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Fed und Wall StreetNiemand hat einen Plan

Die Märkte starren auf die Geldpolitik. Aber deren Kurs und sogar ihre Wirkungsweise werden immer unklarer und umstrittener. Zwei Punkte sind dabei jetzt besonders wichtig, weiß Kolumnist Frank Wiebe. 23.04.2024 - 16:22 Uhr
Foto: dpa

Es beinhaltet eine gewisse Ironie, dass die Wall Street als Mittelpunkt des weltweiten Kapitalismus wie besessen nach Washington, der Hauptstadt des weltweit mächtigen Staats, blickt. Und kaum ein Zentralkomitee einer staatlich organisierten Planwirtschaft hat so viel Macht wie der geldpolitische Ausschuss der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), der dort regelmäßig, um einen riesigen Tisch gruppiert, in einem Saal in braun-gelben Farbtönen mit dem Charme eines in die Jahre gekommenen Hotels, tagt.

Aber wie in jeder Planwirtschaft stellt sich auch bei der Fed die Frage: Haben die Planer einen Plan? Dazu zwei wichtige Beobachtungen.

Punkt eins: Umstritten ist bereits, wie hoch die Inflation tatsächlich ist – und folglich, welches Handeln der Notenbank sich daraus ableiten lässt. Deren Bekämpfung ist schließlich Aufgabe der Fed. Das US-Arbeitsministerium wies für März eine Teuerungsrate von 3,5 Prozent aus, nach 3,2 Prozent im Vormonat

Man kann die Inflationsrate beinahe am Zwei-Prozent-Ziel sehen wie UBS-Stratege Paul Donovan, der vor allem statistische Verzerrungen für den Ausweis einer hartnäckigen Inflation verantwortlich macht. Oder man kann kurzfristige Preistrends aufs Jahr hochrechnen und daraus sogar eine wieder erstarkende Inflation ableiten, wie Torsten Slok, Chefökonom der US-Beteiligungsgesellschaft Apollo.

Den verschiedenen Thesen entsprechend fallen die Prognosen der Experten höchst unterschiedlich aus: Manche rechnen noch mit einigen Zinssenkungen im laufenden Jahr, andere wiederum mit einer für längere Zeit unveränderten Geldpolitik oder gar neuen Zinsanhebungen.

Wie wirkt Geldpolitik?

Punkt zwei: Es lässt sich auch über die Frage streiten, wie Geldpolitik wirkt. Das fängt damit an, dass der durchaus spürbare Rückgang der Inflation vielleicht mehr mit äußeren Faktoren – wie etwa dem Ölpreis – als mit Geldpolitik zu tun hat. Der bekannte unabhängige Wall-Street-Analyst Ed Yardeni hat nun außerdem die These aufgestellt, dass hohe Zinsen vielen Amerikanern zusätzliche Einkommen bescheren und damit die US-Wirtschaft sogar antreiben, statt sie zu bremsen, was sie im Sinne der Inflationsbekämpfung tun sollten.

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Auch andere Experten beobachten, dass viele Amerikaner ihre Kredite in der Niedrigzinsphase nach Ausbruch der Covid-Pandemie zu niedrigen Sätzen umgeschuldet haben, die zum Teil immer noch festgeschrieben sind. Gleichzeitig erhalten sie auf ihre hohen Cash-Bestände hohe Zinsen, was den Konsum antreibt – und damit die Wirtschaft, aber auch Inflation. Ähnliche Überlegungen sind auch schon für Unternehmen angestellt worden.

Von dieser Basis aus ist es nicht mehr weit zu einer Theorie, die auf den Ökonomen Irving Fisher zurückgeht. Sie geht davon aus, dass hohe Zinsen die Inflation erhöhen und niedrige Zinsen die Teuerung senken. Sie wurde zuletzt in der Niedrigzinsphase 2018 von einem Fed-Ökonomen aufgegriffen. Zunächst ist es einleuchtend, dass hohe Zinsen Kosten für Unternehmen darstellen, die möglicherweise in die Preise eingehen, und umgekehrt.

Aber der „Neo-Fisherism“ ist noch komplizierter. Er geht von der – umstrittenen – These aus, dass die nach Abzug der Inflation gerechneten Realzinsen sich letztlich unabhängig von Geldpolitik und Kapitalmärkten aus „realen“ wirtschaftlichen Trends ergeben. Die Geldpolitik beeinflusst also nur die nominalen Zinsen. Und die Inflation legt bei steigendem Nominalzins zu.

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Ein Beispiel:

  • Bei 4,0 Prozent Nominalzins und 3,0 Prozent Inflation liegt der Realzins bei 1,0 Prozent.
  • Wird der Nominalzins auf 5,0 Prozent erhöht, muss die Inflation auf 4,0 Prozent steigen, damit der Realzins bei 1,0 bleibt.

Was heißt das für die Märkte? Nichts Gutes. Bis sich die Lage etwas klärt, fehlt ihnen jeglicher Plan. Kein Wunder, dass der einflussreiche Aktienstratege Marko Kolanovic der US-Bank JP Morgan warnt, dass es nach einer kurzen Erholung der Aktienmärkte zu einer deutlicheren Korrektur kommen könnte.

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