenen Hinterkopf – grauhaarig und mit Kurzhaarschnitt, die beiden Köpfe nebeneinander unterscheiden sich zunächst minimal, aber je mehr Unterschiede deutlich werden, desto subtilere Fragen drängen sich auf.

Nebenan hängen im selben Format Hinterköpfe von Vögeln, in Haltung und Ausdruck verblüffend ähnlich denen der Künstlerin und doch geheimnisvoll fremd. Faszinierend ist auch die Fotoserie „Still Water“, die Wasseroberflächen in unterschiedlichsten Zuständen zeigt. Mal rau und aufgewühlt, dann still und fast glatt, mal schmutzig grau, mal blau und mediterran heiter.

Roni Horns Glasarbeiten wiegen jeweils 800 Kilogramm. Sie erinnern mit ihren Farben an die kreisrunden Quellen und Tümpel, die Roni Horn in Island fotografiert hat. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Vincent Quack

Tatsächlich hat Horn nur immer und immer wieder die Wasseroberfläche der Themse fotografiert. „Man könnte etwas entdecken im Wasser. Sehen, dass etwas auftaucht“, sagt sie im Video – auch vor dem Hintergrund, dass die Themse für Selbstmörder ein attraktiver Fluss ist.

Monumental ist zum Ende des Parcours eine Installation im großen Saal. Dort sind Horns ikonische Glasarbeiten zu sehen, massive, runde Objekte aus Glas in unterschiedlichen Farben. 800 Kilogramm wiegt ein jedes dieser sinnlichen Objekte, die tiefblauen von ihnen locken wie kühles Wasser und sind eine Referenz an die kreisrunden Quellen und Tümpel, die Roni Horn in Island fotografiert hat.

Weit oben an der Wand sind ein Fotozyklus mit Porträts von Isabelle Huppert wie ein Fries angebracht. Horn bat die berühmte Schauspielerin, sich in unterschiedliche Rollen ihrer Karriere zu versetzen. Der Gesichtsausdruck verändert sich, aber welcher Ausdruck gehört zu welcher Rolle?

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Die Kölner Schau ist souverän und luftig präsentiert. Neben Hauptwerken überzeugen besonders auch ihre filigranen, abstrakten Arbeiten und humorvoll-selbstironische Blätter aus den Lockdown-Phasen der Pandemie.

Horn ist keine klassische Auktionskünstlerin. Vereinzelt tauchen Zeichnungen und Mischtechniken in deutschen Auktionen auf. Lempertz erzielte damit Preise zwischen 4000 und 8500 Euro. Am 15. Mai versteigert Phillips in New York eine ihrer Stab-Skulpturen mit Worten drauf. Erwartet werden 60.000 bis 90.000 Dollar.

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