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Buchrezension Wirtschaftsfaktor Frauen: Warum Gleichberechtigung der Schlüssel zum Wohlstand ist

Die Fakten zeigen: Die Diskriminierung von Frauen schadet der Weltwirtschaft. Die Wissenschaftlerin Linda Scott plädiert deshalb für ein neues ökonomisches Denken.
12.11.2020 - 16:00 Uhr 4 Kommentare
Zugang zu Bildung ist ein entscheidender Faktor für Teilhabe von Frauen am Wirtschaftsleben. Quelle: Dani Salvà/VWPics/Redux/laif
Schule in Marokko

Zugang zu Bildung ist ein entscheidender Faktor für Teilhabe von Frauen am Wirtschaftsleben.

(Foto: Dani Salvà/VWPics/Redux/laif)

Düsseldorf Es ist eine alte philosophische Frage: Was ist Wahrheit? Einige Dinge können wahr werden, wenn man an sie glaubt. Homöopathische Zuckerkügelchen etwa können eine Heilreaktion auslösen, die auf dem Placebo-Effekt beruht. Andere Dinge sind wahr, ob man nun daran glaubt oder nicht. Wasser zum Beispiel kocht bei 100 Grad, Rauchen ist krebserregend, Donald Trump wurde gerade als US-Präsident abgewählt, und Frauen werden diskriminiert, und ihre Teilhabe an der Wirtschaft wird verunmöglicht.

Über Letzteres und das gravierende Ausmaß dessen schreibt die Autorin Linda Scott in ihrem neuen Buch „Das weibliche Kapital” und geht dabei mit Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik hart ins Gericht.

Die Fakten sind beeindruckend. Sie zeigen ein schockierendes Muster der Ungleichheit über die ganze Welt hinweg. Sie zeigen, wie Frauen aus verschiedenen Gründen an Wirtschaftsaktivitäten gehindert werden. Vor allem aber macht Scott klar, was es kostet, wenn Frauen gar nicht oder schlechter bezahlt werden, wenn sie ihr Geld bei ihrem Ehemann abliefern müssen, kein eigenes Konto eröffnen können oder kein Risikokapital erhalten. Schätzungen der Weltbank zufolge verliert die Weltwirtschaft allein durch ungleiche Löhne und Gehälter jährlich 160 Billionen US-Dollar.

Scott, emeritierte Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der berühmten Universität Oxford, widmet sich einem blinden Fleck in der Ökonomie, den die großen Entwürfe von Thomas Piketty und Jeffrey Sachs in den vergangenen Jahren offen gelassen haben: den volkswirtschaftlichen Kosten der Diskriminierung von Frauen. Scott spricht von der XX-Ökonomie, was auf den letzten Chromosomensatz zurückgeht, der über das Geschlecht eines Menschen entscheidet.

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    „Der Umgang mit Frauen ist eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Vielleicht aus Angst vor der schmerzhaften Realität haben wir uns zu lange geweigert, genau hinzusehen”, schreibt Scott. „Riesige Mengen an Beweisen, von historischen Dokumenten bis zu Statistiken, führen uns diese Tragödie nun klar vor Augen.”

    In insgesamt 14 Kapiteln trägt sie augenöffnende Fakten zusammen, die in der Lage sind, die Debatte und das Nachdenken über Wohlstand und Ungleichheit auf eine neue Grundlage zu stellen. Scott berichtet zudem über persönliche Erfahrungen aus afrikanischen Dörfern und asiatischen Slums, wo Frauen teilweise wie Wertgegenstände gehandelt werden.

    Chauvinistische Bräuche und Rituale

    Einige ihrer Schilderungen sind so erschütternd, dass man als Leser das Buch öfter zur Seite legen und das Gelesene erst mal verdauen muss. Beschämend für eine weiße Leserin aus der reichen Industrienation. Besonders nahe gehen einem die beschriebenen Gebräuche zur Witwenreinigung in Uganda. Dabei vergewaltigt ein meist sozial ausgestoßener Mann die Witwe. Sein Sperma, so die Vorstellung, entferne den Geist des Ehemanns aus der Witwe und reinige sie so, dass sie für ihren neuen Mann akzeptabel ist, schreibt Scott.

    In anderen afrikanischen Ländern müssen Witwen einen Verwandten ihres verstorbenen Ehemanns heiraten, wenn sie nicht mit ihren Kindern verhungern wollen, und in Teilen Indiens werden Bräute verbrannt, deren Mitgift aufgebraucht ist - typischerweise, indem sie mit Kerosin übergossen und angezündet werden. „Offiziellen Schätzungen zufolge kommt auf diese Weise jede Stunde eine indische Frau ums Leben”, schreibt Scott. „Frauenrechtlerinnen beziffern die Häufigkeit auf alle 15 Minuten.”

