Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Buchtipps zum Thema Datenschutz Wie aus gestohlenen Facebook-Daten Propaganda-Werkzeuge werden konnten

Die Firma Cambridge Analytica hat aus Daten digitale Waffen geschmiedet. Nun packen zwei Beteiligte aus. Ihre Bücher sollen die Demokratie retten – und ihre Ehre.
19.04.2020 - 09:44 Uhr Kommentieren
Der Whistleblower hat zu Ermittlungen in über 20 Ländern beigetragen. Quelle: ddp/Ben Cawthra/Sipa USA
Christopher Wylie (rechts) auf einer Demonstration in London

Der Whistleblower hat zu Ermittlungen in über 20 Ländern beigetragen.

(Foto: ddp/Ben Cawthra/Sipa USA)

Düsseldorf Das Coronavirus macht das Internet mehr denn je zur Wahlkampfarena: Weil Auftritte des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und seines demokratischen Kontrahenten Joe Biden im ganzen Land abgesagt wurden, müssen sich die Wahlberechtigten ihr Bild von den Kandidaten über Nachrichtenmedien und digitale Plattformen machen.

Was nach den Erfahrungen mit den Wahlen 2016 alarmierend ist: Unbemerkt konnten damals rechte Netzwerke, Milliardäre und russische Akteure Werbeanzeigen und Algorithmen von Facebook und Google nutzen, um mit Lügen und Hetze gegen die Demokratin Hillary Clinton Stimmung zu machen.

Bis heute ist unklar, ob Trump nur mit illegalen Mitteln ins Weiße Haus einziehen konnte. Fest steht, dass die Wahlen manipuliert wurden und im Zentrum dieses Skandals die mittlerweile insolvente Datenanalysefirma Cambridge Analytica stand. Sie arbeitete mit gestohlenen Daten von Facebooknutzern.

Ans Licht gebracht hat das vor allem deren ehemaliger Forschungsleiter Christopher Wylie. In seinem Buch „Mindfuck – Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“ packt er nun nochmals aus.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Cambridge Analytica hat mit den Daten von Facebooknutzern und Methoden der psychologischen Kriegsführung politische Kampagnen gestaltet. Wylie beginnt sein Buch mit den Erinnerungen an den Tag im Juni 2018, als er darüber vor dem US-Kongress aussagen musste.

    Facebook ist nicht mehr bloß irgendeine Firma, es ist das Tor zu den Köpfen der Amerikaner. Christopher Wylie (Autor)

    „Ich (...) hatte Beweise dabei, wie Daten von Facebook mithilfe von Cambridge Analytica zu Waffen gemacht und durch die Programme, die man dort entwickelt hatte, Millionen von Amerikanern zu leicht angreifbaren Zielen für die Propaganda feindlich gesinnter Staaten wurden“, schreibt er.

    In den vergangenen Jahren hat der Whistleblower zu Ermittlungen in über 20 Ländern beigetragen, um den Skandal um die Firma, Facebook, die privaten Daten von 87 Millionen seiner Nutzer und Desinformation in den sozialen Medien aufzuklären. Cambridge Analytica mischte nicht nur im US-Wahlkampf auf illegale Weise mit, sondern auch in der Volksabstimmung über den Brexit und bei politischen Entscheidungen in vielen afrikanischen Ländern.

    In seinem Buch zeichnet er nun auch für die Öffentlichkeit nach, warum er, ein nach eigener Aussage „fortschrittlich gesinnter, schwuler, 24-jähriger Kanadier zu einem leitenden Angestellten eines britischen Militärdienstleisters“ wurde, der für die äußerst rechte amerikanische Alt-Right-Bewegung „Instrumente zur psychologischen Kriegsführung entwickelte“. Und wie Menschen und Staaten zu ihren Opfern wurden – ohne zu verstehen, wie ihnen geschah.

    Für Wylie selbst fing alles damit an, dass der junge IT-Experte für Cambridge Analyticas Mutterkonzern SCL neue Mittel gegen die Online-Radikalisierung entwickeln sollte, erzählt er in seinem Buch. Bis ein Milliardär – Hedgefonds-Manager Robert Mercer – sich ihre Dienste sicherte, um eine radikale Revolte in Amerika anzuzetteln, seien er und seine Kollegen darauf fokussiert gewesen, „aufkeimenden Aufruhr radikaler Extremisten mit Daten, Algorithmen und gezielt eingesetzten Narrativen im Netz zu bekämpfen“.

    Ihre Waffen, so sieht es Wylie, gerieten in die falschen Hände. Statt damit Extremismus zu bekämpfen, wurden sie schließlich genutzt, um Misstrauen zu säen, Rassismus zu verbreiten und verschiedene Gruppen gegeneinander aufzuhetzen.

