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SammlerporträtDer Kontaktsucher

Antoine de Galbert, einer der wichtigsten privaten Kunst-Player in Paris, verschenkt und versteigert große Teile seiner Sammlung. Was treibt den Carrefour-Erben?J. Emil Sennewald 18.09.2025 - 16:21 Uhr Artikel anhören
Anders als andere Multimillionäre, die Kunst sammeln, legt Antoine de Galbert die Kunst statt ins eigene Haus vertrauensvoll in die öffentliche Hand. Foto: Burkhard Maus

Paris. Manche sehen aus wie große Pinsel, andere wie stolzes Pfauenrund: 500 „Coiffes“, rituelle Kopfbedeckungen aus aller Welt, schenkte Antoine de Galbert 2017 dem anthropologischen Musée des Confluences in Lyon. 2020 folgten 270 Fotografien von Dorothea Lange über Tomasz Tomaszewski bis Chester Higgins, mit denen das Kunstmuseum in Grenoble eine Fotoabteilung erhielt. 2021 gab seine 2003 gegründete unabhängige Stiftung die 400 Werke starke Art-Brut-Sammlung von Jean Chatelus an das Pariser Centre Pompidou weiter. Letztes Jahr überließ der Sammler nach einer Ausstellung im Musée d‘art contemporain de Lyon dem Haus drei bedeutende Installationen von Gelitin, Kent Monkman und Stéphane Thidet.

Anders als andere Multimillionäre, die Kunst sammeln, legt Antoine de Galbert die Kunst statt ins eigene Haus vertrauensvoll in die öffentliche Hand. Der Erbe der Discounter-Kette „Carrefour“ mit Erfahrungen als Galerist besitzt um die 3000 Werke. Darunter befinden sich Zeichnungen von Jérôme Zonder, Skulpturen von Berlinde de Bruyckere, Werke von Candice Breitz oder Jannis Kounellis, viel sogenannte „Art Brut“, von Adolf Wölfli über Henry Darger bis Judith Scott. Am 24. September ruft das Pariser Auktionshaus Piasa mit 210 Losen einen kleinen Teil davon auf. Die Schätzsumme beträgt rund 2,7 Millionen Euro.

Henry Dargers doppelseitiges Aquarell „Calmanrinia. Strangling Children for Revenge of Defeat in Battle“ wird bei Piasa am 24. September bei 250.000 Euro aufgerufen. Auf Vorder- und Rückseite sind Strangulierungsszenen von Kindern mit einer scheinbar idyllischen Landpartie verbunden. Foto: Piasa; VG Bild-Kunst

Wer ist dieser einflussreiche Sammler? Antoine de Galbert ist auf den ersten Blick typisch, entspricht dem Durchschnitt einer vom Kulturministerium 2015 unter 332 französischen Sammlern durchgeführten Studie: 73 Prozent sind männlich, mehr als ein Drittel ist über fünfzig und knapp die Hälfte wohnt in Paris und Umgebung. Viele dieser „von der Kunstszene unterschätzten Akteure“, so die Studie, sind diskret aktiv. De Galbert will Sichtbarkeit für die Kunst, zeigt Teile seiner Sammlung in internationalen Museen, wie dem Muzeum Sztuki im polnischen Łódź oder im MAAT (Museu de Arte, Arquitetura e Tecnologia) in Lissabon.