    Linda Scott: Das weibliche Kapital
    Verlag: Hanser
    2020
    416 Seiten
    25,00 Euro
    ISBN: 978-3446267800

    Gebräuche, deren Wurzeln Tausende Jahre zurückreichen und die zeigen, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert vor allem in armen Teilen der Welt noch wie Sklavinnen leben. Scott schreibt: „Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass es heute weltweit 40 Millionen Sklaven und Sklavinnen gibt, von denen 71 Prozent Frauen sind. 15,4 Millionen davon sind zwangsverheiratet.”

    Linda Scott schildert aber auch Erlebnisse aus Londoner Vorstandszimmern und amerikanischen Universitäten, wo Frauen systematisch aus den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ausgeschlossen werden. Laut Scott eine ganz wesentliche Ursache dafür, dass Daten lange und meist nicht nach Geschlecht erhoben und analysiert wurden. „In der Wirtschaft gibt es einen bedauerlichen Mangel an Kompetenz hinsichtlich des Themas Frauen”, schreibt sie. „Das liegt zum Teil daran, dass die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten mit Gleichberechtigung nicht viel am Hut haben.” Sie selbst erforscht seit 1990 mit viel Leidenschaft und Hingabe die Stellung von Frauen in der Wirtschaft - und beschreibt „Das weibliche Kapital” als ihr Lebenswerk.

    „Die westlichen Länder wurden zu wirtschaftlichen Supermächten, als verheiratete Frauen zunehmend berufstätig wurden.“ Quelle: Tony Luong
    Autorin Linda Scott

    „Die westlichen Länder wurden zu wirtschaftlichen Supermächten, als verheiratete Frauen zunehmend berufstätig wurden.“

    (Foto: Tony Luong)

    Doch die zusammengetragenen Daten lassen auch einen Weg zur Rettung erkennen. Wenn man Frauen und Männer gleichstellt, wenn Lohngleichheit da ist, dann, glaubt Scott, bedeutet das für die Gesamtgesellschaft mehr Wohlstand, mehr Stabilität und mehr Sicherheit.

    Wie die Barrieren, die den Frauen die Teilhabe an der Wirtschaft verunmöglichen, beseitigt werden können, beschreibt sie dann ausführlich in ihrem Epilog. Im Grunde plädiert sie dafür, Frauen auf der ganzen Welt einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. „Das Ergebnis ist ein stetiger Aufwärtstrend des BIP”, ist Scott überzeugt. „Die westlichen Länder wurden zu wirtschaftlichen Supermächten, als verheiratete Frauen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zunehmend berufstätig wurden”, erklärt die Frauenforscherin. „Seit damals wurde der Zusammenhang zwischen der Berufstätigkeit von Frauen und dem BIP mit Daten aus 163 Ländern belegt. Auch ein Vergleich gegenwärtiger Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen mit dem BIP des jeweiligen Landes zeigt deutlich, dass hier ein Zusammenhang besteht.”

    Bildung, Eigentum, Erbrecht und Kinderbetreuung

    Kostenlose Bildung, Eigentum, gleichberechtigtes Erbrecht und eine universelle Kinderbetreuung sind für die Feministin die wichtigsten Voraussetzungen für eine größere Teilhabe der Frauen am Wirtschaftsleben. Scott beschreibt ausführlich, wie die Politik zu besseren Bedingungen für Frauen beitragen kann und muss. Gerade in Zeiten von Covid-19, wo Prekarität und die Herausforderungen für Frauen noch sichtbarer werden.

    Individuellen und institutionellen Investoren rät sie, dezidiert in frauenfreundliche Firmen zu investieren. Und: „Wenn eine Firma durch gravierende Verstöße gegen die Geschlechtergerechtigkeit in die Nachrichten gerät, sollte man die Aktien dieses Unternehmens verkaufen, um Druck auszuüben.”

    Verbrauchern legt Scott ans Herz, beispielsweise bewusst bei frauenfreundlichen Herstellern einzukaufen - entsprechende Firmen findet man beispielsweise über den Bloomberg Gender Equality Index oder den Edge Certification Index. Am Arbeitsplatz sollten Frauen offen über ihre Gehälter reden. Denn: „Das größte Hindernis - neben Vorurteilen - für Frauen ist bei Gehaltsverhandlungen, dass die Gehälter der anderen Frauen ein Geheimnis bleiben.” Und Arbeitgebern empfiehlt sie, dass Führungskräfte hinsichtlich ihres Engagements für Diversität evaluiert und durch ein Anreizsystem motiviert werden sollen.

    Man kann kritisieren, dass Linda Scott frühere Kritikerinnen der patriarchalen Wirtschaft unerwähnt lässt und auch auf andere Vordenkerinnen nicht eingeht. Von einigen Feministinnen wird ihr vorgeworfen, dass Geschlechtergerechtigkeit als zynische Ausrede zur Rechtfertigung von Neoliberalismus verwendet wird. Kritik, auf die Linda Scott ausführlich eingeht und erklärt: „Diese Haltung verkennt, dass Frauen unter einzigartigen Zwängen leiden, die sie von der Beteiligung jedweder Form der Wirtschaft abhalten.”

