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Neue Zugspitz-BahnDas Wettrüsten in den Alpen

An diesem Donnerstag geht die spektakuläre neue Seilbahn auf der Zugspitze in Betrieb. Ohne hochmoderne Anlagen haben die Skiorte keine Chance mehr im Kampf um die Touristen. Der Druck auf die Gemeinden ist hoch.Joachim Hofer und Hans-Peter Siebenhaar 20.12.2017 - 17:47 Uhr Artikel anhören

120 Passagiere passen in eine Kabine, das sind drei Mal so viele Gäste wie früher.

Foto: dpa

München, Lech. Die Wettervorhersage klingt eher düster, es ist leichter Schneefall angesagt. Doch zeigt sich die Sonne an diesem Donnerstag wenigstens kurz, dann wird auch das goldene Gipfelkreuz wieder strahlen. Bei den Bauarbeiten zur neuen Seilbahn auf die Zugspitze hatte ein Stahlseil den Strahlkranz getroffen, das fünf Meter hohe Kreuz musste zur Reparatur ins Tal. Zwei Wochen vor der feierlichen Eröffnung der Gondel haben es Arbeiter wieder auf seinen Sockel gestellt.

Mit der Inbetriebnahme der rund 50 Millionen Euro teuren Bahn ist in Garmisch-Partenkirchen schon drei Tage vor Heiligabend Bescherung. Durch die neuen Panorama-Gondeln schließt der oberbayerische Gebirgsort zur Konkurrenz im nahen Österreich auf, wo allerorten Millionen in hochmoderne Lifte fließen. Mehr noch: Das Skiresort kann mit Superlativen werben, etwa mit dem gut drei Kilometern längsten Spannfeld zwischen Stütze und Bergstation oder der mit 127 Metern höchsten Stahlstütze der Welt.

So wie in Garmisch-Partenkirchen, rüsten die Ferienorte überall in den Alpen auf. Hoch moderne, komfortable Anlagen sollen die Kunden anlocken. Der Druck ist riesig, denn wer nicht investiert, fällt zurück. In den vergangenen Jahren sind vor allem die Österreicher vorgeprescht. „Die Infrastruktur dort ist im Vergleich mit anderen Orten geradezu luxuriös“, stellt Skigebietsexperte Laurent Vanat fest. Nirgendwo hätten die Betreiber so massiv investiert. Insgesamt sieben Milliarden Euro seien seit Beginn des Jahrtausends in dem Land in die Infrastruktur geflossen. Beheizte Achtersessellifte mit Hauben seien zwischen Montafon und Dachstein inzwischen Standard und fast zwei Drittel aller Pisten würden künstlich beschneit. Das half dem Alpenland in den vergangenen Jahren, zusätzliche Gäste anzulocken.

Das ist nicht überall so: Auf den Schweizer Skipisten tummeln sich seit Jahren immer weniger Touristen. Der Hauptgrund: Der starke Franken macht die Schweiz vergleichsweise teuer. Doch viele Sportler lassen das Land auch deshalb links liegen, weil die Schweizer Betreiber später als die Österreicher anfingen, moderne Anlagen zu errichten. So kommt es, dass inzwischen weniger als die Hälfte der Gäste in den Schweizer Skigebieten aus dem Ausland stammt. In Österreich sind es zwei Drittel.

Scheibenheizung für bessere Sicht

Auch die wenigen international konkurrenzfähigen deutschen Skigebiete wie Garmisch-Partenkirchen müssen aufpassen, dass sie nicht abgehängt werden. An Deutschlands höchstem Berg haben sich die Konstrukteure der neuen Bahn deshalb einiges einfallen lassen. Eine Scheibenheizung etwa soll eine ungetrübte Sicht garantieren. Die Fenster selbst reichen bis zum Boden. Mit 120 Passagieren passen zudem drei Mal so viele Gäste in eine Kabine wie früher, das sorgt für geringere Wartezeiten.

„Es ist vielerorts höchste Zeit aufzuwachen“, betont Unternehmensberater Vanat. Er verfolgt seit Jahren akribisch die wirtschaftliche Entwicklung in Skigebieten weltweit. Obwohl die Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten zunehme, stagniere die Zahl der Skifahrer, resümiert der Experte. Das liege natürlich an den warmen Wintern, aber auch an der Konkurrenz durch andere Ferienziele sowie einer alternden Gesellschaft. „Die ganze Ski-Industrie muss sich noch wesentlich besser um ihre Kunden kümmern“, fordert Vanat.

