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Buchrezension Die ökonomische Formel zur Rettung der Welt

Klimakrise, Corona-Pandemie und Autokraten richten die Welt zu Grunde. Warum das so ist, erklärt Riane Eisler und bietet eine überraschend simple Lösung.
29.11.2020 - 09:40 Uhr Kommentieren
Riane Eisler ist überzeugt: Care-Arbeit, etwa die Versorgung der eigenen Kinder, sollte in Wirtschaftstheorien eine Rolle spielen. Quelle: dpa
Schreiende Babys

Riane Eisler ist überzeugt: Care-Arbeit, etwa die Versorgung der eigenen Kinder, sollte in Wirtschaftstheorien eine Rolle spielen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Menschen sind absurd. Einerseits wollen wir ein gutes Leben. Dann arbeiten wir so lange, bis der Burn-out uns stoppt. Nur droht der Burn-out diesmal keinen einzelnen Menschen zu ereilen, sondern die gesamte Welt. Wir arbeiten zielsicher auf eine Klimakatastrophe zu.

Warum tun wir das? Warum stürzen wir uns selbst in den Abgrund? Das fragt sich die 89-jährige Riane Eisler seit sie 1938 als kleines Mädchen mit ihrer Familie aus Wien vor den Nazis floh. In „Die verkannten Grundlagen der Ökonomie“ präsentiert die Soziologin, Juristin und Anthropologin die Antwort.

Das Buch ist unter dem Titel „The Real Wealth of Nations“, in Anspielung auf Adam Smiths Klassiker „The Wealth of Nations“, bereits 2007 in den USA erschienen. Erst 2020 wurde es durch die Bemühungen der Übersetzerin Ulrike Brandhorst ins Deutsche übersetzt. Brandhorsts Motivation war es, Eislers „grundlegende Gedanken über unser Zusammenleben“ einem möglichst breitem Publikum zugänglich zu machen.

Gerade jetzt in der Krise. Denn Eisler ist überzeugt, dass wir den wiederkehrenden Krisen nur ein Ende setzen können, wenn wir Wirtschaft und Wirtschaftspolitik von Grund auf neu denken. Wir befinden uns „an einem Kipppunkt, einem Wendepunkt der Geschichte“, der ein radikales Umdenken verlangt.

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    Einfach weniger einkaufen und ein bisschen mehr Digitalisierung würden uns nicht uns vor Hochwasser, Stürmen, Dürre und dadurch ausgelösten Kriegen und Flüchtlingsströmen retten. Wir müssen unsere Grundannahme überprüfen.

    Fehler 1: Wirtschaftstheorien schließen Care-Arbeit aus ihrer Berechnungen aus

    Das Problem bisher war, so Eisler, dass die weit verbreiteten Wirtschaftstheorien einen gravierenden Fehler in sich tragen. Sie lehnen in ihren ökonomischen Modellen strikt ab, unbezahlte Arbeit, die „vornehmlich in Privathaushalten“ geleistet wird, mit einzubeziehen. Es handelt sich um sogenannte Care-Arbeit. Also Arbeit, die wir erledigen, um unser tägliches Überleben zu sichern, wie etwa Nahrung kaufen und zubereiten, waschen und sich und andere pflegen.

    Riane Eisler: Die verkannten Grundlagen der Ökonomie.
    Büchner
    Marburg 2020
    234 Seiten
    22 Euro

    Welche Folgen die Ausgrenzung von Care-Arbeit in der Ökonomie hat, wurde besonders während des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie deutlich: Eltern mussten gleichzeitig die Kinder versorgen und arbeiten. Pflegekräfte rotierten im Krankenhaus. Das System drohte zu kollabieren. In dieser Situation wurde der Ruf und die Wertschätzung für Care-Arbeit groß, denn ohne geht es nicht.

