Villa Grisebach: Geschmackswechsel mit Folgen
Für sein "Porträt Helene Weigel" (1928) erzielte Grisebach den Rekordpreis von 600.000 Euro mit Aufgeld. Erworben hat es der Berliner Händler Wolfgang Wittrock.
Foto: Fotostudio Bartsch, Karen Bartsch, Berlin / Grisebach GmbHBerlin. Eine Verjüngung des Kundenstamms bringt immer auch eine Geschmacks-Veränderung mit sich. Das konnte man in den Herbstauktionen der Villa Grisebach erkennen, die im Segment der Klassischen Moderne so manche Blütenträume nicht erfüllte, aber bei der von jüngeren Sammlern begehrte zeitgenössischen Kunst keinen Wunsch offen ließ. Hier summierten sich die Zuschläge auf den bisherigen Höchststand von 6,5 Millionen Euro, was fundamental zu dem offiziellen Gesamtergebnis von 24 Millionen Euro inklusive Aufgeld für die gesamte Auktionsfolge beitrug. Das Ergebnis liegt in der Mitte der Vorausschätzung.
Mit dem Erlös von 8,3 Millionen Euro für die Abendauktion ausgewählter Werke kann das Berliner Haus dennoch zufrieden sein. Von den 52 Losen blieben 19 unverkauft. Eine Götterdämmerung für Max Liebermann kündigte sich an, als nur eines von sieben angebotenen Werken des Berliner Impressionisten für 475.000 Euro einen hessischen Käufer fand: ein in seiner flockigen Faktur dem großen Vorbild Manet nachstrebendes Gartenbild von 1923. Das Großformat eines Reiters am Strand wurde dann im Nachverkauf für 250.000 Euro veräußert, was mit Aufgeld deutlich unter der Taxe liegt.
Lebhaft wurde es, als Paul Cézannes Bleistiftzeichnung einer Cupido-Skulptur von 50.000 auf 162.500 Euro stieg. Felix Vallotons süßlicher „Liegender Akt“ von 1913 wurde unter Vorbehalt zugeschlagen und nach Aussage des Hauses an einen deutschen Sammler für 362.500 Euro abgegeben. Moderat blieb mit 350.000 Euro inklusive Aufgeld auch das telefonisch bebotene Corinth-Stilleben „Rosen und Flieder“ von 1918. Das spätere der zwei Münter-Gemälde fiel durch, die Schneelandschaft von 1932 fiel für 212.500 Euro an einen bayerischen Sammler. Für 500.000 Euro wurde eine 1927 datierte Ascona-Landschaft von Karl Schmidt-Rottluff zugeschlagen, die 2010 bei Sotheby's schon 602.500 Euro erlöst hatte.
Als Lotte Lasersteins elegisches Frauenbildnis „Andacht“ (1925) aufgerufen wurde, entspann sich ein zähes, in kleinen Gebotsschritten ausgereiztes Bietgefecht, das ein britischer Handel mit 175.000 Euro telefonisch für sich entscheiden konnte - wahrscheinlich die Galerie Agnew, die im Vorfeld der Frankfurter Laserstein-Retrospektive für Porträts der angesagten Malerin schon Preise von 400.000 Pfund fordert. Max Beckmanns Strandbild „Meer mit Möven“ wurde mit 800.000 Euro ausgerufen und zum Hammerpreis von 1,2 Millionen Euro einem norddeutschen Privatsammler zugeschlagen, das sind mit Aufgeld 1,46 Millionen Euro. Rudolf Schlichters „Porträt Helene Weigel“, das beste Bild der Auktion, übernahm der Berliner Händler Wolfgang Wittrock zum Rekordpreis von 600.000 Euro.
Das kleine Nay-Gemälde „Bernstein“ (1960) ersteigerte der Sammler Thomas Olbricht für 225.000 Euro. Er war auch Unterbieter bei einer Poliakoff-Abstraktion von 1952, die dann ein Telefonbieter für 300.000 Euro ersteigerte.
Ernst Wilhelm Nays Monumentalbild „Chromatische Scheiben“ wurde im reglosen Saal zum Hammerpreis von 800.000 Euro zugeschlagen, das sind mit Aufgeld 985.000 Euro. In der Mai-Auktion 2011 war es hier schon einmal unter dem Hammer und wurde dem Villa Grisebach-Gesellschafter Bernd Schultz für 750.000 Euro zugeschlagen, der damals als Käufer einen „Berliner Privatsammler“ nannte. Am Ende der Sitzung wurde Emil Schumachers monumentales „Ganigam“ für 437.500 Euro an einen rheinischen Sammler gegeben. In der anschließenden Auktion kleiner Formate sicherte sich ein bayerischer Sammler die drei musealen, 1913 an den Künstlerfreund Heckel gerichteten Postkarten mit aquarellierten Tierbildnissen für zusammen 925.000 Euro. 525.000 Euro erzielten hier allein schon „Zwei gelbe Rehe“.
Für die zeitgenössische Kunst gab es zeitraubende Gebote, da der Auktionator Progression in kleinsten Schritten zuließ. Pausenlos waren Telefone im Einsatz, aber auch im Saal waren Bieter aktiv. Mit zwei frühen Ölbildern von Arnulf Rainer, die für 150.000 und 206.500 Euro an einen Berliner und einen österreichischen Sammler fielen, begann der Langlauf um wichtige und marginale Werke, die gleichermaßen zogen.
Mit den von einem Sammler in Hongkong für Günther Ueckers Nagelbild „Fluß“ (1984) bewilligten 1,03 Millionen Euro hob sich die Stimmung schon am Anfang. Sie setzte sich fort, als Pariser Handel das „Erdtelephon“ von Joseph Beuys für 450.000 Euro ersteigerte und die frühe Bleistiftzeichnung „Mann mit Hund“ von Georg Baselitz für 175.000 Euro in eine Schweizer Privatsammlung wanderte. 200.000 Euro gab ein amerikanischer Händler für Rosemarie Trockels Strickbild von 1989 aus.
Neun Telefone und mehrere Saalbieter kämpften um Gotthard Graubners nur 34 x 32 cm großes Kissenbild aus der Sammlung Axel Hecht, das ein süddeutscher Sammler für 318.750 Euro gewann. In der anschließenden Charity-Auktion für gestiftete Kunst, deren Erlös Schulen für geflüchtete Syrer im Libanon zugute kommt, lag der Höchstpreis bei 475.000 Euro. Er galt der geometrischen Holzskulptur „F Size“ von Ai Weiwei.
Begonnen hatte die Auktionsfolge mit Werken des 19. Jahrhunderts. Hier lief es „wie geschmiert“. Der einzige namhafte Ausfall war ein als Aquarell von Caspar David Friedrich katalogisierter „Blick auf Meißen“. Jede noch so kleine Wolkenstudie und jede wohlfeile Landschaft des frühen 19. Jahrhunderts wurde abgesetzt. Philipp Otto Runges Kreidebildnis des Freundes Friedrich Perthes gelangte für 350.000 Euro in eine auf deutsche Romantik spezialisierte nordamerikanische Sammlung, die auch den vierteiligen Radierzyklus des Künstlers für 62.500 Euro erwarb. Adolph Menzels brillante Tuschzeichnung „Der Austernesser“ ging für 85.000 Euro in Londoner Privatbesitz, seine unmittelbar folgende Bleistiftzeichnung für 60.000 Euro in die USA.