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Martin Richenhagen Wie ein rheinischer Religionslehrer zum Topmanager in den USA wurde

Erinnerungen an Kohl, Obama und Trump: In seiner Biografie beschreibt Ex-Agco-Chef Martin Richenhagen seine Karriere – und erhebt sich zum „Amerika-Flüsterer“.
03.04.2021 - 08:45 Uhr Kommentieren
Der studierte Theologe war der erste Deutsche an der Spitze eines Fortune-500-Unternehmens. Quelle: imago/photothek
Martin Richenhagen

Der studierte Theologe war der erste Deutsche an der Spitze eines Fortune-500-Unternehmens.

(Foto: imago/photothek)

Düsseldorf Es war im Herbst 2016, nur einen Tag nach der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten, als Martin Richenhagen dem Handelsblatt ein ausführliches Interview gab. Seine zentralen Botschaften lauteten damals: „Ich bin nicht überrascht, dass Trump gewonnen hat.“ Und: „Ich traue ihm einiges zu.“

Inzwischen ist Trump wieder abgewählt worden. Und Richenhagen, 68, der über 16 Jahre amtierende Chef des Landmaschinenherstellers Agco und damit erste Deutsche an der Spitze eines Fortune-500-Unternehmens, hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Und mit tatkräftiger Hilfe der beiden Kölner Journalisten Thomas Mersch und Stefan Merx seine Biografie geschrieben.

Entstanden ist ein mehr als 300 Seiten umfassendes Buch mit dem Titel „Der Amerika-Flüsterer“, in dem Richenhagens wahrhaft ungewöhnlicher Weg vom deutschen Religionslehrer zum Topmanager in den USA beschrieben wird – und zwar in 16 teilweise höchst privaten Kapiteln.

Ein Beispiel aus seiner Schulzeit in der Oberstufe: „Ich kann mich erinnern, dass Ann (die Englisch-Assistentin aus Liverpool) und ich uns mal vor der Haustür mit einem Kuss verabschiedeten. Da riss meine Mutter oben das Badezimmerfenster auf und rief runter: ,Ihr seid aber noch nicht verlobt.‘ Also, die Idee, dass man ein Mädchen küsst, war für meine Mutter vollkommen abwegig.“

Das streng gläubige Elternhaus prägte ihn offenbar derart, dass er sich nach der Schule für ein Studium der katholischen Theologie an der Universität Bonn entschied. Anschließend wurde Richenhagen Religionslehrer in der rheinischen Provinz, genauer gesagt in Frechen.

Es folgte, wie es in der Kapitelüberschrift „Karriere auf Umwegen“ heißt, sein Wechsel als Sachbearbeiter zu einem Stahlwerk. Richenhagen hielt nach einer Beförderung fest: Ein Gehalt in sechsstelliger Höhe, ein grünmetallicfarbener BMW als Firmenwagen und Prokura – „all das, was mir beim Seitenwechsel vorschwebte, hatte ich erreicht. Im Grunde war ich am Ziel.“

Martin Richenhagen mit Thomas Mersch und Stefan Merx: Der Amerika-Flüsterer.
Edel Books
Hamburg 2021
319 Seiten
24,95 Euro
Das Buch erscheint am 8. April.

Doch dann holte der damalige Stahlwerkschef Jürgen Thumann (der viel später BDI-Präsident wurde) die Berater von McKinsey ins Haus. Und Quereinsteiger Richenhagen, der inzwischen per Fernstudium einen Abschluss als Diplom-Betriebswirt nachgeholt hatte, kam erstmals mit der hohen Kunst amerikanischer Managementlehre in Berührung.

Es schloss sich sein Wechsel zum Schweizer Aufzugbauer Schindler an – und eine Begegnung mit Helmut Kohl. Bei der Einweihung des Debis-Hochhauses am Potsdamer Platz in Berlin 1997 nahm der damalige Kanzler den neuen gläsernen Lift – und blieb stecken. Als Kohl höchstpersönlich das Nottelefon in die Hand nahm und sprach: „Hier ist Bundeskanzler Kohl“, kam als Antwort zurück: „Verarschen kann ich mich selbst.“

Kohl reagierte amüsiert, als der Aufzugrepräsentant Richenhagen anschließend vom Bauherrn heranzitiert und zur Rede gestellt wurde. Und auch Richenhagen schadete diese Panne nicht bei seinem weiteren Aufstieg, der sich in Person von Wilhelm Friedrich Boyens ankündigte, damals Topberater bei Egon Zehnder.

Boyens lotste Richenhagen an die Spitze von Claas und damit in die Branche der Landmaschinenhersteller. Der Wirtschaftszweig wurde dominiert von den Konzernen John Deere und Case New Holland (CNH). Herausforderer war Agco, dessen Chef 2002 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war und dessen Nachfolger schließlich Richenhagen wurde.

Sein Aufstieg an die Konzernspitze wird bis dahin ausführlich und geradlinig beschrieben. Im Gegensatz dazu bleibt sein politischer Kompass – zumindest in der Biografie – seltsam unaustariert.

So negativ sich Richenhagen im eingangs erwähnten Handelsblatt-Interview zu Trumps Vorgänger im Amt äußerte („Von Barack Obama wird nur übrig bleiben, dass er der erste schwarze Präsident war“) und so zumindest sympathisierend er damals auf Trump blickte („Interessant sind seine Steuerideen“), so gegensätzlich schreibt er nun: „Natürlich ist es besser, nicht von Trump regiert zu werden.“ Und nennt ihn einen ungebildeten „Kotzbrocken“.

Was denn jetzt? Richenhagen mag wie viele Wahlberechtigte unzufrieden gewesen sein mit der Präsidentschaft Trumps und seine Meinung entsprechend revidiert haben. Aber ein veritabler „Amerika-Flüsterer“, der viele Jahre auch zum einflussreichen Business Council in Amerika gehörte, hätte Trumps „populistischen Mist“, wie es Richenhagen inzwischen formuliert, deutlich früher erkennen können. In diesem Punkt wird Richenhagen seinem selbst gewählten Titel kaum gerecht.

Mehr: Martin Richenhagen: „Die Amerikaner haben ihre Verantwortung in der Welt aufgegeben“

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