Deutscher Wirtschaftsbuchpreis: Leserpreis-Gewinnerin Katja Diehl: „Willst du oder musst du Auto fahren?“
„Ich will den Menschen zeigen, dass das Ich nicht so wichtig ist wie das Wir“, sagt die Autorin.
Foto: HandelsblattFrankfurt. Die Leserinnen und Leser des Handelsblatts haben entschieden: „Autokorrektur“ von Katja Diehl, erschienen im S. Fischer Verlag, erhält den Leserpreis des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2022. Knapp 2500 Nutzerinnen und Nutzer haben in den vergangenen Wochen darüber abgestimmt. Am Freitagabend wurde der Preis im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bei einer feierlichen Gala überreicht.
Katja Diehl war – passend zu ihrem Thema, der Verkehrswende – zunächst mit dem ICE angereist, dann vom Hauptbahnhof mit dem Faltrad ins Hotel gefahren und schließlich zu Fuß zum Frankfurter Hof gelaufen. Sie konnte ihr Glück über die Auszeichnung kaum fassen. „Ich habe hohen Respekt vor den Büchern, die hier vorgestellt werden“, sagte sie.
Mit Handelsblatt-Redakteurin Claudia Panster sprach Diehl während der Preisverleihung über ihre „Mission“, die Deutschen vom Auto zu entwöhnen. Ihre provokante Zielvorgabe: „Jeder sollte das Recht haben, ein Leben ohne eigenes Auto führen zu können.“ Diehl kämpft seit 15 Jahren für das Thema Verkehrswende. Sie ist Bundesvorständin des Verkehrsclubs Deutschland, produziert einen Mobilitätspodcast und wirkt als Expertin in verschiedenen Ausschüssen.
Lesen Sie hier das ganze Interview:
Frau Diehl, herzlichen Glückwunsch zum Leserpreis des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises. Was glauben Sie, warum ist Ihr Buch bei den Leserinnen und Lesern so gut angekommen?
Ich habe einfach gemerkt, dass das Buch etwas bei den Menschen auslöst. Für mich selbst ist es mehr als nur ein Buch – und das konnte ich hoffentlich transportieren. Ich habe eine Mission.
Wie sieht Ihre Mission genau aus?
Ich will den Menschen zeigen, dass das Ich nicht so wichtig ist wie das Wir. Das gilt auch für die Mobilität. Willst du oder musst du Auto fahren? Das ist die zentrale Frage in meinem Buch. Meistens sind es äußere Zwänge, die die Menschen ins Auto steigen lassen. Sie würden gern darauf verzichten, wenn sie könnten.
Was hält sie ab?
In meinem Buch lasse ich 60 Menschen zu Wort kommen, die ich interviewt habe. Ich will nicht über Menschen schreiben, ich will ihnen Sendezeit geben. Viele von ihnen haben gesagt: Ich muss Auto fahren, weil ich keine Alternativen habe, weil es keine Barrierefreiheit gibt und weil ich mich nicht sicher fühle in den Alternativen, die mir gegeben werden. Und das Neun-Euro-Ticket hat gezeigt, dass für manche Menschen in diesem Land auch der Preis eine Rolle spielen kann.
Haben Sie das auch schon mal an Bundesverkehrsminister Volker Wissing kommuniziert?
Vor zwei Tagen war ich beim Verkehrsminister von Luxemburg. Viele hören mir zu. Und ins Bundesverkehrsministerium komme ich irgendwann auch noch. Volker Wissing hatte leider schon angekündigt, dass es das Neun-Euro-Ticket nur drei Monate lang geben würde, bevor das Experiment überhaupt angelaufen war. Das ist schade. Mobilität muss endlich wieder allen zugänglich gemacht werden.
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Wie soll das konkret aussehen?
Das heißt im ersten Schritt, sich den Menschen zuzuwenden. Ihnen zuzuhören, um zu erfahren, was ihre Bedürfnisse sind. Den 13 Millionen Erwachsenen zum Beispiel, die keinen Führerschein haben. Den Kindern, Alten, Menschen mit Behinderung. Aber auch den von Rassismus Betroffenen, den Queers und Transpersonen. Denn in einer Welt, in der Menschen in Gefahr sind, ändert sich deren Automobilität nicht.
Den Zusammenhang müssen Sie erläutern...
Im Auto haben sie einen Safe Space, da fühlen sie sich sicher. Nicht jede Person, die ein Lenkrad in der Hand hält, macht es freiwillig. Manche muss es auch tun, weil bestimmte Dinge in der Gesellschaft nicht stimmen. Mobilität muss deshalb wieder menschenzentrierter gestaltet werden. Wir haben die Pflicht, sichere Räume zu schaffen, an Bahnhöfen, Haltestellen, in Bussen und Bahnen. Damit Menschen aus dem Auto aussteigen können. Denn jeder sollte das Recht haben, ein Leben ohne eigenes Auto führen zu können.
Frau Diehl, vielen Dank für das Interview.