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Neuerscheinung Dirk Boll beschreibt die Zeitenwende auf dem Kunstmarkt

Covid-19 hat dem Umsatz im Kunstmarkt geschadet, aber die Digitalisierung beschleunigt. Dirk Boll beleuchtet in seinem Buch „Was ist diesmal anders“ das Jahr 2020.
26.11.2020 - 19:12 Uhr Kommentieren
Der Kunsthistoriker ist einer von vier Präsidenten, die mit dem CEO Guillaume Cerutti das Auktionshaus Christie's leiten. Quelle: Dirk Boll
Dirk Boll

Der Kunsthistoriker ist einer von vier Präsidenten, die mit dem CEO Guillaume Cerutti das Auktionshaus Christie's leiten.

(Foto: Dirk Boll)

München Es sind stets die ökonomischen Krisen, die Probleme des Kunstmarkts überdeutlich sichtbar machen und neue Strategien fordern. Doch die Folgen der Covid-19-Krise sind tiefgreifender. „Die Pandemie führt zu einem fundamentalen Umbruch etablierter Verhältnisse“, schreibt Autor Dirk Boll – ein Topmanager bei Christie’s – in seiner aufschlussreichen Analyse „Was ist diesmal anders? Wirtschaftskrisen und die neuen Kunstmärkte“.

Das erst im Dezember erscheinende Buch behandelt die Krisen von 1990, 2001 und 2009 nur kurz. Und widmet sich vor allem dem Jahr 2020 und der Vorschau auf die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts. Boll schildert die Coronakrise als Distributionskrise des Kunstmarkts. Das Internet wird über Nacht zur Alternative geplatzter Messen, Auktionen und Ausstellungen. Das Virus forciert die digitale Weiterentwicklung in der als konservativ geltenden Branche.

Das Netz war vorher nur Schaufenster und Umsatzsegment für weniger als zehn Prozent des Gesamtvolumens. Heute ist es der Ort, wo sich Angebot und Käufer begegnen. Für Dirk Boll ist der Wandel epochal: „Dies ist eine neue Welt. Für alle, die sich mit Kunst befassen.“ Und er ist unumkehrbar. Die Momentaufnahme zeigt, wie sich eingeschliffene Muster mehr und mehr auflösen. Das Handelsblatt beleuchtet das Buch aus zwei Perspektiven.

Ist Bolls Kunstmarkt-Analyse das Buch der Stunde im ersten Corona-Jahr?
Schreiber: Selten war ein Buch über den aktuellen Kunstmarkt so erhellend zu lesen und dabei frei vom branchenüblichen Tratsch. Stärke und Schwäche ist, dass der Autor aus der Perspektive eines Christie’s-Managers schreibt. Einerseits kann der Leser hinter Kulissen schauen wie etwa bei Christie’s im Frühjahr 2020 geschlossener Allianz mit Chen Dong‧sheng.

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    Der chinesische Versicherungsunternehmer liebt Auktionen, hatte aber lange eine Fusion seines Auktionshauses China Guardian mit Sotheby’s geplant. Andererseits bekommt der Leser Flops wie Christie’s Desaster bei der Versteigerung in Kooperation mit der Pariser Biennale beschönigend umschrieben.

    Spindler: Eine bessere Publikation über den digitalen Wandel des Kunstmarkts in Pandemiezeiten ist derzeit nicht auf dem Markt. Trotz des oft dozierenden, weit ausholenden Tenors vermittelt Dirk Boll den Wirtschaftsdruck hinter den Kulissen. Zahlreiche Online-only-Auktionen in Zeiten der Kontaktverbote plötzlich zu bestücken war eine kreative Herausforderung. Zurückgegriffen werden konnte nur auf Einlieferer, die als verlässlich galten.

    Christie’s zum Beispiel realisierte die Auktion „Handpicked. 100 Artists selected by the Saatchi Gallery“. Es handelte sich um aufsteigende Künstler, die internetaffine, junge Sammler ansprach. Die Preise bewegten sich auf einem Level, der online akzeptiert wurde. Charles Saatchi, der Großsammler, Galerist und ehemalige Werbeguru, verpasste dem Ganzen einen wirkungsvollen Markenstempel.

    Boll nennt als eines der neuen Merkmale der Krise 2020, dass sie gleichzeitig auf Nachfrage und Angebot Auswirkungen hat. Was in den Auktionen während der Pandemie tatsächlich auf den Markt kam und gekauft wurde, von welcher Klientel zu welchem Preis, erwähnt Boll allerdings nicht. Und damit hält er nicht, was er im Titel verspricht.

    Das von der Apollo-11-Mission inspirierte Gemälde Untitled [Bolsena] versteigerte Christie's am 6.Oktober von seiner New Yorker Kommandozentrale aus. Über Live-Stream sind die Mitarbeiter in London und Hongkong zugeschaltet.
    Christie's New York

    Das von der Apollo-11-Mission inspirierte Gemälde Untitled [Bolsena] versteigerte Christie's am 6.Oktober von seiner New Yorker Kommandozentrale aus. Über Live-Stream sind die Mitarbeiter in London und Hongkong zugeschaltet.