Der am 20. Oktober seinen siebzigsten Geburtstag feiernde Sammler gilt Insidern als aufrichtig, Künstler berichten von intensiven Atelierbesuchen, von Vertrauen. Er selbst bezeichnet sich als Autodidakt, seine Sammlung als „großes Chaos“: „Ich sammle nicht mit Strategie oder Methode, was für mich zählt, sind Begegnungen.“ Manchmal gehe er samstags aus und stoße in einer Galerie durch Zufall auf eine Arbeit, die ihn berühre: „Dabei spielen Kenntnis und Intuition eine Rolle, ich folge dem, was mich anspricht, sehr subjektiv.“ 1991 beginnt er, auch Fotografie zu sammeln, als das Medium noch nicht einmal auf der Kunstmesse FIAC zugelassen war. „Mich interessiert die Unterscheidung in Reportage-Foto und Kunst nicht“, sagt er, „es geht darum, von der Welt zu sprechen, etwas zu sagen zu haben.“

Wie andere lässt sich de Galbert beraten, folgt jedoch keinen Moden. „Das Wesentliche ist doch, dass eine Sammlung „Wirkung zeigt“, ohne dass derjenige, der anerkannte Werke erwirbt, damit eine soziale Stellung einnimmt.“ Er selbst wurde in eine adlige Familie geboren: 1955 in Grenoble am Rande der Alpen im Südosten Frankreichs als Sohn des Ingenieurs Maurice de Galbert. Mit drei Jahren wurde Antoine, als auch seine Mutter, Nicole de Camaret, starb, Vollwaise. Sein Stiefvater Charles Defforey (1922–2017) adoptierte ihn. Der Onkel Denis Defforey wird mit Carrefour das „Hypermarché“-Format zum Erfolg führen. Antoine studiert Politikwissenschaft, fängt nach dem Diplom 1980 als Controlling-Manager in den Supermärkten an.

Willem van Genks „Trolleybus“, ein 75 mal 32 Zentimeter großes, etwas schiefes Bastelmodell wird am 24. September im Pariser Auktionshaus Piasa für 30.000 Euro aufgerufen. Foto: Piasa

Für Kunst bereits begeistert, eröffnet er 1987 in Grenoble eine Galerie, beginnt seine Privatsammlung. Je mehr diese wächst, desto mehr setzt er sich für die Kunst ein. 2001 kauft er in Paris, am Bassin de l‘Arsenal bei der Bastille eine ehemalige Druckerei, richtet 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche ein. Als 2004 das Kunstzentrum „Maison Rouge – Fondation Antoine de Galbert“ eröffnet, stößt das zunächst auf viel Misstrauen. Da prahle ein Reicher mit seinem Besitz, meinen viele. Die Ausstellung „Das Intime, beim Sammler hinter der Tür“ wirkte nicht protzig. Der Psychoanalytiker Gérard Wajcman hatte Sammler-Interieurs mit deren Originalwerken nachgestellt.

Bis dahin zeigten Frankreichs Sammler aus Angst vor Fiskus und Neid ihre Schätze nie öffentlich. Jetzt wirkte Kunst als Teil normalen Alltags. In Frankreich, das keine Kunstvereine kennt, ein Novum. Jährlich 100.000 Besucher kamen in die „Maison Rouge“. Für andere Player wurde sie zum Vorbild, Definitionsmacht über Kunst zu privatisieren. 2014 eröffnet Luxusmilliardär Bernard Arnault die Fondation Louis Vuitton am Parc d‘Acclimatation. 2021 folgt François Pinault mit der Bourse de Commerce im Zentrum von Paris.

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De Galbert schloss bereits 2018 sein Haus – man müsse aufhören, wenn es am besten sei, erklärte er, er wolle seine Energie woanders einsetzen. Er sammelt weiter, investiert in die Galerie seiner Ehefrau Aline Vidal, fördert gezielt. Und schenkt. Nur wenige Werke sind in seinem Privatraum zu sehen. Die anderen peu à peu in öffentliche Institutionen zu geben, erzeugt kaum Trennungsschmerz. Viele vermuten hinter der Großzügigkeit steuerliche Gründe – die Erbschaftssteuer für diese potente Sammlung dürfte seine Kinder kaum freuen. „Wenn ich nicht fortgäbe, an dem mir etwas liegt, was für einen Sinn würde das dann machen?“, sagt er. Und fügt hinzu: „Der wahre Mäzen ist der, der etwas opfert.“

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