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Kolumne: Zeit ist Geld Klein, aber fein: Wo eine Uhr auch mal eine Million Euro kosten kann

Zwei ganz besonders exquisite Uhrenmarken abseits des Massengeschäfts: die spannenden Manufakturen Greubel-Forsey und Voutilainen.
  • Gisbert L. Brunner
06.11.2020 - 14:23 Uhr Kommentieren
Das neue Glanzstück aus der Schweizer Manufaktur feierte 2019 Premiere. Quelle: Greubel-Forsey
Greubel-Forsay Balancier Contemporain

Das neue Glanzstück aus der Schweizer Manufaktur feierte 2019 Premiere.

(Foto: Greubel-Forsey)

Wenn sich die Dinge um uhrmacherischen Luxus, komplexe Mechanismen und feine Handwerkskunst drehen, fallen Kennern sofort Namen ein wie A. Lange & Söhne, Audemars Piguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin. Diese Marken stehen für Manufakturarbeit und Tradition. Andererseits sind Zeitmesser mit diesen Signaturen vergleichsweise breit am Markt vertreten.

Das Motto „Klein, aber fein“ gab es in der Uhrenbranche schon immer. Aber die Renaissance der überlieferten Uhrmacherkunst ab Mitte der 1980er-Jahre brachte eine ganze Reihe spannender Newcomer hervor.

Ihre Stückzahlen bewegen sich im sehr überschaubaren Bereich. Nach der ersten Folge in der vergangenen Woche will ich Ihnen heute noch zwei weitere ganz besondere Marken vorstellen.

Einen Ruf wie Donnerhall besitzt Greubel-Forsey im Kreise hinreichend betuchter Connaisseurs. Aber der Uhrmacher Stephen Forsey, Jahrgang 1967, übt sich in bescheidener Zurückhaltung. „Unser hauptsächliches Interesse zielt in Richtung bestmöglicher Qualität, optimaler Finissage, welche jedem Blick durch die Lupe standhält, besonderer technischer Lösungen und natürlich auf Komplikationen.“ Die Realisierung all dessen wäre ohne den heute 59-jährigen Robert Greubel freilich nicht gelungen.

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    So beginnt die Geschichte dieser Manufaktur im Jahr 1999 mit einer Kündigung. Der Engländer und sein künftiger Partner aus dem Elsass quittierten ihre Jobs bei der Komplikationenschmiede Renaud & Papi in Le Locle. Nicht weit davon entfernt, in der Jurametropole La Chaux-de-Fonds, riefen sie 2001 ihre CompliTime SA ins Leben.

    Komplexe Uhrmechanik

    Wie der Name unschwer erkennen lässt, drehten sich die Dinge um komplexe Uhrmechanik. Dieser Teil der unternehmerischen Aktivitäten beschäftigt aktuell 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche für nur wenige, hochrangige Kunden tätig sind.

    2004 erfüllten sich die beiden den Traum von eigenen Armbanduhren der absoluten Spitzenklasse. Zeit spielt bei der Entwicklung und Fertigung seither keine Rolle. Für das Gründer-Duo gilt allein das Kriterium uhrmacherische Perfektion.

    Die ausschließlich manuelle Feinbearbeitung der Komponenten eines einzelnen Uhrwerks verschlingt je nach Kaliber 300 bis 500 Stunden. Allein für die Finissage einer der schlanken Tourbillon-Brücken vergehen zehn volle Stunden.

    Schräge Tourbillons aus schräger Firmenzentrale

    Jeweils nur ein einziger Uhrmacher zeichnet für die anschließende Montage des tickenden Mikrokosmos verantwortlich. Die in der Uhrenindustrie verbreitete Baugruppen-Vormontage ist ein Fremdwort bei Greubel-Forsey. Bedingt durch den extrem hohen Aufwand verlassen jährlich nur rund 100 Zeitmesser das abenteuerlich schräg anmutende Gebäude auf den Höhen des Westschweizer Jura.

    Ende 2006 beteiligte sich Richemont mit 20 Prozent am Aktienkapital der Technikschmiede. Greubel-Forsey blieb von diesem Deal völlig unberührt. Auf nicht weniger als elf Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit blickt beispielsweise die 43,5 Millimeter große Titan-Grande Sonnerie zurück.