Nirgendwo haben sie das so früh erkannt wie in Österreich. Der Nobelskiort Lech am Arlberg ist das beste Beispiel dafür. „Unser größter Investitionsschub war mit 150 Millionen Euro die Liftverbindungen nach St. Anton. Dazu sind noch weitere Investitionen in die Beschneiungsanlagen in Lech und Zürs von sieben Millionen Euro in dieser Saison gekommen“, erläutert Hermann Fercher, Tourismuschef von Lech-Zürs.

Das Resort mit Lech, Zürs und St. Anton ist mit 305 Pistenkilometern das größte zusammenhängende Skigebiet der Alpenrepublik. Doch das ist noch kein Grund, sich auszuruhen. „In den nächsten Jahren werden wir weiter in die Beschneiung investieren. Wir werden darüber hinaus den Komfort für die Skifahrer durch den Austausch veralteter Liftanlagen erhöhen“, ergänzt der Tourismusmanager Fercher.

Anderen Skidestinationen wie beispielsweise Sölden in Tirol sind ähnlich aktiv. „Ob der Kunde aus Frankfurt in die USA fliegt oder mit dem Auto nach Sölden fährt, ist keine Frage der Zeit mehr. Das schafft natürlich Druck, ständig in die Technik, Beschneiung und Gastronomie zu investieren“, betont Jack Falkner, Unternehmer und Geschäftsführer der drei Söldener Bergbahnen. „Wir haben in den vergangenen fünf Jahren rund 100 Millionen Euro investiert.“

Allein in der vorigen Wintersaison haben die österreichischen Seilbahnunternehmen 582 Millionen Euro in neue Anlagen und Schneekanonen gesteckt. Längst sind die Berge zu einem hochgerüsteten Freizeitpark avanciert. Alpin-Apps mit Ski-Navigationssystemen führen die Gäste durch das Labyrinth von Pisten, Fun-Parks und Rennstrecken mit Zeitmessung und Videoaufzeichnung.

Der Tourismusexperte Franz Maximilian Schmid-Preissler bezweifelt allerdings, dass sich derart teure Liftanlagen bloß fürs Skifahren lohnen. „Die Alpenorte brauchen eine Strategie für alle vier Jahreszeiten“, betont der Unternehmensberater vom Tegernsee. Vor allem im Frühjahr und Herbst seien die Bergorte oft so gut wie menschenleer. Daher seien die Unterkünfte in den Alpen übers Jahr hinweg auch nicht einmal zur Hälfte belegt, und im Schnitt blieben die Leute nur zweieinhalb Tage.

Neue Schwimmbäder in den Hotels, Whirlpools und Massageliegen reichten jedenfalls nicht aus, um Bergbahnen und Gasthäuser ganzjährig auszulasten. „Wellness ist heute in jedem Dorf vorhanden wie der Kirchturm“, ätzt der erfahrene Berater.

Stattdessen gelte es, die ortsspezifischen Eigenheiten zu nutzen. So wie das etwa Oberammergau getan habe. Früher war in dem oberbayerischen Bergdorf nur alle zehn Jahre etwas los – wenn die berühmten Passionsspiele aufgeführt werden. Inzwischen aber sind im Passionstheater von Oberammergau regelmäßig beachtenswerte Aufführungen zu sehen – und so wurde die Gemeinde zum lohnenswerten Ziel für Kulturbeflissene.

Downhill-Trail statt Skipiste

Beispiel Leogang: Bis vor ein paar Jahren lebte die ehemalige Bergbaugemeinde im österreichischen Pinzgau vor allem vom Wintersport. Inzwischen aber ist die Gondel auf den Hausberg Asitz fast das gesamte Jahr über geöffnet. Wälder und Wiesen sind überzogen mit einem spinnenartigen Netz von sogenannten Downhill-Trails, also speziellen Wegen, auf denen sich die Mountainbiker den Hang hinab stürzen. Sobald der letzte Schnee geschmolzen ist, startet die Radsaison. Das lastet einerseits die Bergbahnen aus, zieht andererseits aber auch eine junge Kundschaft an, die früher nur im Winter nach Leogang kam. Weltcups und Mountainbike-Weltmeisterschaften sorgen dafür, dass der Ort – eine halbe Autostunde östlich von Kitzbühel – in der Szene weltweit bekannt wurde.

