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Plädoyer für Freundlichkeit Eine simple Botschaft machte Rutger Bregman zum Star einer neuen Bewegung

Mit „Im Grunde gut“ hält sich der niederländische Autor seit Wochen in den Bestsellerlisten. Sein Buch ist ein optimistisches Gegenprogramm zum Alarmismus.
30.07.2020 - 12:56 Uhr 1 Kommentar
Fünf Jahre hat er an seinem neuen Buch gearbeitet. Quelle: imago/Horst Galuschka
Rutger Bregman

Fünf Jahre hat er an seinem neuen Buch gearbeitet.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

München Jeder Autor lebt von Knalleffekten. Und Rutger Bregman lebt gut davon. Erstes Beispiel: Beim Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos beschuldigte er die anwesenden Besserverdiener, viel zu wenig Steuern zu bezahlen. Und einige Wochen später attackierte er seinen TV-Interviewer Tucker Carlson vom rechtskonservativen Sender Fox News, woraufhin dieser seinen Gast als „Vollidiot“ betitelte und das Gespräch abbrach.

Beide Male handelte es sich um kalkulierte Provokationen. Beide Male wurden die kleinen Skandale zu viralen Hits im Internet. Und der niederländische Journalist und Historiker Bregman stieg zum Anti-Establishment-Star auf. Der 32-Jährige selbst sagt, „vielleicht Teil einer neuen Bewegung zu sein“.

Im Grunde zeigen schon diese beiden Konflikte, dass Menschen gelegentlich unmoralisch sind. Sie gönnen dem Staat zu wenig und sich selbst zu viel Geld oder wollen sich einfach auf Kosten anderer profilieren. Doch Bregman, der Störenfried von Davos, entfaltet in seinem jüngsten Buch eine ganz andere Sicht auf die Welt. Die Menschen sind bei ihm im Grunde so, wie in Friedrich Schillers Idealbild: edel, hilfreich und gut.

Bregmans Werk ist ein kämpferisches Plädoyer für jenes Gutmenschentum, das vor Jahren in konservativen Kreisen geradezu verspottet wurde. Menschen sind, so seine Theorie, mit innerer Logik zu Freundlichkeit und friedlicher Zusammenarbeit geradezu bestimmt, weshalb es in Katastrophenfällen zur „Explosion des Altruismus“ komme. Aus dem „survival of the fittest“ nach Charles Darwin wird hier ein „survival of the friendliest“.

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    Nur die Medien hätten das bislang nicht verstanden, kritisiert der Autor, denn sie würden sich überwiegend auf schlechte Nachrichten fokussieren und so für eine fehlgeleitete Sichtweise sorgen. Das Phänomen der Hamsterkäufe in den ersten Tagen der Pandemie erledigt sich laut Bregman somit als Medienereignis selbst. Die meisten helfen ja einander: Auf jeden Panikkäufer kamen nach Zählweise des Autors Tausende Krankenschwestern.

    Gegen den Alarmismus der Welt

    So viel Missionarsgeist ist mal ein richtiges Gegenprogramm zu dem Alarmismus, mit dem Buchverlage sonst gerne das Publikum bedienen. Bregman hält sich seit Wochen auf der Bestsellerliste – weil er ganz offensichtlich den Zeitgeist trifft. Das Buch habe in der Luft gelegen, er habe nur die Punkte verbinden müssen, gibt er kund. Da erscheint es eher als Marketinggag, wenn Bregman davon schreibt, dass sein Buchkonzept anfänglich in Deutschland kaum zu platzieren gewesen sein. Sein eigener Verlag Rowohlt will davon nichts wissen.

    Gegen das Defizit an Positivem, gegen all den Zynismus der Welt schreibt Bregman in manischer Weise an. Fünf Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, erzählt er. Wo immer er Dunkles in der Geschichte unserer Zivilisation entdeckt hat, schwingt Bregman den Pinsel mit viel Alpinweiß. „Freundlichkeit ist ansteckend wie die Pest“, verkündet er und sieht einfach mal alles positiv: Jeder Mythos vom Schlechten in der Welt wird im Plauderton entzaubert.