    Während dieser Zeit entwickelten die Techniker 935 Komponenten, welche in einem klangvollen Handaufzugswerk zusammenwirken. Das große Schlagwerk lässt selbsttätig die Stunden und Viertelstunden wissen. Bei vollem Federhaus tut es das rund 20 Stunden lang.

    Das imposante Gebäude der Manufaktur Greubel-Forsey auf den Höhen des Westschweizer Jura verlassen jährlich nur rund 100 Zeitmesser. (Foto: Greubel-Forsey)
    Abenteuerlich schräg

    Das imposante Gebäude der Manufaktur Greubel-Forsey auf den Höhen des Westschweizer Jura verlassen jährlich nur rund 100 Zeitmesser.

    (Foto: Greubel-Forsey)

    Wer Ruhe wünscht, schaltet die Mechanik einfach ab. Die ebenfalls vorhandene Minutenrepetition muss hingegen manuell ausgelöst werden. Für optimales Klangerlebnis schlagen kleine Hämmer gegen extralange „Kathedral“-Tonfedern. Elf Sicherungen verhindern kostspielige Schäden bei falscher Bedienung.

    Drei Tage lang hält der Zeit-Federspeicher die Drehungen des 0,37 Gramm leichten und typischerweise geneigten 24-Sekunden-Tourbillons aufrecht. Neben den Stunden, Minuten und Sekunden stellt das Uhrwerk die verbleibende Gangreserve beider Energiequellen sowie den Schaltzustand der Sonnerie an.

    Limitiert ist diese Armbanduhr nicht. Aber die Beschränkung der Produktion auf jährlich nur acht Exemplare garantiert jene Exklusivität, die man bei einem Objekt erwarten darf, das mehr als eine Million Schweizer Franken kostet.

    Manufaktur im wahrsten Wortsinn: Kari Voutilainen und seine tickenden Kreationen

    Finnen und Uhrmacherei – für viele passt das irgendwie nicht zusammen. Aber in den Ateliers gar nicht so weniger Uhrenmarken finden sich qualifizierte Handwerker aus dem hohen Norden, etliche davon sogar in leitenden Positionen. Auch die Biografie von Kari Voutilainen beginnt in jener Region, welche im Sommer ausgesprochen lange Tage und im Winter sehr viel Dunkelheit kennt.

    Konkret stand die Wiege 1962 in Rovaniemi. Auf dem Weg dorthin durchquert man eine rau wirkende Landschaft, die auf Besucher gleichwohl große Faszination ausübt. Irgendwie lassen sich die dort lebenden Menschen mit den sogenannten Combiers vergleichen.

    Gemeint sind die Bewohner des abgeschiedenen Vallée de Joux im Westschweizer Jura, gerne auch das „Tal der Tüftler“ genannt. An die Stelle großer Worte treten dort eher Taten. Solche geschahen im Joux-Tal beispielsweise durch die Entwicklung komplizierter Mechanismen wie Kalender- und Schlagwerke oder Chronografen.

    Reduktion auf das absolut Notwendige. Quelle: Kari Voutilainen
    Kaliber 28

    Reduktion auf das absolut Notwendige.

    (Foto: Kari Voutilainen )

    Im Fall von Kari Voutilainen begann die Karriere mit einem Freund. Der infizierte den jungen Mann derart, dass er sich an der renommierten Uhrmacherschule in Tapiola zum Uhrmacher ausbilden ließ.

    Sein einschlägiges Talent führte ihn danach zu WOSTEP nach Neuchâtel. Das „Watchmakers of Switzerland Training and Educational Program“ und dessen krönender Abschluss führte dann unmittelbar in die Schweizer Uhrenindustrie.

    Betuchte Zeit-Genossen schätzen das schlichtweg nicht Alltägliche

    Praktische Erfahrungen sammelte Kari Voutilainen bei Parmigiani Fleurier. Komplikationen werden dort bekanntlich großgeschrieben. Der diesbezügliche Erfahrungsschatz führte 1994 zum ersten eigenen Tourbillon.

    Zu diesem Zeitpunkt war der Drehgang für Armbanduhren nichts Besonderes mehr. Alle hochrangigen Uhrenmarken führten mindestens einen der zeitbewahrenden Wirbelwinde in ihrer Kollektion.

