Buchrezension: Künstliche Intelligenz: Dem Menschen über den Kopf gewachsen
Künstliche Intelligenz wird entweder das Beste oder das Schlimmste sein, was der Menschheit je widerfahren wird, meinte Stephen Hawking 2016.
Foto: Montage: Getty ImagesBerlin. „Ich denke, also bin ich.“ Mit dieser Feststellung machte der französische Philosoph René Descartes 1637 die menschliche Vernunft zur tragenden Säule der Aufklärung. Mehr als 380 Jahre später hat der von Ratio und Zweifel getriebene Mensch eine Technologie geschaffen, die an dieser Säule und damit am menschlichen Selbstverständnis rüttelt: „Aber wenn Künstliche Intelligenz (KI) denkt, was sind wir dann?“ Das ist die zentrale Frage des gerade erschienenen Buches „The Age of AI and our Human Future“.
Es gibt zwar inzwischen eine Vielzahl von Büchern, die sich mit den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen der Künstlichen Intelligenz beschäftigen.
Was dieses Buch so besonders macht, ist sein ungewöhnliches Autoren-Trio: Der 98-jährige Henry Kissinger, Doyen der internationalen Diplomatie, hat sich mit dem früheren Google-Chef Eric Schmidt und Dan Huttenlocher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) zusammengetan, um über das anbrechende KI-Zeitalter nachzudenken.
„In den 90er-Jahren begann ich, mit Eric zusammenzuarbeiten“, erzählt Kissinger in einem Interview mit dem US-Magazin „Time“ die Entstehungsgeschichte des Buches. Man habe sich erst alle drei oder vier Wochen getroffen, um über Künstliche Intelligenz zu diskutieren.
Später habe man dann mit Dan Huttenlocher ein Jahr lang jeden Sonntagnachmittag alles aufgeschrieben. Nicht die Technologie habe ihn begeistert, sagte Kissinger. „Was mich fasziniert, ist, dass wir in eine neue Phase des menschlichen Bewusstseins eintreten, die wir noch nicht vollständig verstehen.“
Gefährlicher Epochenwechsel
Ähnliche Epochen- und Paradigmenwechsel gab es auch schon früher. Die Erfindung der Atombombe 1945 markierte den Eintritt ins Nuklearzeitalter, das den Menschen erstmals eine Waffe zur totalen Selbstzerstörung in die Hand gab. „KI wird jedoch einen noch grundlegenderen Wandel erzwingen: Sie wird das Primat der menschlichen Vernunft infrage stellen“, schreiben Kissinger und seine beiden Co-Autoren.
Die Künstliche Intelligenz sei ein Produkt des menschlichen Erfindungsreichtums und mache den Vorrang der menschlichen Vernunft zunichte: „Sie erforscht und erkennt Aspekte der Welt schneller als wir, anders als wir es tun, und in einigen Fällen auf eine Weise, die wir nicht verstehen.“
Das Buch bietet eine ebenso umfassende wie kritische Betrachtung einer Technologie, die unser Leben immer stärker durchdringt: Alexa liefert uns den Wetterbericht, intelligente Software wertet unsere Röntgenaufnahmen aus oder steuert unsere Fabriken, fliegende Killerroboter übernehmen den Kampf gegen den Terror, und unsere sozialen Medien filtern für uns, was wir wissen müssen oder wissen wollen.
In der Aufzählung zeigt sich bereits das Doppelgesicht der Künstlichen Intelligenz, sein Fluch und sein Segen. „Nur wenige Epochen waren mit einer so komplexen strategischen und technologischen Herausforderung konfrontiert, über die so wenig Einigkeit herrschte“, schreiben die drei Autoren.
An düsteren Warnungen vor einer von KI beherrschten Welt fehlt es nicht. „Mit Künstlicher Intelligenz rufen wir den Dämon herbei“, warnt Tech-Pionier Elon Musk. Die 2018 gestorbene Forscherlegende Stephen Hawking sah gar das Ende der Menschheit gekommen.
Und Russlands machtbewusster Herrscher Wladimir Putin ist sich sicher: „Wer die Künstliche Intelligenz beherrscht, regiert die Welt.“ Folglich steht KI auch im Zentrum des globalen Technologierennens zwischen den um geopolitische Dominanz ringenden Großmächten.
Technologie ohne Grenzen
Schmidt, der in den USA die „National Security Commission on Artificial Intelligence“ geleitet hat, warnt davor, dass ein technologischer Rückstand in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz die nationale Sicherheit der USA gefährden würde, weil sich die Rivalen Amerikas dann „kommerzielle und militärische Vorteile“ verschaffen könnten. Um das zu verhindern, müsse der Staat im Tech-Sektor wieder eine stärkere Rolle spielen.
Für den ehemaligen Google-Chef ist noch nicht entschieden, ob KI zum Freund oder Feind des Menschen werden wird. „KI ist ungenau, was bedeutet, dass sie als Partner unzuverlässig sein kann“, sagte der Ex-Manager der „New York Times“. Die Technologie verändere sich die ganze Zeit. „Und, was am wichtigsten ist, sie ist in der Lage zu lernen.“
Seine größte Sorge gilt dem Tempo der Veränderungen, das den Menschen überfordere. „Wir müssen uns auf Grenzen einigen, wie schnell diese Systeme laufen, weil wir sonst in eine sehr instabile Situation geraten könnten.“
Niemand zeigt der neuen Technologie jedoch im Moment ihre Grenzen auf. „Wir leben in einer Welt, in der es faktisch keine vorherrschende philosophische Sichtweise gibt. So können sich die Technologen austoben“, bemängelt Kissinger.