    Was leistet das Buch?
    Spindler: Es beschreibt die Notwendigkeit neuer, digitaler Geschäftsmodelle vor und während der Pandemie. Die neuen Märkte in Asien hatten sich auf ein bestimmtes Level eingependelt. Die hohen Kosten standen bereits 2019 einem weltweit geschrumpften Umsatzvolumen gegenüber. Boll spricht von einem „small margin business“. Corona forciert das Umdenken. Die dichter getakteten Online-only-Auktionen etwa waren nicht nur Notlösung für die ausgefallenen Saalauktionen, die ein Saisongeschäft waren. Mit permanenten Online-only-Auktionen bekommt der Cashflow Kontinuität.

    Schreiber: Die sogenannten Online-only-Auktionen haben viele Vorteile. Die Bieter sehen, wie viele Gegenbieter aktiv waren und was der aktuelle Stand der Vorgebote ist. Für die Saalauktion aber braucht der Versteigerer „eine kritische Menge an Objekten, damit sich der ganze Aufwand lohnt, von der Administration über die Vorbesichtigung bis hin zum Katalogdruck.“ Die Suche nach so vielen Objekten, die genügend Umsatz garantieren, hat in der Vergangenheit regelmäßig das Ende ganzer Sammelgebiete bedeutet, sobald Nachfrage und Angebot austrockneten.

    Eine Online-only-Auktion hingegen kennt diese Limitierungen nicht. „So retten Online-only-Auktionen ganze Sammelgebiete, die auf diese Art rentabel bleiben.“ Auch den rechtlichen Unterschied zwischen Saal- und Online-only-Auktion erläutert Boll. Von den erweiterten Rückgabemöglichkeiten bei Internetkäufen erfährt der Leser etwa in einem der vielen blau gedruckten Abschnitte, die Zusatzinformation liefern.

    Was sind die wichtigsten Thesen des Buchs?
    Spindler: Die Digitalisierung wird den Kunstmarkt und die Beziehung ihrer Mitspieler untereinander verändern. Noch vor einem Jahr hatten Messen keinen Zweifel an ihrer Funktion als physischer Treffpunkt für Handel und Sammler für eine kurze Zeitspanne. Jetzt betreiben sie das ganze Jahr hindurch Viewing Rooms für die Ware ihrer Aussteller. Mit gelegentlichen Artist-Talks und Expertenkonferenzen zu Geschmacksbildung und Branding verhandeln sie die Bedeutungshierarchie neu. Das Selbstverständnis wandelt sich vom Messeausrichter zum Trendsetter.

    Seit Neuestem lässt sich die Art Basel den Service der Viewing Rooms bezahlen, schreibt Dirk Boll. Viele Megagalerien könnten sich von den Portalen lösen. Sie präsentierten schon seit Jahren auf ihren Websites eigene Viewing Rooms. Bolls Folgerung verblüfft: Die immer stärkere Vermittlung und Rezeption im virtuellen Raum drängen die Bedeutung eines prominenten Galeriestandorts in den Hintergrund. Die Imagefunktion einer Nobeladresse übernimmt die Platzierung auf einer bestimmten Messewebsite. Die Etablierung von globalen Galerieketten wie etwa Gagosian oder Hauser & Wirth ist sowieso eine Idee aus prädigitaler Zeit.

    Schreiber: Dirk Boll beschreibt die Konsequenzen der Digitalisierung in vielfältigen Ausprägungen: Eingeschliffene Muster und Rollenbilder weichen auf. Ein Beispiel ist die neue Kollegialität unter Galeristen. Sie rücken zusammen, seit Messen nicht mehr physisch stattfinden können. So hat die König Galerie in Berlin gleich zweimal in diesem Jahr befreundete Galerien und Sammler eingeladen zu einer Hausmesse. Die Gäste präsentierten sich im Sockelgeschoss, während Königs Künstler die Weite des ehemaligen Kirchenschiffs von St. Agens bespielten.

    Welche Zielgruppe hat der Autor im Blick? Den Sammler oder den Profi?
    Spindler: Dirk Boll spricht die Managersprache. Er vergleicht Corona mit einem Keulenschlag, der einen als sicher eingestuften Markt trifft. Als Keule wird in Börsenkreisen ein unvorhergesehenes Ereignis in einem lang anhaltenden Bullenmarkt gesehen. „Tief greifend, global, aber nicht annähernd so vermögenszersetzend wie die Finanzkrise 2008/09“ und „gefolgt von einem raschen zügigen Turbo-Aufschwung“ – so charakterisiert Boll die ökonomische Seite der Pandemie noch vor dem zweiten Shutdown.