    Rutger Bregman: Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit.
    Rowohlt Buchverlag
    480 Seiten
    24 Euro

    Und stolz führt er an, dass der Mensch die einzige Spezies im Tierreich ist, die erröte. Eigene Forschungsarbeit leistet der Mann dabei zwar nicht. Er geht vielmehr wie ein Detektiv all jenen wissenschaftlichen Arbeiten hinterher, die dunkle menschliche Seiten zu belegen glauben. Und siehe da: Es sei alles ganz anders. Sein liebster Satz: Die Theorie stimmt nicht.

    Das Stanford-Prison-Experiment etwa, bei dem angeblich Wärter zu Sadisten wurden? Gefälscht oder willkürlich interpretiert, sagt Bregman. Die gegeneinander kämpfenden Soldaten im Ersten Weltkrieg? Feierten am Schützengraben zusammen Weihnachten oder schossen womöglich absichtlich daneben. Oder der Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding, in dem sich schiffbrüchige Kinder auf einer Insel quälten? Nur das Gespinst eines psychopathischen Autors, meint der Autor, denn in einem realen Schiffbrüchigen-Fall, so auf der Pazifikinsel Ata geschehen, hätten die jungen Menschen aufs das Harmonischste kooperiert.

    Bregman stellt, rein rhetorisch, immer wieder eine Schlüsselfrage: Thomas Hobbes oder Jean-Jacques Rousseau? Wer kann die Welt besser erklären? Der britische Philosoph, für den erst die Zivilisation die Menschen davor bewahrt hat, sich weiter gegenseitig umzubringen? Oder der französische Denker, der just in der Gesellschaft den großen Sündenfall sah, die uns alle der Natur entfremdet und in Zwänge gesteckt hat?

    Bregman lässt nie einen Zweifel, dass er – wie Rousseau – das wahre Glück bei den Jägern und Sammlern früherer Tage sieht. Doch dann hätten die Fron der Landwirtschaft und das Entstehen von Eigentum alles kaputt gemacht. Viren (übertragen von Mensch zu Tier), Kriege, Ausbeutung der Natur, das alles kam über die Menschen. Zivilisation? Im Wesentlichen ein „einziges großes Unglück“.

    Diese Form von Romantik versteht man nur, wenn man auf Bregmans Hintergrund blickt. Niederländer gelten als Volk von Kaufleuten und Pfarrern. Der Autor schafft es, beide Kategorien zu verbinden: Aus Moral wird hier das Geschäft der Ego-Kapitalisierung. Das hängt damit zusammen, dass der Sohn eines Pastors und einer Lehrerin in Zeeland im südwestlichen Zipfel des holländischen „Bibelgürtels“ groß wurde. Hier war die Frömmigkeitsbewegung des 17. Jahrhunderts besonders stark, im Land der „Schwarzestrümpfekirchen“ leben viele strenggläubige Anhänger reformierter Kirchen.

    Gerade aus diesem Milieu war es möglich, dass Bregman zum Propheten der neuen Zeit aufsteigen konnte. Spätestens gilt das seit seinem vorletzten Buch „Utopie für Realisten“. In dem Werk fordert er offene Grenzen, ein bedingungsloses Grundeinkommen und die 15-Stunden-Woche.

    Studiert hat Bregman Geschichte in Utrecht und Los Angeles, journalistisch ist er für die werbefreie, linksliberale Analysen-Webseite „De Correspondent“ aktiv. Als er jedoch vor drei Jahren in einer TED-Talk-Debatte deklamierte, dass Armut kein Mangel an Charakter sei, sondern „ein Mangel an Cash“, fiel manchem auf, dass er hier einfach eine Bemerkung des US-Soziologen Daniel Patrick Moynihan übernahm. Jüngst schrieb er, womöglich in einem Anflug von Selbstüberschätzung, einen „Brief an das holländische Volk“, gesponsert von einer Staatslotterie. Es ging um die Apokalypse der Klimakatastrophe.

