Voll verpasst?!: Lebenshilfe vom Tiktoker: Herr David rechnet mit der Schule ab
Autor David Renken findet, dass es den Lehrplänen an lebenspraktischem Know-how mangelt. (Foto: PR)
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Den Satz des Pythagoras könne er immer noch auswendig. Nur wofür man ihn im Alltag braucht, würde ihm nicht einleuchten, schreibt Influencer David Renken in seinem am Mittwoch erschienenen Buch. „Ich war nach meiner Schul- und Unizeit vollkommen unvorbereitet auf das Berufsleben“, berichtet er.
So wie ihm ergeht es vielen. Eine Forsa-Umfrage ergab im Frühjahr, dass eine große Mehrheit nicht mehr daran glaubt, dass Schulen ausreichend auf das Leben vorbereiten.
Auch Renken findet, dass es den Lehrplänen an lebenspraktischem Know-how mangelt. Er hat deshalb einen Ratgeber für junge Menschen zu den aus seiner Sicht wichtigsten Fragen geschrieben. Vorweggenommen: Steuerbildung behandelt er nur am Rande. Vielmehr geht es ihm um die Welt der „Gedanken und Gefühle“ – mit Themen wie Selbstbewusstsein und Motivation.
Millionen Menschen folgen „Herrn David“ auf Tiktok
Die Idee, ein Buch zu schreiben, kam David Renken schon in der Schulzeit. Was damals als Basis für den Erfolg des Projekts fehlte: eine millionenstarke Reichweite. Um die zu erreichen, hat David Renken schon 2015 mit Social Media angefangen. Doch unter anderen Vorzeichen, wie er erzählt. Damals handelte er mit Uhren und wollte das Potenzial einer neuen Vertriebsmöglichkeit nutzen: Influencer-Marketing. Dabei bewerben Personen mit großer Followerschaft gegen Geld Produkte auf ihren Kanälen – und kassieren zudem meist eine Provision, wenn jemand über Links in den Beiträgen Produkte der Werbepartner kauft.
Renken beschloss, sich auch selbst vor die Kamera zu stellen. Mittlerweile hat er sich parallel auf das Management von Influencern spezialisiert und betreut, neben sich selbst, sieben weitere Influencer. Auf seinen eigenen Kanälen veröffentlicht er unter dem Namen „Herr David“ Kurzvideos. Auf der Plattform Tiktok folgen ihm über 1,5 Millionen Menschen, größtenteils Kinder und Jugendliche. Sie schauen sich beispielsweise an, wie er in Sketchen „Sternzeichen beim Arzt“ parodiert.
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Die meisten Nutzer der Plattform sind jung. Viele stehen kurz vor ihrem Schulabschluss oder haben die Schule gerade beendet und stellen sich die Frage, wie es weitergehen soll. Mit seinem Buch „Voll verpasst?! Was Du wirklich wissen solltest, Dir aber niemand sagt“ verspricht Renken, durch das Chaos des Erwachsenwerdens zu helfen.
Als Schüler hätte er sich oft gefragt, warum Themen wie Finanzen und Umweltschutz kaum behandelt würden, die Gedichtanalyse dafür aber noch Abiturienten verfolgt. Auch sei er „mehr als nur der Sternzeichen-Typ“ und wolle bei seinem jungen Publikum Begeisterung und Interesse für wichtige Themen wecken.
Auf rund 200 Seiten führt er die Leser so durch die Welt der Versicherungen oder des ausgewogenen Haushaltens. Spoiler: „Gib nicht alles auf einmal aus!“ Und: „Da du in der Schule oft nur hörst, was es zu lernen gibt, aber nicht, wie du es dir auch merken kannst“, gibt es auch einen Crashkurs zu Gedächtnistrainings und Lernmethoden.
Wer jetzt denkt, es ginge nur um leichte Kost, irrt. Renken spricht durchaus Themen an, die gerade Influencer allzu gern aussparen. So zum Beispiel, dass Social Media auch die Gefahr einer Sucht birgt. „Ich will Social Media nicht schlechtreden. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt“, schreibt er. „Ich weiß aber auch, wie gefährlich Social Media sein kann. Mir liegt deshalb am Herzen, dass du dich mit dem Thema näher auseinandersetzt.“
Nicht nur die Auswahl, auch die Gewichtung der Themen zeigt, dass Renken sein Buch anhand persönlicher Eindrücke und aus seiner Perspektive gestaltet hat. Unweigerlich führt das allerdings auch dazu, dass bestimmte Themenfelder ganz außen vor bleiben, während die Frage, wie man sich nicht nur gesund und klimafreundlich ernähren kann, mehrere Seiten füllt und zahlreiche Literaturverweise enthält.
Ein Instagram-Reel in Buchform
Das Buch ist stark auf die junge Zielgruppe von „Herr David“ zugeschnitten. Auffälligstes Merkmal: Immer wieder interagiert er direkt mit den Lesern, spricht sie per Du an, fordert sie unmittelbar auf, etwas zu tun und etwas anderes zu lassen. Auch sonst wirkt das Buch, als hätte er eines seiner Videos transkribiert und in Buchform gebracht. So gibt es immer wieder Einschübe von Charakteren, die Zuschauern auch aus seinen Videos bekannt sind.