    Aber der eher wortkarge Finne pflegte die Dinge mit der ihm eigenen Akribie anzugehen. Und genau das fiel logischerweise auf.

    Hinreichend betuchte Zeit-Genossen schätzen das schlichtweg nicht Alltägliche. Und genau diese Philosophie wurde zwischenzeitlich im malerischen Môtiers nahe Fleurier zur Maxime erhoben.

    Uhrmacherischen Pomp sucht man in den Kreationen mit der Signatur Kari Voutilainen vergebens. Ihre Werte erschließen sich bei genauerem Hinsehen, sprich beim Studium der handwerklichen Perfektion sowie der funktionalen Zusammenhänge.

    Ein Beispiel ist das 2005 lancierte „Masterpiece 8 Decimal Repeater“. Üblicherweise schlagen Highend-Repetitionsuhren erst die vollen Stunden, anschließend die Viertelstunden und schließlich noch maximal 14 Minuten. Voutilainen ließ seinen Mechanismus hingegen Zehn-Minuten-Intervalle akustisch kundtun.

    Hinter dem Zifferblatt, vor dem drei Zeiger für Stunden, Minuten und Sekunden drehen, agiert ein selbstentwickeltes und weitgehend handgefertigtes Uhrwerk. (Foto: Kari Voutilainen)
    Vingt-8 Cadranrouge

    Hinter dem Zifferblatt, vor dem drei Zeiger für Stunden, Minuten und Sekunden drehen, agiert ein selbstentwickeltes und weitgehend handgefertigtes Uhrwerk.

    (Foto: Kari Voutilainen)

    Reduktion auf das absolut Notwendige lautet die Überschrift über dem Kapitel „Vingt-8“ oder 28. Hinter dem fein guillochierten Zifferblatt, vor dem drei Zeiger für Stunden, Minuten und Sekunden drehen, agiert ein selbst entwickeltes und weitgehend handgefertigtes Uhrwerk. Seine Platine, Brücken und Kloben bestehen aus Neusilber, die Räder aus Roségold. Bei einem Durchmesser von 30 Millimetern baut der Mikrokosmos 5,6 Millimeter hoch.

    Massenproduktion ist in der Kari Voutilainen Horlogie d’Art ein Fremdwort

    Zu seinen Besonderheiten gehört einmal die opulente, ebenfalls selbst produzierte Unruh. Über gleich zwei speziell geformte Endkurven verfügt die zugehörige Unruhspirale. Außen findet sich eine hochgebogene nach Professor Phillips, besser bekannt auch unter dem Namen Breguet. Innen kommt die vom sächsischen Meister Moritz Grossmann ersonnene und nur sehr selten verwendete Kurve zum Einsatz.

    Hinzu gesellt sich eine Hemmung mit zwei speziell geformten Rädern, welche den Kraftimpuls direkt, also ohne Anker an die Unruh weiterleiten. Dieses System, das Ulysse Nardin in ähnlicher Form schon 2001 im sogenannten „Freak“ verwendete, zeichnet sich aus durch hohe energetische Effizienz. Natürlich oszilliert das Ganze mit klassischen, man könnte auch sagen majestätischen 2,5 Hertz.

    Massenproduktion ist auch in der 2002 gegründeten Kari Voutilainen Horlogie d’Art ein Fremdwort. Jährlich etwa 50 Zeitmesser verlassen die kleine Manufaktur.

    Das hier geübte Quantum an Handarbeit auch beim Anfertigen der Basisuhrwerke gestattet gar keine größeren Stückzahlen. Somit gilt der Besitz einer Voutilainen als Mitgliedsausweis im elitären Club all jener, denen die Zeit zu kostbar ist, um sie irgendeiner Armbanduhr anzuvertrauen.

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren. Quelle: Privat, Patek Phillippe
    Der Autor

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren.

    (Foto: Privat, Patek Phillippe)

    Wer im deutschsprachigen Raum nach einem echten Experten für Uhren sucht, kommt an Gisbert L. Brunner nicht vorbei. Der mittlerweile pensionierte bayerische Beamte hat Hunderte von kostbaren Zeitmessern gesammelt, aber auch Dutzende von Büchern über die unterschiedlichsten Marken geschrieben.

    Mehr: Klein, aber fein – Manufakturen für echte Uhrenkenner

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