    Fehler 2: Care-Arbeit ist uns zu wenig Wert

    Wie unsere Wertschätzung zuvor aussah, macht Eisler an einem Beispiel deutlich, dass genauso auf Deutschland zutrifft: „In den USA sind die Menschen mit Selbstverständlichkeit bereit, einem Installateur, der sich um ihre Abwasserrohre kümmert, 50 bis 100 Dollar pro Stunde zu zahlen, während Erzieher, die sich um ihre Kinder kümmern, im Schnitt nur einen Stundenlohn von unter 12 Dollar erhalten.“

    Das Problem liegt Eisler zufolge also in unseren Werten und unserer Bewertung von Care-Arbeit. Wie wenig uns Fürsorge wert ist, lässt sich Eislers Analyse zufolge weniger daran messen, ob eine Nation religiös, politisch links oder rechts ausgerichtet sei. Der Wert von Care-Arbeit in einer Gesellschaft richte sich danach, wie sehr ein System der Partnerschaft oder der Dominanz vorherrsche. Stark verkürzt basieren Dominanzsysteme auf Angst und Gewalt, Partnerschaftssysteme hingegen auf Kooperation.

    Diese weiter greifende Theorie bildet auch die Grundlage ihres Forschungsinstituts. Denn Eisler ist überzeugt: Das Problem liegt im beherrschenden Dominanzsystem. Auch heute noch.

    Fehler 3: Unternehmen funktionieren noch nach Prinzipien des Mittelalters

    Die Urformen von Dominanzsystemen waren Könige, Feldherren und Diktatoren, die Menschen und Umwelt ausgebeutet haben. Arbeiter hatten kaum eine Wahl, wenn sie überleben wollten. Sie haben sich gefügt. Mit mehr Wohlstand haben Dominanzsysteme ein natürliches Ende erreicht. Doch die Überbleibsel tragen wir noch in uns, in Denkmustern und Aussagen wie „das haben wir schon immer so gemacht“.

    Eisler schreibt: „Auch wenn Könige mittlerweile durch Kapitaleigner ersetzt wurden, sind auch die modernen Unternehmen im Grunde genommen immer noch Einrichtungen, deren einziger Zweck darin besteht, Geld zu generieren und sich ansonsten um möglichst nichts anderes zu scheren – auch nicht um Menschen oder Mitwelt.“

    Welche Folgen das hat, erläutert sie auf knapp 200 Seiten. Lesern wird Seite um Seite deutlich, wie und warum wir systematisch unser Ende vorbereiten.

    Die Lösung: Wirtschaft neu denken

    Doch Eisler verliert sich nicht in einer Dystopie. Sie macht Mut und zeigt neue Wege. So verweist sie auf Unternehmen, die fürsorglich mit ihren Mitarbeitern umgehen. Sie kommen bei der Familienplanung oder Pflege von Angehörigen mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen. Im Gegenzug können sie auf deren Loyalität vertrauen. Fürsorge zahle sich also für die Unternehmen dauerhaft aus. Das Konzept überträgt Eisler auch auf Staaten wie Schweden und Dänemark.

    Mit einem interdisziplinären Blick auf ihre Forschung der vergangenen vierzig Jahre nimmt Eisler die Leser mit auf eine Reise – angefangen beim antiken Griechenland über das präkoloniale Afrika bis heute. Sie zeigt die Genese des Denkfehlers, die Menschlichkeit aus dem ökonomischen Handeln zu streichen. Und ja, auch die Unterdrückung der Frau und der Weg zur Gleichstellung der Geschlechter spielen hier eine entscheidende Rolle.

    Doch statt sich an Problemen festzukrallen, fordert Eisler eine Revolution und die Zusammenarbeit aller. Sie ruft zu einer „Care-Revolution“ auf, um letztlich mit dem Konzept der Caring Economy die Welt zu retten.

    Mehr: Wann kommt die unbezahlte Care-Arbeit ins BIP? – Eine Kolumne von Ina Praetorius

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