    Die westlichen Länder wurden zu wirtschaftlichen Supermächten, als verheiratete Frauen zunehmend berufstätig wurden. Linda Scott

    Sie weiß, dass sie aneckt, und betont auch gleich zu Beginn des Buches: „Diese Haltung verkennt, dass Frauen unter einzigartigen Zwängen leiden, die sie von der Beteiligung an jedweder Form der Wirtschaft abhalten. Ich sage keineswegs, dass wir Frauen nur aufgrund des Wachstums zu mehr wirtschaftlichem Einfluss verhelfen sollten. Das blinde Streben nach einem wachsenden BIP ist ein Charakteristikum patriarchaler Ökonomien und sollte nicht unser Hauptziel sein.” Ihren Gegnern entgegnet sie: „Wir können auf eine Weltordnung ohne Probleme warten, ehe wir die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern adressieren. Oder wir können Frauen jetzt zur Priorität machen.”

    „Das weibliche Kapital" ist sowohl ein gründlicher Forschungsbericht als auch ein inspirierendes Plädoyer für die wirtschaftliche Stärkung von Frauen. Man kann sich gut vorstellen, dass die Lektüre viele Menschen zunächst schockiert und verärgert. Doch wie sagte einst Anton Tschechow (1860-1904) so schön: „Der Mensch wird erst dann besser, wenn sie ihm zeigen, wie er ist.“ Wer zur letzten Seite gelangt, empfindet bei allen Problemen, die Scott beschrieben hat, zumindest Zuversicht. Denn Probleme, über die man reden kann, können auch bewältigt werden. Das Buch hat 412 Seiten, es ist zu schnell vorbei.

    Mehr: „Unsichtbare Frauen“: Wie Frauen systematisch diskriminiert werden – weil unsere Welt größtenteils auf männerbezogenen Daten basiert.

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    4 Kommentare zu "Buchrezension: Wirtschaftsfaktor Frauen: Warum Gleichberechtigung der Schlüssel zum Wohlstand ist"

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    • Ach schade lieber Herr Bajohr, denn gerade in diesem Buch wird widerlegt und bewiesen, und das mit absolut seriosen und nachvollziehbaren Quellen, dass es keine biologischen Unterschiede gibt die es rechtfertigen würden, warum Männer Frauen auf der ganzen Welt noch immer unterdrücken und diskriminieren. Es ist bedauerlich, dass Sie genau dort aufhören, sich weiter zu bilden, wo Ihre Meinung und Ihr Weltbild in Gefahr geraten :-/

    • Nein , werde ich auch nicht, denn ihre Rezension hat mir schon gereicht. Ich habe in meiner überwiegend technisch geprägten Laufbahn viele Frauen kennengelernt und konnte mir eine fundierte Meinung bilden, auch wenn das Leuten wie ihnen nicht passt. Es gibt so etwas wie biologische Veranlagung und diese setzt -ob wir das wollen oder nicht- Präferenzen für unser Leben. Abgesehen davon: Mir misogyne Selbsthyphnose zu unterstellen zeugt lediglich von ihrem limitierten Horizont, den ich nach kurzer Recherche jetzt nachvollziehen kann. aber wie auch immer: Alles Gute auf ihrem weiteren Lebensweg. Meine Töchter würden über diese Unterstellung lachen. Ich werde in Zukunft nicht mehr kommentieren. Nicht unbedingt wegen ihnen, sondern weil es in diesem Land einfach keinen Sinn mehr macht. Ich habe über 30 Jahre rund um den Globus gelebt und was ich nun hier sehe, seitdem ich wieder mehr oder weniger hier lebe ,gefällt mir nicht mehr.

    • Herr Bajohr, haben Sie das Buch denn überhaupt schon gelesen oder möchten Sie hier einfach nur Ihre misogyne Selbsthyphnose dokumentieren?

    • Wird die Dame von unserer Regierung bezahlt? DDR 2.0? Die Beispiele aus Ländern wie Indien etc. anführen ist doch nichts anderes als Geschwurbel um die fadenscheinige These zu untermauern. Ich gehöre noch zu der Generation wo die Frau zu Hause bleiben konnte sich um die Kinder gekümmert hat und einen funktionierenden Haushalt führte. Trotzdem haben wir ein Haus, hatten immer zwei Autos und meine Kinder haben abgeschlossene Universitätsausbildungen. Daß das heute nicht mehr funktioniert ist genau diesem Übel : "Wirtschaftsfaktor Frauen" zu verdanken und leider ( meine Meinung) Einflüssen aus der ehemaligen DDR nach der Übernahme der BRD. Die Resultate dieser Veränderungen können wir täglich alle bewundern. KITA Kinder , Alleinerziehende die hinten und vorne nicht hochkommen etc. etc. Gleichberechtigung gut und schön aber sie muß sinnvoll funktionieren und nur um Lohnsklaven zu produzieren brauchen wir sowas sicher nicht.

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