    Das Böse kann Bregman nicht erklären

    Bregmans neues Buch ist das Ergebnis eines Gutwilligen, der sich seine Theorie hin und her biegt. Die unter dem Strich allerdings das Böse in der Welt nicht erklären mag: den Rassismus des Polizisten, der George Floyd tötete zum Beispiel. Oder die Nazis, die Juden ermordeten. Oder die Folter in den Gefängnissen im Iran und in Syrien.

    Die Wahrheit ist doch weitaus mehr, dass Menschen sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften haben. Dass Faktoren wie Herkunft, Familie, Erziehung, Ideologie, Glaube, Status und Schicht das Verhalten beeinflussen. Und dass eine bestimmte graue Substanz im Gehirn für Altruismus verantwortlich ist, wie der Verhaltensökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich mit seinen Mitstreitern festgestellt hat.

    Für Bregman dagegen ist klar, dass der Machtphilosoph Niccolo Machiavelli die Menschheit im 16. Jahrhundert verdorben hat. Alle würden dessen Theorie glauben, dass Herrscher ständig lügen und betrügen müssten. Die erstaunliche Kampfbereitschaft der Soldaten in Nazideutschland erklärt der Autor mit Kameradschaft und Loyalität, das Böse sei hier in Gestalt des Guten daherkommen.

    Freundlichkeit ist ansteckend wie die Pest. Rutger Bregman (Buchautor und Historiker)

    Warum aber mordeten Teile der Wehrmacht im Osten genauso wie die SS, während sich andere dagegen wehrten? Hier spart sich der Autor lange Erklärungen, schreibt pauschal nur von Hirnwäsche und Gruppenzwang. Die Publizistin Hannah Arendt wiederum, die Bregman für seine Theorie vereinnahmt, bestand darauf, man könne nicht entscheiden, ob der Mensch gut oder böse sei.

    Auf kritische Anmerkungen, ein „Utopist“ zu sein, antwortet der Pastorensohn, seine Thesen seien tatsächlich „relativ neu“ und hätten sich noch nicht überall herumgesprochen. Dass Revolutionen und neuere Bewegungen wie etwa der Feminismus nie durch Freundlichkeit entstanden sind, sondern durch eher unfreundliche Menschen: geschenkt. Man müsse halt nur wissen, wann der richtige Zeitpunkt sei, „ein Arschloch zu sein und wann freundlich“.

    Mit so viel Flexibilität ist man voll kompatibel mit der Mediengesellschaft. Wenn wir uns alle vertrauen würden, bräuchten wir keine Polizei, führt Bregman aus. Gemeingüter, die sogenannten „Commons“, sind für ihn eine Alternative zwischen Staat und Markt.

    Der pastorale Bestseller endet tatsächlich als Lebenshilferatgeber mit zehn Geboten. „Meide die Nachrichten“, lautet das siebte Gebot – ganz so, als ob Weghören das Problem von zu geringer Medienkompetenz lösen könnte. Seine „wichtigste Lebensregel“ serviert der Autor zum Schluss: „sei realistisch“. Wir lebten auf dem Planeten A, auf dem Menschen zutiefst zum Guten neigen, der überall laut auftretende Zyniker aber „weltfremd“ sei.

    Die Naivität von heute könne die Nüchternheit von morgen sein. So naiv waren selbst die Hippies der späten 1960er-Jahre nicht.

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    1 Kommentar zu "Plädoyer für Freundlichkeit: Eine simple Botschaft machte Rutger Bregman zum Star einer neuen Bewegung"

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    • Oje - schon wieder ein Pastorenkind.

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