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GalerienIm Gegenwind

Steigende Kosten, geopolitische Unsicherheiten und unklare Nachfolgeregelungen stellen Galerien vor große Herausforderungen.Johannes Wendland 10.10.2025 - 11:39 Uhr Artikel anhören
Ausstellungsansicht: Die Schau „Why We 
Do What We Do“ ist aktuell in der Berliner Galerie Tanja Wagner zu sehen. Foto: Courtesy of Galerie Tanja Wagner, Berlin

Berlin. 15 Jahre ist sie jetzt im Geschäft. In der Jubiläumsausstellung „Why We Do What We Do“, die noch bis zum 1. November zu sehen ist, lässt die Berliner Galeristin Tanja Wagner neun ihrer Künstlerinnen und einen Künstler mit je einer Arbeit auftreten. Und alle haben dazu ein Statement gestellt. Mit hochschwangerem Bauch und in der Maske der freundlichen, aber skurrilen „Star Wars“-Figur Chewbacca ist Laurel Nakadate in einem Video von 2015 zu sehen. Ein ironischer Kommentar zu Mutterbildern in den Medien, der, so die Aussage der Künstlerin, heute so aktuell sei wie vor zehn Jahren. Frisch aus dem Atelier kommen hingegen das kraftvolle Ölbild „Flaming June“, auf dem Angelika Trojnarski einen bei einem Waldbrand hingestreckten Baum porträtiert, und die Posterarbeit „Wir könnten nicht trauriger sein“ von Ulf Aminde und Svenja Leiber – Arbeiten, die auch die aktuelle Lage widerspiegeln.

Als Tanja Wagner 2010 ihre Galerie im damals gerade erwachenden Kunstquartier an der Potsdamer Straße eröffnete, setzte sie ausschließlich auf weibliche Positionen. Das weckte Aufmerksamkeit. Frauen waren damals auf dem Kunstmarkt noch sehr unterrepräsentiert. Da gleichzeitig die Auswirkungen der Finanzkrise 2008 den Kunstmarkt massiv trafen, war die Galeriegründung damals durchaus ein Risiko.

Heute spürt der Kunstmarkt erneut Gegenwind. Steigende Kosten und die Verunsicherung durch geopolitische Veränderungen machen ihm zu schaffen. Besonders die Galerien im mittleren Segment würden den Druck spüren, sagt Tanja Wagner: „Wir investieren früh, tragen hohe Kosten und möchten und müssen Idealismus mit wirtschaftlicher Stabilität verbinden. Wir bauen langfristige Karrieren auf und setzen nicht auf schnelle Effekte.“

Trotz der Unsicherheit würden Galerien weiter das Rückgrat der Kunstszene bleiben, meint Hergen Wöbken. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) in Berlin. Zum dritten Mal seit 2013 und 2020 hat er vor Kurzem einen Sachstandsbericht zur deutschen Galerienszene vorgelegt. Wie Wöbken ermittelt hat, würden die rund 700 professionellen Galerien in Deutschland etwa 4000 Ausstellungen pro Jahr organisieren. Die Inhaber würden selbst das volle wirtschaftliche Risiko tragen, insgesamt rund 3000 Mitarbeiter beschäftigen und rund zwei Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr ein kostenloses Kulturerlebnis bieten. Während die Zahl der Galerien sich in den zwölf Jahren der drei bisher erfolgten Erhebungen Wöbkens kaum verändert hat, sind andere Entwicklungen in diesem Zeitraum jedoch markant. Das gilt zum Beispiel für die Umsätze, die eine enorme Volatilität aufweisen. Während Wöbken für das Jahr 2013 einen Gesamtumsatz aller deutschen Galerien von rund 450 Millionen Euro hochrechnete, kam er für das Vor-Pandemie-Jahr 2019 auf rund 840 Millionen. Dieses Niveau konnte nicht gehalten werden – die aktuelle Studie hat einen Umsatz von 600 Millionen Euro errechnet. Der weltweite Kunstmarkt schrumpft. Deutschland hat zwar nur einen Anteil von knapp drei Prozent am Weltmarkt, vollzieht die globalen Trends aber mit. Die Zahl der von den Galerien vertretenen Künstlerinnen und Künstler ist seit 2013 markant gestiegen, von 11.000 auf heute rund 14.600. Und auch die Ungleichheit auf dem Kunstmarkt hat sich verringert. Während der Frauenanteil auf den Künstlerlisten der Galerien 2013 noch bei schmalen 25 Prozent lag, ist er jetzt auf 41 Prozent gewachsen. Die Parität rückt näher. Anhand der drei Studien lassen sich auch Veränderungen auf den Vertriebswegen der Galerien aufzeigen. So ist die Zahl der weltweiten Kunstmessen in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen. Und mit der Digitalisierung haben sich – vor allem in der Zeit der Pandemie – auch neue Vertriebsmöglichkeiten eröffnet. Allerdings mit Einschränkungen, wie Tanja Wagner erklärt: „Die ersten Informationen werden heute meist digital gewonnen, doch beim tatsächlichen Kauf bleibt der persönliche Kontakt entscheidend. Gerade nach der Pandemie wird er noch stärker geschätzt als zuvor.“

Ein Trend, den die aktuelle Galerienstudie aufzeigt, kann jedoch Besorgnisse wecken: Die Betriebe kommen in die Jahre. Das Durchschnittsalter der befragten Galerien liegt bei 27 Jahren. Nur sechs Prozent der deutschen Galerien sind in den vergangenen fünf Jahren gegründet worden. Hingegen planen 29 Prozent eine Übergabe an die nächste Generation innerhalb der kommenden fünf, weitere 20 Prozent in sechs bis zehn Jahren. „Die Frage der Nachfolge in den Galerien ist eine Frage nach dem Erhalt von Wissen, Beziehungen und Sichtbarkeit im Kunstmarkt – und damit eine kulturpolitische Aufgabe“, bemerkt Wöbken.

Eine Sorge, die auch Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin vom Bundesverband deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG), teilt. „Viele unserer Mitglieder sind bereits über 70 und arbeiten einfach immer weiter“, sagt sie. Faktoren wie die wachsenden bürokratischen Anforderungen und die wirtschaftlichen Risiken würden viele Nachkommen abschrecken, die Galerie zu übernehmen. Obwohl es auch Beispiele für erfolgreiche Nachfolgeregelungen gebe, wie Sturm sagt.

Eine unklare Nachfolgeregelung in einer Galerie stellt nicht zuletzt für die Künstler ein Problem dar. Schließlich ist es keinesfalls sicher, nach der Schließung eine neue Vertretung zu finden. Ähnliches gilt für Künstlernachlässe, die häufig von Galerien betreut werden.

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Tanja Wagner braucht sich mit ihrer relativ jungen Galerie über Nachfolgefragen noch keine Gedanken zu machen. Der aktuellen Phase der Unsicherheit möchte sie begegnen, indem sie derzeit auf kostspielige Messebeteiligungen verzichtet. Sie setzt auf Konstanz als Erfolgsrezept bei der Galeriearbeit: „Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Galerie und Künstlerin oder Künstler auf Vertrauen, Offenheit und gegenseitiger Unterstützung basiert. Nur so kann künstlerisches Schaffen wirklich wachsen.“

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