Märkte Insight: Die Optimisten an den Märkten bleiben auch im neuen Jahr optimistisch
Frankfurt. „Prognosen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen. “ Dieses bekannte Zitat wird gleich mehreren berühmten Männern zugeschrieben, unter anderem dem irischen Dichter George Bernard Shaw, dem englischen Staatsmann Winston Churchill und dem dänischen Physiker Nils Bohr. Die Unsicherheit, was den Urheber des Bonmots angeht, passt ausgezeichnet zum Tenor des Zitats selbst, auch wenn die Erkenntnis, dass die Zukunft ungewiss ist, vielleicht nicht die originellste ist.
Wie ungewiss die Zukunft tatsächlich ist und wie schwierig zu prognostizieren, haben viele Analysten und Marktstrategen im vergangenen Jahr schmerzlich erfahren müssen. Vor zwölf Monaten sah der Konsens der Prognosen für den Weltleitmarkt USA ungefähr so aus: Vorsicht vor Aktien – die rasant steigenden Leitzinsen und die Gefahr einer schweren Rezession werden 2023 zu einer weiteren Enttäuschung machen. Umgekehrt sagten viele Kapitalmarktstrategen für Anleihen steigende Kurse und spiegelbildlich fallende Renditen voraus.
Es kam bekanntlich anders: Am Ende entpuppte sich 2023 als ausgezeichnetes Aktienjahr. Der US-Leitindex S&P 500 stieg um knapp 25 Prozent. An der technologielastigen Nasdaq summierten sich die Kursgewinne bis Ende Dezember sogar auf mehr als 50 Prozent, das größte Plus seit dem Internetboom zur Jahrtausendwende.
Umgekehrt gerieten die Kurse von US-Staatsbonds stark unter Druck. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen stieg von rund 3,8 Prozent im Januar auf fünf Prozent im Oktober, der höchste Wert seit der Finanzkrise. Selbst nach der bemerkenswerten Jahresendrally am Anleihemarkt liegt die aktuelle Rendite mit rund 3,9 Prozent noch leicht höher als vor zwölf Monaten.
Aber natürlich lagen nicht alle Experten mit ihren Kursschätzungen daneben. Zu den wenigen Strategen, die die Rally am Aktienmarkt korrekt vorhergesagt haben, zählt Tom Lee vom Researchhaus Fundstrat, der Anfang 2023 einen Anstieg des S&P 500 auf 4750 Punkte bis Jahresende prognostizierte und damit beinahe eine Punktlandung hinlegte. Sein Kollege Brian Belski von BMO Capital ging mit einer Prognose von 4300 Punkten ins Jahr 2023 und zählte damit laut Bloomberg ebenfalls zu den optimistischsten Aktienprofis.
Vorhersagen bleiben kompliziert
Beide Marktstrategen gehören auch im neuen Jahr zu den zuversichtlicheren Vertretern ihres Berufsstandes. Lees Kursziel für den S&P 500 bis Ende 2024 liegt bei 5200 Punkten, das wäre noch einmal ein Plus von rund zehn Prozent vom aktuellen Niveau aus. Belski rechnet laut Bloomberg für den US-Leitindex mit einem Anstieg auf 5100 Punkte.
Aber die Sache mit den Vorhersagen bleibt kompliziert. Denn es gibt keine Garantie, dass Analysten, die in der Vergangenheit mit Außenseiterprognosen richtiglagen, auch in der Zukunft erfolgreich sein werden. Das zeigt das Beispiel von Mike Wilson, dem Aktienstrategen des Wall-Street-Hauses Morgan Stanley.
Wilson sagte den Abschwung an den Aktienbörsen 2022 korrekt voraus, was ihm sehr viel Respekt in der Branche einbrachte. Mit seiner skeptischen Prognose für 2023 lag der Experte dann allerdings deutlich daneben. Auch für 2024 bleit der Morgan-Stanley-Stratege eher im Lager der Pessimisten. Er sieht den S&P 500 am Ende des Jahres bei 4500 Zählern, also quasi auf dem aktuellen Niveau.
Der erste Handelstag des neuen Jahres bot Optimisten und Pessimisten Argumente für ihre Haltung. Der Dax legte am Morgen kräftig zu und verpasste nach einer Handelsstunde ein weiteres Rekordhoch nur um 40 Punkte. Anschließend verließ die Anleger jedoch der Mut, und die Kurse drehten ins Minus. Der Dax schloss schließlich 0,1 Prozent im Plus bei 16.769 Punkten. In den USA notierte der S&P 500 zuletzt leicht im Minus.