Das diabolische an der Künstlichen Intelligenz ist, dass sie zum Beispiel in den sozialen Medien als hilfsbereiter Assistent daherkommt, der die Flut und Komplexität täglicher Informationen auf ein menschlich verträgliches Maß reduziert. „Das Problem ist, dass man jetzt sehr abhängig von diesem KI-System geworden ist“, sagt Schmidt.
Und weiter heißt es in dem Buch: „Die KI trifft also Entscheidungen darüber, was wichtig ist – und zunehmend auch darüber, was wahr ist.“ Das Trio verweist in diesem Zusammenhang auf die jüngsten Enthüllungen der Facebook-Whistleblowerin Francis Haugen.
Der frühere Google-Chef meint: „KI ist ungenau, was bedeutet, dass sie als Partner unzuverlässig sein kann.“
Foto: ReutersDie größte Sorge der drei Autoren und ihr stärkstes Kapitel gilt den Folgen Künstlicher Intelligenz für künftige militärische Konflikte. Hier wird die Handschrift von Kissinger besonders spürbar. „Wenn Sie sich einen Krieg zwischen China und den Vereinigten Staaten vorstellen, haben Sie Waffen mit Künstlicher Intelligenz.
Wie jede Künstliche Intelligenz sind sie bei dem, was Sie planen, effektiver“, sagt der Veteran des Kalten Krieges im „Time“-Interview. Da niemand diese Dinge auf breiter Ebene getestet habe, könne man auch nicht genau sagen, was passiere, wenn KI-Kampfflugzeuge von beiden Seiten aufeinanderträfen. „Man befindet sich also in einer Welt der potenziellen totalen Zerstörung und der großen Unsicherheit darüber, was man tut.“
Im Buch heißt es dazu. „KI bietet die Aussicht, konventionelle, nukleare und Cyberfähigkeiten in einer Weise zu erweitern, die es schwieriger macht, Sicherheitsbeziehungen zwischen Rivalen vorherzusagen und aufrechtzuerhalten, und die es schwieriger macht, Konflikte zu begrenzen.“
Als besonders gefährlich sehen die Autoren das Zusammenspiel autonomer, von Künstlicher Intelligenz gesteuerter Entscheidungen mit neuen Waffensystemen wie Hyperschallraketen an. Entscheidend ist für Kissinger und Co., dass der Mensch nicht nur das letzte Wort bei Entscheidungen über Leben und Tod behält, sondern dass er auch noch genug Zeit hat, darüber nachzudenken und es auszusprechen.
Die Zukunft des Krieges
Schmidt versucht, die Gefahren gegenüber der „New York Times“ an einem Beispiel deutlich zu machen: „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf einem Schiff in der Zukunft und das kleine Computersystem sagt dem Kapitän: ‚Sie haben noch 24 Sekunden, bevor Sie tot sind, weil eine Hyperschallrakete auf Sie zukommt. Du musst jetzt diesen Knopf drücken.‘“ Solle der Kapitän der Künstlichen Intelligenz vertrauen, aber was, wenn die einen Fehler mache, weil sie so ungenau sei?
„Was mich fasziniert, ist, dass wir in eine neue Phase des menschlichen Bewusstseins eintreten, die wir noch nicht vollständig verstehen.“
Foto: AP [M]Man würde dem Buch und seinen Autoren Unrecht tun, wenn man sie in die Reihe technologischer Untergangspropheten einreihen würde. Kissinger und Co. werfen viele grundlegende Fragen auf, die sich nicht nur an die Politik, sondern auch an die Wissenschaft und die großen Technologiekonzerne richten. Die meisten Antworten bleibt das Trio jedoch schuldig – vor allem, weil das Wissen über die Technologie und ihre Wirkungen noch rudimentär ist und sich ständig verändert.
Kissinger räumt zu Recht ein, dass es heute müßig ist, darüber nachzudenken, ob die Menschen ohne KI nicht besser dran wären. Das Rad der Geschichte lasse sich nicht zurückdrehen, und der künstliche Geist sei nun mal aus der Flasche.
Enorme Chancen für die Menschheit
Zudem zeigen die drei Autoren auch einige der enormen Chancen auf, die der Einsatz Künstlicher Intelligenz für das Wohlergehen der Menschheit ermöglicht. KI biete vielversprechende Möglichkeiten, wenn es darum gehe, fremde Sprachen oder Krankheiten zu erkennen oder den Klimawandel besser zu verstehen und zu bekämpfen.
Ausführlich wird im Buch beschrieben, wie Forscher des MIT im vergangenen Jahr mithilfe von intelligenter Software das neuartige Antibiotikum Halicin entdeckt haben. Die Wissenschaftler um Dan Huttenlocher wiesen die Künstliche Intelligenz an, Berechnungen anzustellen, die weit über die menschlichen Fähigkeiten hinausgehen.
Huttenlocher ist Professor für Informatik und Wirtschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Foto: Getty Images Entertainment/GettyDie intelligenten Computer modellierten innerhalb weniger Tage Millionen von Verbindungen und erforschten bisher unentdeckte und unerklärte Methoden zur Abtötung von Bakterien. Ohne die Hilfe von Künstlicher Intelligenz wäre das neue Heilmittel „unerschwinglich teuer“ geworden. „Mit anderen Worten: Es wäre unmöglich gewesen, es durch herkömmliche Experimente zu entdecken.“
So bleibt es bei dem vorläufigen Fazit, das der Physiker Stephen Hawking 2016 so formuliert hat: „Wir können nicht vorhersagen, was wir erreichen können, wenn unser eigener Verstand durch KI verstärkt wird.“ Künstliche Intelligenz werde „entweder das Beste oder das Schlimmste sein, was der Menschheit je widerfahren wird“.