    Sammler und Investoren aber interessiert, was demnächst an Wert verlieren und was preislich anziehen wird. Da bleibt der Manager in Deckung. Seine Prophezeiung ist, dass die Käufer vorsichtiger agieren werden. Und eins bleibt wie gehabt: „Im 21. Jahrhundert wird vor allem die Kunst des 20. Jahrhunderts gekauft.“

    Schreiber: Bolls Text ist eine Fundgrube für Menschen, die im Markt unterwegs sind. Denn er liefert nachvollziehbare Erklärungen für die neuesten Phänomene, etwa die Online Viewing Rooms. Diese virtuellen Schaufenster dienen als Messe-Ersatz. Sie funktionieren aber nur gut für Bilder und für Galerien im Primärmarkt, wo Galeristen Kunst direkt aus dem Atelier beziehen und nicht von Sammlern oder Händlern kaufen. Vor allem die Secondary Market Dealer, die wiederverkaufenden Kunsthändler, fürchteten, dass ihr Warenbestand in einem Online Viewing Room rasch „verbrannt“ wird. Das „Verbrennen“ beschreibt im Szenejargon die Entwertung eines Kunstwerks, das über längere Zeit als unverkauft sichtbar ist.

    Auch über Christie’s Konkurrenten Sotheby’s erfährt der Leser Details. Etwa über dessen weiter bestehende Veröffentlichungspflicht oder über die Aufgelderhöhung durch krisenbedingte Zusatzkosten von 1 Prozent plus Mehrwertsteuer. Die wurde dann sofort auch in anderen Häusern eingeführt.

    Welche sind die weitreichenden neuen Entwicklungen?
    Schreiber: Noch vor der Coronakrise hatten drei Mega-Galerien die Marktbeobachter geschockt, weil die Trias aus den Galerien Aquavella, Gagosian und Pace erstmals einen millionenschweren Nachlass zur Vermarktung bekommen hatten – und nicht Sotheby’s oder Christie’s. Boll deutet die Sprengkraft dieser Allianz nur knapp an. Es ist mehr als ein einmaliger Schulterschluss von drei Großgalerien, um die Sammlung des ehemaligen Geschäftsmanns Donald Marron in neue Hände zu überführen. Es ist das Geschäftsmodell der neuen Firma „AGP Ventures“. Sie wird auch künftig bei potenten Sammlern in harten Wettbewerb gegen die Auktionsmultis treten.

    Boll beschreibt das Jahr 2020 und die sich anschließenden Zwanzigerjahre als eine Periode, in der Rollen, Funktionen und Grenzen im Kunstmarkt aufweichen. Und so hält er für möglich, dass der „signifikante Marktteilnehmer“ AGP Ventures sich im Netz anschicken könnte, selbst eine Messe nur für das Topsegment zu gründen.

    Wo ist der Brancheneinblick relevant? Wo ist er redundant?
    Spindler: Dirk Bolls Krisenanalysen zur Rolle der Kunst als Wertspeicher, zur Ähnlichkeit mit der Luxusindustrie oder zu Preisschwellen bei Onlineverkäufen haben dann Relevanz, wenn sie Neues enthalten. Dass im Lockdown sogar hochpreisige Werke ohne Vorbesichtigung gekauft wurden, hat viele Auktionshäuser überrascht und bedeutet für Boll: „Die Internetfähigkeit der Kunden wurde von der konservativen Industrie unterschätzt.“ Er liefert damit ein weiteres Indiz, dass die Geschäfte mit der Kunst sich in Zukunft stärker im Internet abspielen werden.

    Bolls Komplexität der Marktbetrachtung wird allerdings wässrig, wenn er auch noch die Rolle des Homeoffice diskutiert, Gender- und Rassismusfragen anspricht und die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) beleuchtet.

    Dirk Boll: Was ist diesmal anders? Wirtschaftskrisen und die neuen Kunstmärkte.
    Hatje Cantz Verlag
    261 Seiten
    22 Euro

    Schreiber: Boll gibt Beispiele, wo die KI bereits eingesetzt wird. Etwa, um die Echtheitsprüfung von Kunst vorzubereiten durch den Algorithmus „MosAIc“ vom Massachusetts Institute of Technology. „Für Auktionshäuser könnte hier sogar ein sinnvoller Einsatz als automatisiertem Schätzungsservice entstehen, der vom Nachfrager über die Website genutzt werden kann. Experten des Hauses prüfen das Ergebnis, zumindest oberhalb bestimmter Wertschwellen.“ Dirk Boll nennt aber auch die Nachteile: Die schlechte Datenbasis der Kunstmärkte macht die Aussagen der KI weniger präzise als in anderen Branchen.

    Wie lautet das Fazit nach der Lektüre?
    Spindler: „Was ist diesmal anders“ ist eine komplexe, von einem Marktkenner beleuchtete Momentaufnahme der aktuellen Marktsituation. Die kühle Distanz, mit Dirk Boll die Krisen von 1990, 2001 und 2009 betrachtet und die Analyse der bereits jetzt prognostizierten 35-prozentigen Umsatzeinbußen des Kunsthandels fehlen im Hauptteil zum Corona-Jahr. Zumindest in der ersten Auflage.

    Schreiber: „Was ist diesmal anders“ ist ein viel zu schwacher Titel für ein starkes Buch, das Insiderwissen ausbreitet. Noch im ersten Corona-Jahr verfasst, beschreibt es nichts weniger als eine Zeitenwende.

    Das Buch erscheint am 21. Dezember 2020.

    Mehr: Art Market Report: Der Kunstmarkt geht in eine ungewisse Zukunft

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