Die Skidestinationen in den Alpen stehen heute im Wettbewerb mit jedem anderen Urlaubsziel auf der Erde. Auch das Skifahren ist ein globales Geschäft geworden. Rund um den Globus verzeichnet Berater Vanat rund 2.000 Skigebiete in 67 Ländern. Den Gästen stünden dabei sechs Millionen Betten zur Verfügung, der weitaus größte Teil davon in den Alpen und in Nordamerika. Insgesamt lassen sich die Sportler von fast 27.000 Liften auf die Gipfel tragen.

Die Alpenresorts profitieren seit einiger Zeit davon, dass sich die Urlauber von Mittelmeerländern wie der Türkei, Tunesien und Ägypten aus Angst vor Anschlägen abwenden. Ferien im Schnee im Winter oder Wanderurlaube im Sommer stehen daher hoch im Kurs. Dazu kommt, dass viele Kunden derzeit nicht mehr auf jeden Cent achten müssen. „Die wirtschaftliche Situation und damit das Konsumverhalten ist in den meisten Herkunftsmärkten gut“, betont Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich Werbung.

In der vergangenen Wintersaison wurden in Österreich mit knapp 19 Millionen Ankünften und annähernd 69 Millionen Nächtigung neue Rekorde aufgestellt. Der positive Trend dürfte anhalten. „Auf Grund der wirtschaftlichen Lagen in Mittel- und Nordeuropa sowie in Nordamerika sind wir für die Wintersaison zuversichtlich. Wir erwarten, mindestens unsere guten Umsätze wie in den vergangenen Jahren wieder zu erreichen“, sagt Lechs Tourismusdirektor Fercher.

Auch im Tiroler Ötztal ist die Zuversicht groß. „Wir haben ideale Voraussetzungen für eine sehr gute Saison, nicht zuletzt wegen des guten Schneefalls“, sagt Bergbahnen-Chef Falkner.

Gleichwohl, es wird in Zukunft nicht einfach für die etablierten Skiorte. In Westeuropa entstehen zwar praktisch keine neuen Skigebiete mehr. Allerdings bauen die osteuropäischen Länder ihre Gebiete aus und buhlen mit günstigeren Preisen um Deutsche, Briten oder Holländer. Das verschärft den Wettbewerb.

Dazu kommt: Skifahren ist ein teures Hobby. „Das ist vor allem für junge Familien ein Problem“, meint Berater Schmid-Preissler. Für eine Tageskarte in einem der größeren Skigebiete müssen Erwachsene gut 50 Euro berappen, in der Schweiz noch deutlich mehr. Doch das ist nicht alles: Übernachtung, Verpflegung, Leihskier und Skikurs sowie An- und Abreise zusammengenommen, kommen leicht mehrere tausend Euro pro Familie für eine Woche Skiurlaub zusammen.

Viele jüngere Sportler wenden sich deshalb ab. In Österreich liegt das Durchschnittsalter der Wintersportler bereits bei 39 Jahren. Und noch etwas macht den Skiresorts Sorgen. Dieses Jahr sind die Gebirgsorte zu Weihnachten tief verschneit. In den vergangenen Jahren lag freilich zur kommerziell wichtigsten Zeit des Jahres kaum Schnee, die Hänge blieben braun-grün. Das schreckte selbst so manchen eingefleischten Skienthusiasten ab. Dass der Winter immer später kommt, ist misslich für die Skigebiete. Denn vor allem die zahlungskräftigen Kunden haben über Weihnachten und Neujahr Zeit, nach Dreikönig aber nicht mehr. Da kommen sie dann höchstens einmal für ein verlängertes Wochenende.

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In diesen Tagen allerdings sind die Bedingungen traumhaft, selbst die Talstation der neuen Zugspitzgondel oberhalb des Eibsees ist tief verschneit, und auf die Weihnachtsurlauber wartet auf den Pisten unterhalb des Gipfels traumhafter Pulverschnee.

Die Bauarbeiten auf Deutschlands höchstem Berg allerdings sind noch lange nicht vorbei, denn nächstes Jahr soll auch ein neues Restaurant entstehen. Schließlich will die halbe Million Gäste, die sich jedes Jahr auf knapp 3000 Meter Höhe einfindet, nicht nur komfortabel transportiert, sondern auch stilvoll verköstigt werden.

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