    Christopher Wylie: Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird.
    Dumont Verlag
    416 Seiten
    24 Euro

    Was die Menschen betrifft, die Ziel dieser Kampagnen waren, beginnt alles mit einer laxen Datenschutzpolitik bei Facebook und Psychologen, die das für hochmoderne Forschungsansätze nutzten. „Die Muster der Likes von Nutzern sozialer Medien, ihre Statusmeldungen, Gruppenmitgliedschaften, welche Seiten sie abonnieren und was sie anklicken, sind klare Hinweise, die, wenn man sie auf die richtige Weise zusammenträgt, sehr genau das Persönlichkeitsprofil einer Person abbilden“, schreibt Wylie.

    Facebook unterstütze solche Forschungen, weil es die abgeleiteten Persönlichkeitseigenschaften in Verbindung mit Nutzerprofilen zur gezielten Ansprache mit Werbung nutzen könne. Für Datenanalysefirmen wie SCL und Cambridge Analytica ließe sich damit modellieren, wie Nutzer mit unterschiedlichen Eigenschaften auf bestimmte Botschaften reagieren würden.

    Daten für ihre Zwecke generierten sie unter anderem mit einer App, mit der Nutzer auf Facebook ein Persönlichkeitsprofil erstellen konnten und dabei nebenbei nicht nur ihre eigenen Daten, sondern auch die sämtlicher Kontakte den Entwicklern zur Verfügung stellten.

    Auf 431 Seiten legt Wylie dar, wie mit solchen Daten und Propagandamethoden die Demokratie geschädigt wurde und weiter bedroht werden kann. Sein Buch ist nicht nur Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, wie Rechtspopulisten ihr Publikum erreichen und welche Rolle die digitalen Medien dabei spielen. Es ist auch ein Buch für Werbespezialisten, Soziologen, Psychologen und Menschenrechtler.

    Auf dem deutschen Markt erscheint es just in dem kritischen Moment, in dem Menschen mehr Zeit denn je im Netz verbringen und sich in sozialen Medien informieren. Als E-Book ist Christopher Wylies Buch bereits verfügbar, gedruckt ist das Werk aus dem Dumont-Verlag ab dem 29. April zu erwerben.

    Auch Brittany Kaiser gibt Einblicke

    Christopher Wylie ist nicht der einzige Ex-Mitarbeiter von Cambridge Analytica, der interne Dokumente über das Wirken der Firma veröffentlicht hat. Auch die ehemalige leitende Vertriebsmitarbeiterin Brittany Kaiser hat sich zu diesem Schritt entschieden und kürzlich ein autobiografisches Buch herausgebracht: „Die Datendiktatur. Wie Wahlen manipuliert werden“ (Harper Collins).

    Ähnlich wie Wylie war Kaiser jung und idealistisch und wollte lange nicht wahrhaben, wie man ihre Talente skrupellos für illegale Projekte einsetzte. Sie stieß 2014 zu Cambridge Analytica, quasi als Wylie die Firma verließ, weil er deren Praktiken nicht weiter unterstützen wollte.

    „Die Kampagne beanspruchte mich rund um die Uhr.“ Quelle: The Washington Post/Getty Images
    Brittany Kaiser (Autorin)

    „Die Kampagne beanspruchte mich rund um die Uhr.“

    (Foto: The Washington Post/Getty Images)

    Beide Autoren beziehen sich in ihren Büchern aufeinander – wobei Wylie infrage stellt, ob sich Kaiser als Whistleblowerin bezeichnen darf. Sie redete erst, als der Skandal um die Firma schon offenkundig war und ihr eigener Name in Verruf geriet. Kaiser war also gezwungen, sich zu erklären.

    Dass ihr das auch mit ihrem Buch kaum gelingt, hat zwei Gründe: Erstens bezeichnet sie Berichte des britischen „Guardian“ über ihre eigene Rolle als „unzutreffend und spekulativ“, hilft aber nicht, die Sache aufzuklären. Zweitens erzählt sie, wie sie für ihr „Coming-out“ als Whistleblowerin nach einem Slogan suchte.

    „Die Kampagne beanspruchte mich rund um die Uhr“, schreibt sie – und stellt damit wohl vor allem ihre eigene Glaubwürdigkeit infrage. Wer nur ein Buch über Cambridge Analytica lesen will, sollte das von Wylie wählen.

    Ab dem Moment, als Facebook von Christopher Wylies bevorstehenden Enthüllungen im „Guardian“ erfuhr, hat das Unternehmen öffentlich die Ansicht vertreten, es habe selbst keine Datenschutzverletzungen begangen.

    Brittany Kaiser: Die Datendiktatur. Wie Wahlen manipuliert werden.
    Harper Collins Verlag
    496 Seiten
    24 Euro

    Facebook erklärte in einer Pressemitteilung, die Nutzer hätten der Verarbeitung ihrer Daten zugestimmt und dass sowohl der verantwortliche Psychologieprofessor als auch Cambridge Analytica und Christopher Wylie die Plattform künftig nicht mehr nutzen dürften.