„Ist doch eigentlich auch nur Content“, schreibt er zu Beginn. Und doch birgt ein Buch Möglichkeiten, die ein paarminütiges Video nicht bieten kann. Die zur sprachlichen Präzision und zur umfassenden Kontextualisierung beispielsweise. Um aber möglichst viele Menschen zu erreichen, hatte er das Buch auch sprachlich einfach gehalten. Das Ergebnis: ambivalent.
Einerseits mögen einige plakative Vereinfachungen irritierend sein. „Alle Menschen leben vegan? Der Planet ist gerettet. Es reicht, wenn jeder bei sich selbst anfängt“, schreibt Renken beispielsweise in einem Kapitel mit „Arbeitsaufträgen“ zur Bewältigung des Klimawandels neben anderen Tipps.
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Andererseits darf man es Renken durchaus anrechnen, mit der einfachen Sprache seines Buches ein breites Publikum anzusprechen. Denn nicht jeder wird den Klimawandel in seiner umfassenden Komplexität begreifen – und sei es nur wegen des noch jungen Alters. Zu seiner Bewältigung braucht es dennoch alle.
Dass der Klimawandel noch nicht besiegt ist, wenn wir uns nur alle vegan ernährten, weiß auch David Renken. Die „Schockerzeile“ soll zum Nachdenken anregen, sagt er dazu. Hier zum Überdenken der eigenen Ernährungsweise. Auch an anderen Stellen nutzt er Vereinfachungen und Buzzwords als Signalmittel, um das Thema anschließend detaillierter zu behandeln.
Wie das Stilmittel ankommt, ist eine andere Frage. Im Anhang findet sich jedenfalls, neben einem Glossar, in dem er Fachbegriffe leicht verständlich erläutert, auch eine umfangreiche Liste mit Literaturempfehlungen zu allen Kapiteln – auch zu der Frage, welche Rolle der Veganismus für den Klimaschutz spielt.
Warum wir hoffen sollten, dass Renkens Buch Erfolg hat
Viele Influencer-Bücher sind eine Zumutung und nur wenige originell. Man denke nur an Werke wie das in diesem Jahr erschienene Buch von und über Jeremy Fragrance „Power, Baby! Die Jeremy-Fragrance-Story“. Im Gegensatz zu ihm verfolgt David Renken ein Ziel abseits der Selbstvermarktung.
Renken möchte mit „Voll verpasst?!“ jungen Menschen helfen, indem er sie für Themen rund um Selbstwahrnehmung und Glaubenssätze begeistert. Das Kapitel „Denken, fühlen, handeln“ mit Überschriften wie „Denk Dich besser!“ ist eines der längsten und detailliertesten des Buches. Als er das Cover im Gespräch präsentiert, strahlt er. Es sei ein „echtes Herzensprojekt“ gewesen.
Renken ist humorvoll, scherzt viel, wirkt im Gespräch aber dennoch viel ernster als „Herr David“ auf Tiktok. Es wäre ihm bei dem Buch keineswegs darum gegangen, die Schule schlechtzureden, erklärt er später. „Selbst die Gedichtanalyse vermittelt ja viel zu Sprachgebrauch und Co.“, schäkert er. Aber vieles würde eben fehlen, was für Jugendliche auf der Reise zum Erwachsenwerden wichtig ist.
So könnten seine Ratschläge im Umgang mit Überforderung und der Überwindung von Ängsten und seine Vorstellung alternativer Lernmethoden tatsächlich vielen von ihnen den Alltag und oft steinigen Weg ins Erwachsenenleben erleichtern. Auch viele ältere Zuschauer hätten ihn auf das Buch angesprochen. Wer aber nach Erklärungen und umfassenden Einordnungen zu gesellschaftlichen Verwerfungen sucht, wird enttäuscht. Und muss wohl weiterhin darauf hoffen, dass die Kultusministerien Themen wie dem Klimawandel und mentaler Gesundheit in den Lehrplänen mehr Raum geben.
Dass immer weniger Jugendliche zu einem Buch greifen und stattdessen auf Tiktok Influencern wie ihm dabei zusehen, wie sie Sternzeichen imitieren, ist ein bekanntes Phänomen. Doch ebendeshalb füllt Renkens Buch womöglich eine wichtige Nische. Nicht alle haben das Privileg, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem viel und früh gelesen wird. Und bei den wenigsten entfacht später Schulliteratur wie „Woyzeck“ das Interesse für das geschriebene Wort – wohl eher im Gegenteil.
Einen einfachen Einstieg allerdings kann das Buch von Renken liefern und nebenbei lebenspraktisches Know-how vermitteln. Preisverdächtig wird es damit nicht – dennoch besteht Grund zur Hoffnung, dass er mit der Idee Erfolg hat, seine Zielgruppe auf Tiktok abzuholen und in die Bücherwelt einzuführen.
Transparenzhinweis: David Renken war bis 2021 Mitarbeiter der Handelsblatt Media Group