    Wylie entlässt Facebook bis heute nicht aus der Verantwortung und warnt vor dessen Einfluss: „Facebook ist nicht mehr bloß irgendeine Firma, es ist das Tor zu den Köpfen der Amerikaner, und Mark Zuckerberg ließ die Tür für Cambridge Analytica, die Russen und wer weiß für wen sonst noch sperrangelweit offen“, schreibt Wylie. „Facebook hat ein Monopol, aber sein Verhalten ruft nicht nur nach neuen Regularien – es stellt auch eine Bedrohung der nationalen Sicherheit dar.“

    Neue Ideen für die Gesetzgebung

    Da über viele von Wylies Enthüllungen schon berichtet wurde, steckt sein interessantester Beitrag zur aktuellen Debatte um Datenschutz, politische Werbung und die Regulierung der Tech-Konzerne wohl in dem Brief an die Gesetzgeber am Ende des Buchs

    „Schon zu lange hängen die Parlamente der Welt dem Irrglauben an, dass aus irgendeinem Grund ,Gesetze niemals mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten können‘“, schreibt er und macht Vorschläge, wie die Probleme mit den Plattformen in den Griff zu bekommen sind:

    • Bauordnung für das Internet: Wylie kritisiert, dass Menschen im Netz Geschäftsbedingungen zustimmen müssten, die ihnen schaden. Kein Architekt könne mit allgemeinen Geschäftsbedingungen an der Eingangstür ein gefährliches Bauwerk errichten oder damit fehlende Notausgänge rechtfertigen, schreibt er: „Warum sollte das bei den Verantwortlichen für die Entwicklung von Software und Online-Plattformen anders sein?“ Er schlägt deshalb eine IT-Ordnung vor, nach der Unternehmen sicherstellen müssen, dass die Auswirkungen einer Technologie in einem angemessenen Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen müssen.
    • Ethikkodex für Softwareingenieure: „Wenn ein Ingenieur von seinem Arbeitgeber den Auftrag erhält, ein System zu entwickeln, das manipulativ, moralisch fragwürdig oder für die Nutzer potenziell gefährlich ist, dann ist er nicht verpflichtet, sich zu weigern“, schreibt Wylie. Er riskiere sogar, entlassen zu werden. Für Strafen käme gegebenenfalls die Firma auf. Das sei ein „absurder Anreiz zu Fehlverhalten“. Damit Regeln für Tech-Firmen Wirkung zeigten, fordert er persönliche Konsequenzen für diejenigen, die schädliche Software oder Künstliche Intelligenz entwickelten.
    • Eigene Regeln für „Internet-Versorger“: In die Debatte über die Übermacht der Tech-Konzerne bringt Christopher Wylie einen neuen Gedanken ein. Dominante Dienstleister im Netz sollten nicht zerschlagen, sondern als „Internet-Versorger“ besonders stark reguliert werden. „Sie müssen begreifen, dass aus ihrer Größe ein öffentliches Interesse resultiert, das in einigen Fällen zwangsläufig schwerer wiegen wird als ihr Interesse am Erzielen von Profiten“, schreibt Wylie. Er argumentiert, dass Verbraucher davon profitierten, wenn sehr viele Menschen dieselbe Suchmaschine und dasselbe soziale Netzwerk nutzten. Verstießen sie gegen Sicherheitsstandards, sollten sie aber entsprechend ihren Profiten bestraft werden.
    • Hilfe für neue Wettbewerber: Die marktbeherrschende Stellung einzelner Tech-Konzerne soll neue Marktteilnehmer nicht abschrecken. Im Sinne der Wirtschaftsentwicklung sollten die „Internet-Versorger“ gezwungen werden können, ihre Infrastruktur mit kleinen Konkurrenten zu teilen, wie es auch im Telekommunikationssektor geschehe, um Verbrauchern Wahlmöglichkeiten zu schaffen.
    • Öffentliche Aufsicht für Tech-Konzerne: Bei den gegenwärtigen Versuchen, Kartellgesetze auf Tech-Konzerne anzuwenden, würde der Wert von Verbraucherdaten unterschätzt, bemängelt Wylie. Bei der Entscheidung über Auflagen und Akquisitionen für Internet-Versorger gelte es, ihren tatsächlichen Wert ebenso zu berücksichtigen wie das öffentliche Interesse. Damit neue Digitalgesetze umgesetzt und Strafen verhängt würden, sollten nach Ansicht von Wylie neue Regulierungsbehörden eingerichtet werden. „Vor allem sollten diese Behörden technisch versierte Ombudsleute beschäftigen, die das Recht haben, im Namen der Öffentlichkeit proaktiv Überprüfungen von Plattformen vorzunehmen.“

    Mehr: Einblicke in geheime Facebook-Daten – und was Werbetreibende daraus lernen können

    Startseite
    Mehr zu: Buchtipps zum Thema Datenschutz - Wie aus gestohlenen Facebook-Daten Propaganda-Werkzeuge werden konnten
    0 Kommentare zu "Buchtipps zum Thema Datenschutz: Wie aus gestohlenen Facebook-Daten Propaganda-Werkzeuge werden konnten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%